Sehr geehrter herr Schmidt!   Ich habe zwei Söhne. Der kleine ist 1 1/2 Jahre alt und der große 4 1/2. Die beiden verstehen sich ganz gut, außer gelegentlichen Streitigkeiten um Spielzeug (das ist meine!) habe ich als Mutter mit den Kindern keine Probleme. Zwar ist der 4 jährige gerade in der Ego-tripp-phase und verweigert schonmal den Gehorsam (ich muss dann diskutieren, um ihn zu überzeugen oder sehr resolut werden), aber ich empfinde dies nicht als unnormal oder belastend. In Situationen, die wichtig sind (an der Straße stehenbleiben, im Kaufhaus an meiner Seite bleiben, mit dem Fahrrad nicht davonfahren) gehorcht er.   Er hat eine große Vorliebe für technische Details, so sieht er sich z.B. liebend gern mein visuelles Lexikon an und stellt dazu Fragen, welche Teile hat ein Fahrrad, ist das der Saturn, lies den Artikel über das Space-Shuttle usw. Auch für spezielle Kinderbücher (Findus und Petterson)zeigt er großes Interesse.   Zu bestimmten Dingen hat er wenig Lust. Eine Zeit lang malte er (nur) Raketen, im Moment will er überhaupt nicht mehr malen. Puzzle mag er nicht. Ich brachte ihn mal dazu, eines oder zwei zusammenzulegen, er konnte das auch, hat aber kein weiteres Interesse daran gezeigt. Ebenso verhält es sich mit Memory-Spielen.   Motorisch ist er sehr geschickt, laut Erziehrin kann er sehr gut mit Nadel und Faden umgehen.   Nun kam aus dem Kindergarten der massive "Hinweis", er hätte ein gestörtes Verhalten. Das Problem ist der morgendliche Sitzkreis, der 45 minuten dauert. Mein Sohn bleibt nicht konzentriert sitzen. Mir sagt er schon früh im Auto, dass er keine Lust dazu hat. Und dann fängt er im Kreis an, herumzuhampeln. Kurz gesagt: Er stört den Ablauf. Und das scheint ihm auch noch Spaß zu machen.   Eine woche lang habe ich ihm jeden Morgen das Versprechen abnehmen können, sitzenzubleiben, und laut der Erziehrinnen klappte das auch ganz gut. Aber nun will er nicht mehr. Sage ich ihm, er soll sitzen bleiben und zuhören, antwortet er: "Ich habe keine Lust."   Außerdem ist er nicht der große Bastelfreund. Im Kindergarten wird jeden Tag gebastelt. Manchmal bastelt er mit, oft jedoch "kann er sich nicht konzentrieren und läßt sich ablenken" sagt die Erzieherin. Allerdings soll er in der Sport- und Englischstunde, die auch im Kindergarten stattfindet und mit Spiel und Bewegung kombiniert ist, aufmerksam sein.   Außerdem berichtete mir eine andere Mutter, dass sie ihn sah, wie er sich auf der Erde wälzte und komische Laute von sich gab (wäh, wäh, wie ein baby), so "dass man denken konnte, er tickt nicht richtig". nun vermute ich, dass er sein kleines Brüderchen imitiert, dieser macht das nämlich gerade, wenn er einen Bock hat. Zu Hause imitiert er den Kleinen oder andere Kinder auch manchmal. Wenn ich mich dann ärgere, und/oder ihm sage, er soll damit aufhören, lacht er und macht weiter, als necke er sich. Es sieht aus, als mache er es zum Possen. Kann man da von einer Entwicklungsphase ausgehen, die sich mit größer werdenem Verstand vielleicht auswächst?   Was kann ich tun? Das Kind nun ärzlichen Tests unterwerfen, um der Diagnose der Ärztin und Erzieherin nachzugehen und es damit womöglich verunsichern oder in die Schiene "mit mir stimmt etwas nicht" hineintreiben? Seit die hinweise (eine Zeitlang so massiv, dass ich mich unter Druck gesetzt fühlte) aus dem kindergarten kommen (etwa 2 Monate) habe ich auch den Eindruck, sein Selbstbewußtsein läßt nach. Er probiert kaum noch neue Dinge aus und sagt stattdessen "Das kann ich sowieso nicht." Und er will an der Hand laufen und  oft bei einem Erwachsenen auf dem Schoß sitzen. Das ist etwas ganz Neues bei ihm. Sein kleiner Bruder tut dies nicht.   Seine bisherige Entwicklung verlief schubweise. Er konnte erst mit 15 Monaten, aber dafür sehr sicher laufen und fiel praktisch nie hin. Er war sehr spät trocken (mit 3 jahren), aber gleich 100%ig.  Er begann spät mit Lego zu bauen,und baute als erstes ein Fernglas).    Was würden Sie mir raten? Einerseits bin ich völlig anderer Ansicht als die Erzieherin, andererseits möchte ich nicht irgendetwas versäumen.   Vielen Dank für Ihre Antwort.

Sehr geehrter Herr Schmidt,   nachdem ich etwas in Ihrem Forum gelesen habe, fiel mir auf, dass ich nichts zu unserer Familiensituation schrieb. Mein Mann und ich verstehen uns sehr gut und ich denke auch, dass wir unsere Kinder liebevoll und nicht zu streng erziehen, sie jedoch auch nicht verwöhnen

Hallo,
vielen Dank für Ihren detaillierten Brief! Mir fällt daran aber nicht Ihr Kind, sondern eher der Kindergarten auf. Was Sie über Ihr Kind berichten, ist aus meiner Sicht vollkommen unauffällig, ja im Gegenteil, sehr erfreulich, weil Sie doch ein wirklich intelligentes und wunderbares Kind haben! Lassen Sie sich vom Kindergarten bitte nicht noch weiter verunsichern. Ein morgendlicher Sitzkreis von 45 Minuten ist ja für viele Kinder eine Zumutung. Was denken sich die Erzieherinnen denn dabei? Eigentlich müsste dabei ein Kind dadurch auffallen, dass es diese 45 Minuten überangepasst ruhig sitzenbleibt! Dass Ihr Sohn das nicht aushält und es auch noch offen zum Ausdruck bringt, spricht aus meiner Sicht für sein gesundes Selbstbewusstsein. Allerdings spürt er wohl auch zunehmend, dass man das im Kindergarten nicht honoriert, und das deprimiert und verunsichert ihn sicher zunehmend.

Ich stelle das leider immer wieder fest, dass man in Kindergärten und Schulen die Kinder nach "Schema Eff" zu diszipliinieren versucht und lebendige, temperamentvolle Kinder dabei sehr rasch als "hyperaktiv gestört" stigmatisiert. Ich finde, man muss sich stattdessen mehr auf die Individualität jedes Kindes einlassen, als die Kinder einheitlich an ein (oft unpassendes) pädagogisches Konzept apassen zu wollen. Ich würde an Ihrer Stelle gemeinsam mit dem Kindergarten einen Elternabend im Kindergarten anregen, bei dem über diese Fragen diskutiert werden kann, vielleicht auch mit Einladung eines Referenten z.B. aus Ihrer Erziehungsberatungsstelle (nehmen Sie dort aber vorher Kontakt auf und erfragen, ob das möglich wäre und welche fachlichen Auffassungen der Referent hierzu vertritt). Versuchen Sie so, mit dem Kindergarten in einen fruchtbaren Dialog über dieses grundlegende pädagogische Problem zu kommen, und vermeiden Sie eine Konfrontation. Das Thema für einen Elternabend könnte z.B.lauten: "Mein Kind in der Gruppe: Freiräume und Grenzen", oder so in der Richtung. Sollte Ihr Kindergarten samt Träger sich aber einer solchen Weiterentwicklung verweigern, würde ich ernsthaft über einen Kindergartenwechsel nachdenken.

Viele Erfolg weiterhin wünscht
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt