Sehr geehrter Herr Schmidt,

auch wir suchen dringend Rat.

Wir, das sind: mein zukünftiger Mann und ich, beide Anfang 30, seit 3,5 Jahren ein Paar. Ich habe zwei Kids mit in die Beziehung gebracht, heute 13 und 15 Jahre alt: oft schwierig, aber immer im Rahmen.

Mein Mann selbst hat aus geschiedener Ehe einen knapp 8,5 Jahre alten Sohn und genau dieses Kind ist das Problem.

Ich hielt ihn von Anfang an zumindest für auffällig, mein Mann jedoch wollte so was nicht hören und tat es immer damit ab, dass ich den Jungen nicht leiden könnte. Das stimmt so nicht, aber ich fand schon immer sein ganzes Verhalten merkwürdig und inakzeptabel.

Er schlug ununterbrochen meine Kinder, lachte dabei und sobald diese sich wehrten, heulte er beim Vater, der ihm immer Recht gab. Er zerriß Privatbesitz meiner Kids und war trotzdem im recht. Alle sollten zusammen aufräumen, er musste nicht. Wenn er Fischstäbchen in Zitronensaft ertränken wollte, obwohl die Ungenießbarkeit voraus zu sehen war, durfte es das.

Man sieht: ihm wurde alles erlaubt. Das war schon schlimm genug, weil immer alle anderen Kinder an irgendwas schuld waren, nur er nicht. Mittlerweile ist es aber so, dass sein Verhalten irgendwie sehr sehr komisch geworden ist. Wenn er nicht ab und an mal reden würde, hielte ich ihn für einen Autisten, der in einer uns verborgenen Welt lebt.

Er hat keinerlei Freunde. Kein Kind will früher oder später etwas mit ihm zu tun haben, da er alles besser weiß, schneller kann, doller baut, schneller rennt, etc. Er kann alles besser, das glaubt er wirklich. Ihm wurde von seiner Familie eingeredet, dass die Kinder nur deshalb nichts mit ihm zu tun haben wollen, weil sie neidisch auf ihn wären.

Generell hat dieses Kind weder Moral, noch Anstand, Erziehung, Benehmen, kurz: keinerlei soziales Verhalten.

Seine 10jährige Cousine erzählte ihm vor ca. 1 Jahr, wie der Opa der beiden verstorben ist. Kurze Zeit darauf spielte es dieses Kind mit einem Grinsen im Gesicht nach und die Cousine erlitt einen Weinkrampf. Ich selbst habe das Kind in den ganzen Jahren weder mal von Herzen lachen noch aus Trauer weinen sehen. Er zeigt keinerlei Gefühlsreaktionen, ist nie wirklich traurig, hat nie wirklich Spaß, kann nicht mitfühlen. Wenn er anderen Schmerzen bereitet, grinst er. Bekommt er dann selbst nen paar ab, heult er sich beim Vater aus und der hat sehr, sehr lange gebraucht, bis er hinter die Cleverness und Abgebrühtheit seines Kindes gestiegen ist.

Letzten Sommer beispielsweise: das Kind ärgert im Garten die ganze Zeit die besagte Cousine. Als es ihr zu bunt wird, weil er ihr mit einem Stock auf dem Rücken rumgeschlagen hat, wehrt sie sich. Das Kind rennt zu seinem Vater und sagt: "Die hat mich geschlagen. Du weißt, was Du jetzt zu tun hast!" Ich dachte, ich höre nicht richtig. Einen Moment lang war mein Mann versucht, ihm tatsächlich beizustehen, bis er meinen Blick sah und seinen Sohn abblitzen ließ.

Dieses Kind hat zu niemandem wirklichen Bezug. Seine Mutter wurde schon in meinem Besein von ihm geschlagen, weil der Nikolausstiefel leer war. Er sagt nie "Tag" und "Tschüß", niemals "bitte" und "Danke". Als er letzten Freitag zu Besuch kam, ging er wortlos ins Kinderzimmer, zog Jacke und Schuhe aus, machte den Fernseher an. Kein "Hallo", keinerlei Begrüßung. Wenn er Sonntags zurück zu seiner Mutter gebracht wird, geht er ebenfalls wortlos. Als er letztes Jahr seinen Vater nach 7 Monaten (!) zum ersten Mal wiedersah (die Mutter hatte aus einer Laune heraus den Kontakt untersagt, wie so oft), sagte er nur: "Wie lange behälst du mich?" Kein um den Hals Gefalle, kein Kussi, kein "ich hab dich vermisst"...einfach nichts, was auch nur annähernd auf Gefühle schließen lässt.

Letzten Samstag wiedermal ein krasseres Beispiel:

Wir waren bei meiner Schwiegermutter, das Kind draussen, mein Mann im Garten, ich mit meiner Schwägerin in der Küche. Wir sassen dort und unterhielten uns bei offenem Fenster über alles mögliche, auch über Themen, die nicht für Kinderohren geeignet sind. Ich hörte nach einer Weile ein Kratzen an der Fensterbank. Als ich nachsah, stand dort das Kind, wortlos, und lauschte. Ich schloß das Fenster. Wenige Augenblicke später schaute ich nach, er war verschwunden, also öffnete ich wieder das Fenster. Da kam auch schon mein Mann und schimpfte, weswegen ich das Fenster schließe. Ich bekam keine Gelegenheit, es zu erklären und zog es vor, dann eben nach Hause zu fahren. Am anderen Tag erzählte mir meine Schwiegermutter, dass der Junge erzählt hatte, ich hätte ihm das Fenster vor der Nase zugemacht, als er nach was zu trinken gefragt hätte. Meine Schwägerin stellte dann den Sachverhalt richtig dar und überführte den Jungen einer weiteren krassen Lüge, die unser Familienleben versaut. Das sagt mein Mann diesem Kind an jedem Wochenende, an dem er bei uns ist und es ändert sich nichts. Mittlerweile droht er ihm schon an, ihn nicht mehr zu holen, doch es geschieht nichts. Er hat bei uns geklaut, es zumindest versucht, ist jedoch erwischt worden. Viele seiner Lügen konnten wir mittlerweile aufdecken, eine davon ging bis zum Jugendamt, er hatte erzählt, ich hätte ihn geschlagen. Als ich ihn fragte, warum er das erzählt, meinte er: "Sonst würde seine Mutter ihn schlagen!" Ich sagte, dass ich mir das aber gar nicht vorstellen kann und er gab zu, auch damit gelogen zu haben. Auf erneute Nachfrage, warum er das erzählt hat, kam nur noch Schulterzucken. Das kann er übrigens am besten: schulterzucken und "weiß ich nicht mehr" sagen. Er heult nie, er lacht nie, hat keine Freunde, keine Interessen. Dafür kann er jedes Nintendo- und Playstation – Spiel auswendig. Er sagt: er kann mit einem Plastikschwert in der Hand vom balkon springen und würde wieder zurückfedern. Ebenso hätte er einen Freund, der vom World Trade Center in den Tod springen musste. Beim erzählen grinst er breit. Angeblich hat er eine Horde Ausländer vermöbelt, weil die seine Mutter angemacht haben. Auf Zweifel hin gibt er zu, sich das ausgedacht zu haben, jedoch erst bei hartnäckigem Nachfragen.

Mein Mann ist jedes Wochenende verzweifelt, weint, redet mit ihm, schimpft, lässt ihm dann jedoch wieder seinen Willen. Er will, dass er am Leben teilnimmt, serviert ihm dann aber sein Essen im Kinderzimmer. Nicht mal mehr nahe Verwandte kommen mit diesem Kind klar, niemand will es mehr sehen. Meine Schwiegermutter sagte mir gestern nach einem weiteren verheultem, nervenraubendem Wochenende:

"Das bringt niemandem was, auch dem Kind nicht. Brecht den Kontakt ab. Wenn er alt genug ist, sich sein eigenes Urteil zu bilden, wird er schon ankommen. Ansonsten hat er bis dahin euer Leben zerstört!"

Ich sehe das genauso, mein Mann auch, kann sich aber aus Pflichtgefühl nicht dazu durchringen, ihn nicht mehr zu holen. Er holt den Jungen und ausser zum Essen und Pinkeln sieht man ihn bis sonntags abend nicht mehr: er ist nur im Kinderzimmer vor der Glotze, ohne Brille, die tut er immer ab. Sucht weder Gespräch noch Nähe zu niemandem. Ein absoluter Fremdkörper in unserer ansonsten intakten Familie.

Als ich vor ca. 1,5 Jahren zu einem Beratungsgespräch an einer Erziehungshilfestelle war wegen meiner Teenie – Tochter und den zunehmenden Schwierigkeiten mit ihr, redete ich auch über dieses Kind. Man sagte mir, es könnte eine Verhaltensauffälligkeit sein, die, wenn sie nicht behandelt wird, zu einer Verhaltensstörung wird, die schwerer, viel schwerer zu behandeln sei. Damals pfiff mein Freund mich zusammen, sein Kind habe so was nicht, ich könnte ihn nur nicht leiden.

Heute sagt er :"Hätte ich doch nur auf Dich gehört!"

Wir brauchen dringend Hilfe!

Hallo,
so wie Sie über dieses Kind schreiben, bekommt man wirklich den Eindruck, sie könnten es nicht leiden. Sie sprechen ziemlich gehässig und verständnislos von ihm (Sie nennen es hier z.B. immer nur "das Kind", "dieses Kind" etc., ohne seinen Vornamen zu sagen), so dass Ihr Mann natürlich immer wieder Partei für sein von Ihnen so schlecht behandeltes Kind ergreifen muss und dabei die wirkliche Not des Kindes genau so wie Sie vollkommen übersieht.

Offensichtlich handelt es sich bei "dem Kind" um ein chronisches Scheidungstrauma. Ein Kind also, dass seine Familie verloren hat und noch keine neue finden konnte. Für Kinder ein schrecklicher Zustand. Das wirkliche Problem liegt deshalb nicht bei "dem Kind", sondern bei den Erwachsenen, die alle miteinander bisher wohl nicht in der Lage waren, das Kindeswohl wirklich ernst zu nehmen und dem Kind wieder eine Familie zu besorgen. Eine leibliche Mutter, die die Beziehung des Kindes zu seinem Vater massiv stört, eine verständnislose Stiefmutter, ein Vater, der zwar zu seinem Kind hält, aber doch so total hilflos handelt, andere Kinder, die die Erwachsenen aus seiner subjektiven Sicht viel lieber haben...Armes Kind!

Mein Rat: Suchen Sie eine Familientherapie bei Trennung und Scheidung in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle. Dort sollten sich die Erwachsenen zusammensetzen und die Konflikte um "das Kind" ganz rasch bereinigen. Das Kind braucht eine Familie, in der es sich zu Hause fühlen kann.
Dann könnte es endlich langsam wieder lachen!

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt