Sehr geehrter Herr Schmidt, können Sie mir helfen?? Ich fühle mich in einem Teufelskreis!

Mein Mann und ich sind seit 18 Jahren zusammen, seit der Geburt unseres Wunschkindes gab es vermehrt lautstarke Auseinandersetzungen über Themen Haushalt und Geld. ICH war zunehmend unzufrieden, weil ich immer mehr in eine traditionelle Hausfrauen-Mutter-Rolle gedrängt wurde, die ich so nicht will, mein Mann dagegen oft allein ausging und mit Marathon-Lauf anfing, also viel Trainingszeit für sich beanspruchte. Ich habe wohl übersehen, dass auch mein Mann unzufrieden war. Vor zehn Monaten stellte ich fest, dass er eine Freundin hatte (etwa 4 Monate lang) und seitdem überlegt er, ob er sich trennen will, "kann sich aber nicht entscheiden". D.h., er hat die Beziehung zwar beendet (hoffe ich zumindest – es war wohl auch so, dass sie auf sein Drängen hin auch nicht mehr wollte), trauert aber immer noch sehr stark den dabei erlebten Gefühlen nach (die stärker gewesen sein sollen als je zu mir, insbesondere „Schmetterlingsbauchkribbeln und sexuelle Leidenschaft ) und kommt nicht von dem Gedanken los, etwas zu verpassen. Außer drei Terminen in der Beratungsstelle, die er "mir zuliebe" wahrnahm und anschließend mit "bringt doch nichts/er will nicht ständig in der Vergangenheit =dem Betrug rumwühlen" beendete, tut er nicht viel, dauernd kriege ich nur zur Antwort "er brauche noch Zeit/könne sich eben noch nicht entscheiden"...nur, wenn ich rumtobe, bekomme ich mal zu hören "dass er ja auch noch an mir HÄNGT", sonst zweifelt er auch oft an, ob wir noch Gemeinsamkeiten hätten, was ich nicht so krass sehe. Ich bin allerdings durch sein schwankendes, sich oft entziehendes Verhalten ebenso gekränkt wie durch die Affäre selbst, und oft denke ich, ich halte diesen Zustand NICHT MEHR AUS, ich muss mich eben selbst trennen! Aber dann kommen die alten Gefühle hoch, dazu eine gewisse Existenzangst, denn ich hatte berufliche Probleme, werde bald mit wenig Aussichten wieder arbeitslos sein und für meinen Sohn hieße das ein ganz anderes Leben als bisher und für mich finanzielle Dauersorgen. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich schaffe oder dann nur noch unglücklicher bin. Unser Sohn will ganz sicher nicht ohne seinen Papa leben, die beiden haben ein sehr gutes Verhältnis. Manchmal fürchte ich auch, dass die Trennung vom Kind (und Haus und kleinem Wohlstand) das Einzige ist, was meinen Mann tatsächlich am Gehen hindert, weniger meine PersonWäre eine Trennung für alle dann nicht am besten...ist eine unglückliche Mutter auf Dauer nicht ebenso schädlich fürs Kind wie Armut? Aber was könnte ich tun, um mich so zu stärken, dass ICH die Trennung schaffe, wenn mein Mann sein Verhalten nicht ändert. (Dazu müsste er ja erst mal wieder mit mir reden wollen über das Thema - aber dann fühlt er sich sofort bedroht und sieht rot...)

Was können Sie mir raten? Mit vielem Dank im voraus....E.

Hallo, liebe E.,
vielen Dank für Ihren Brief! Obwohl Sie sich damit verständlicherweise schwer tun, rate ich Ihnen, Ihrem Mann gegenüber selbstbewusster und entschlossener aufzutreten. Ihr Mann verhält sich unreif und unentschlossen. Er verletzt Sie erheblich, ohne es so richtig zu bemerken, weil Sie in Ihrer Ehe wohl die Verantwortungsbewusstere und deshalb geduldig, zögerlich und großzügig sind. Ihr Mann missversteht dies aber möglicherweise als Freiraum, der es ihm erlaubt, Grenzen zu überschreiten und sich egozentrische Freiheiten herauszunehmen.

Wenn Sie ihn selbstbewusst und wirklich ernsthaft vor die Alternative stellen -Ich oder die Andere- , reagiert er vielleicht ernüchtert. Versuchen Sie es. Sagen Sie ihm, dass Sie sich trennen werden, wenn er nicht bereit ist, mit Ihnen gemeinsam einen neuen Anfang ernsthaft zu wagen. Dazu muss er sich aber dann eindeutig für oder gegen Sie entscheiden, ein Zwischending wie bisher kann es nicht länger geben. Als Zwischenlösung können Sie ihm nochmals eine Ehetherapie anbieten. Aber wenn er dies wieder ablehnt, bleiben Sie bitte knallhart. Ich vermute, Ihr Mann entscheidet sich dann im wirklichen Zweifelsfall doch für Sie. Männer in solchen Krisen brauchen klare Verhältnisse.

Dipl.-Psch. H.-R. Schmidt