| Hallo Herr
Schmidt, ich leide unter der schlechten Beziehung zu meinen Eltern ( meiner Familie ). Ich bin 27 Jahre alt und habe einen Bruder ( 30 ). Mein Bruder ist ein ganz anderer Typ als ich, aber letzendlich geht es ihm wie mir, was die Beziehung zu den Eltern angeht. Wir fühlen uns nicht angenommen, wie wir sind. Die Familie meiner Eltern (besonders des Vaters ) ist sehr groß und sehr gläubig ( evangelisch ), sowie konservativ. Als Kind habe ich mich auch schon nicht ernstgenommen gefühlt und darunter sehr gelitten. Einerseits wurde mir nicht viel vorgeschrieben ( z.B. durfte ich draußen spielen, wenn alle anderen Kinder schon ins Bett mußten. Ich hatte gar keine Grenzen, was viele Bereiche anging. ), aber trotzdem hatte ich immer das Gefühl, genau zu wissen, was von mir verlangt wurde ( ein fleißiges, artiges und gottesfürchtiges Mädchen zu sein ). Ich hatte aber Angst vor Gott und habe ihn als "Big Brother" gesehen, der die Allmacht besitzt und mich strafen wird. Bis heute ist mir jeder Zugang zu Religion / Kirche versperrt. Ich weiß nicht, ob ich dem Wunsch meines Freundes ( einmal kirchlich zu heiraten ) nachgehen kann. Es wiederstrebt mir sehr. Jedenfalls haben meine Eltern für mich als Kind schon einiges getan. Sie haben mir viel ermöglicht ( z.B. Schwimmen, Vereine, Reisen ). Aber ich habe mich immer nach Liebe, Geborgenheit, Vertrauen und Wärme gesehnt. Meine Eltern haben mir nie gesagt, daß sie mich lieben oder daß sie stolz auf mich sind. Im Gegenteil, immer hatte ich das Gefühl, schlecht oder nicht gut genug zu sein. Immer hatten sie was zu kritisiren. In der Pubertät habe ich mich sehr stark aufgelehnt und rebelliert. Ich habe mich an ältere ( coole ) Jungs gehängt, die mich nur ausgenutzt haben und wurde noch einsamer. Meine Freunde und der Rest der Welt hätten das nie geglaubt, weil ich mich als stark und über den Dingen-stehend präsentiert habe. In der Schule war ich kaum noch anwesend und blieb sitzten. Schließlich entging ich nur duch einen Zufall einem Selbstmord. Ein Auslandsjahr in den Staaten kam mir zur Hilfe. Ich wurde selbständig, selbstbewußt, bekam neuen Lebensmut und entwicklte Interessen und Ziele. Vor meiner Abreise sagte ich im Zorn zu meinen Eltern, sie sollten mich ja nicht anrufen. Das haben sie tatsächlich nicht ein mal getan! Da war ich 16. Sie haben mir regelmäßig geschrieben, aber nur, um von sich zu erzählen. Sie haben mir nie richtig zugehört, konnten mich nie verstehen, meine Interessen nicht nachvollziehen und haben in allem viel zu früh aufgegeben. Nachdem ich von zu Hause ausgezogen war ( mit 21 ), habe ich mit dem Abstand versucht, mit ihnen zu reden, habe Briefe geschrieben. Ihre Reaktion war zwar irgendwo gefühlvoll, aber letzendlich geben sie mir die Schuld daran, daß das Verhältnis so ist. Ich hätte ja nicht mit mir reden lassen. Dabei vergessen sie, daß ich damals noch jung war und rebellieren mußte. Heute kann man doch mit mir reden. Ich habe das Gefühl, jetzt ist es zu spät. Sie wollen nicht an der Vergangenheit rütteln und haben sich an den Zustand gewöhnt. Der Kontakt ist sehr oberflächlich und einseitig. Ich gebe mir die größte Mühe, während sie nur jammern, daß sie kein Geld haben ( Vater ist Beamter! ) und keine Zeit ( Mutter ist Hausfrau! ). Sie kennen mein Leben nicht, wissen nicht einmal, was ich studiere ( nicht wirklich ) und reden nur von sich. Am liebsten würde ich den Kontakt ganz abrechen, schaffe es aber nicht. Ich würde mir so ein nettes Verhältnis wünschen, mit etwas Interesse am anderen von beiden Seiten. Ich habe wirklich schon alles versucht. Sie wollen keine Fehler einsehen, wissen nicht, was ich will und leben lieber ihr Leben ( und leiden ). Was kann ich denn noch tun? MfG, C. |
Liebe C,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich verstehe Ihre Geschichte so:
Ihre Eltern konnten zeitlebens nicht den tieferen seelischen
Kontakt zu Ihnen herstellen, den Sie noch heute schmerzlich
vermissen. Aber das können sehr viele Eltern nicht, so dass man
fast sagen würde, Sie sind in ganz normalen psychologischen
Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Eltern haben ihr Bestes getan
(nicht genug für Sie!), sie lieben Sie sicher auf ihre Weise
sehr (nicht genug für Sie!). Vielleicht waren Sie auch nicht
immer besonders "pflegeleicht"? Ich stelle Sie mir auch
ein bisschen ansprüchlich vor, so wie jemand, den seine Eltern
ausschließlich und tiefgründigst um alles in der Welt lieben müssen.
Sie glauben es vielleicht nicht: Aber genau das tun Ihre Eltern.
Nur können sie es nicht so ausdrücken, dass Sie es total
befriedigt. Das geht aber auch gar nicht und ist sogar besser so,
denn jeder Mensch muss innerlich irgendwann von seinen Eltern
Abschied nehmen, und das würde ihm ja sehr schwer fallen, wenn
er so abgöttisch geliebt würde, wie er es sich erträumt.
Für Ihr Lebensalter hadern Sie noch sehr mit Ihren Eltern. Wie
können Sie es erreichen, endlich einen vorläufigen
Schlussstrich unter sich und Ihr Elternhaus zu ziehen? Eigentlich
sollten doch Ihre Gegenwart und Ihre Zukunft so verlockend und
anregend sein, dass Sie den etwas gefühlsduseligen
Gefühlsknatsch mit den Eltern hinter sich lassen können?
Sind Sie allein oder haben Sie einen Partner? Wie sehen Ihre
beruflichen Pläne aus? Wann gründen Sie eine eigene Familie?
Was tun Sie für andere Menschen in Ihrem sozialen Umfeld? Um
diese Fragen sollten Sie sich kümmern, damit das Bild Ihrer
Eltern endlich in den verdienten Hintergrund tritt.
Lassen Sie Ihre Eltern ihr Leben leben. Verabschieden Sie sich
innerlich von ihnen. Werden Sie erwachsen und leben Sie Ihr
eigenes Leben. Sie haben viel vor sich. Lockt Sie das nicht???
Auf jeden Fall, hofft Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt