| Sehr
geehrter Herr Schmidt, Ihre fundierten Ratschläge haben mir Mut gemacht, Ihnen mein Problem zu schildern. Ich bin 29 Jahre alt und habe eine 11-jährige Tochter. Nach dem Scheitern der Beziehung zu dem Vater der Tochter vor über 4 Jahren habe ich nach vielen Flirts einen wunderbaren Mann, 41 Jahre alt, kennengelernt. Wir haben uns im März zum ersten Mal getroffen und waren nach einigen Anfangsschwierigkeiten ein Paar. Wir wohnen 1 Autostunde voneinander entfernt und er ist beruflich sehr engagiert. Er ist seit einem 4 Monaten geschieden, sowohl Trennungsjahr als auch Scheidung gingen problemlos vorüber. Da ich beruflich etwas mehr Zeit habe, bin ich meist zu ihm gefahren, da meine Wohnsituation (eigene Wohnung im Haus der Eltern) in einem kleinen Dorf gegenüber der Großstadt, in der er lebt, etwas prekär war. Ihm hat es bei mir zu Hause nie gefallen und er hat sich dort nicht wohl gefühlt. Wir haben eine wunderbare Zeit miteinander verbracht, viel zusammen gelacht, viel unternommen, harmonische Urlaube verbracht, innigen Kontakt zueinander gehalten, in so vielen Bereichen des Lebens übereingestimmt., ein überaus erfüllendes Sexleben geführt. Mich hat es immer ein wenig gestört, dass ich seine Freunde, mit denen er sehr selten etwas unternimmt, nie kennen gelernt habe. Meine Tochter kannte er bereits nach 3 Wochen, sie blieb bei unseren Treffen meist zu Hause oder bei meinen Eltern oder... Die beiden haben sich gut verstanden. Im September lernte er dann meine Familie kennen. Ich kann nur stets wiederholen, wir waren sehr harmonisch, er hat allerdings nie gesagt, dass er mich liebt, woran ich wenig Zweifel gelassen habe. Wir haben selten über das nächste Treffen hinaus geplant, stets war alles sehr spontan. In den letzten beiden Wochen haben wir oft aneinander vorbeitelefoniert. So habe ich einen wichtigen beruflichen Termin seinerseits vergessen und er auch einen von mir. Ich war über den oberflächlichen Kontakt sehr unglücklich, gerade weil ich seine Fähigkeit zur Anteilnahme ja kannte. Am letzten Donnerstag hat er mir dann eröffnet, dass aus uns nichts werde. Er wärmte alte Konfliktpunkte auf, die bereits zu Beginn der Beziehung eine Rolle spielten: unser Altersunterschied, unterschiedliche Lebenslagen (auch unser berufliches Umfeld) und fehlende Gleichheit. Da ich sein Diskussionsverhalten kannte, habe ich ihm aufgezeigt, dass all das nicht so ist. Leider kann ich mich aufgrund meiner emotionalen Betroffenheit nicht mehr an all das erinnern, was gesagt wurde. Hängengeblieben ist nur der Satz, dass er eine Liebe gesucht habe, aber keine gefunden habe und dass er seit etwa 6 Wochen zweifle. Im Verlauf des Gespräches sagte er dann aber, dass er mich liebhabe, dass ich meine Sachen nicht mitnehmen solle. Zusätzlich sagte er auch, dass er keine Liaison und keine Affäre wollte, sondern etwas Dauerhaftes. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich auch genau das wolle. Erwähnen sollte ich auch, dass in genau einem halben Jahr berufliche Veränderungen bei mir anstehen, die dann mehr räumliche Nähe zulassen würden. Über die Zukunft haben wir aber nie gesprochen, sondern erst in seiner schicksalhaften "Verkündung". Ich liebe ihn sehr und möchte um Ihre Einschätzung bitten. Soll ich geduldig den Kontakt zu ihm halten? Oder soll ich mich nach dem harten Satz "der nicht gefundenen Liebe" zurückziehen? Missdeute ich seine liebevollen Gesten in diesem Gespräch und seinen Wunsch, meine Sachen, die nur aus wenigen Dingen bestehen, in seiner Wohnung zu lassen als Zeichen, dass ich nicht aufgeben soll? Mit freundlichen Grüßen G. |
Libe Frau G.,
Ihre Fragen kann ich natürlich nicht konkret beantworten, dazu
fehlen mir zu viele Informationen. Aber es scheint ja klar zu
sein, dass die Liebe eher von Ihnen ausging und ausgeht, und dass
Ihr Partner sich wohl innerlich von Anfang an alles eher
offengehalten hat, mehr als Sie. Vielleicht hängt dies nicht nur
mit Ihnen zusammen, sondern auch noch mit seiner früheren
Ehefrau, mit der er innerlich vielleicht noch nicht so fertig ist
wie Sie mit Ihrem früheren Partner?
Aus meiner Sicht hat er Ihnen jedenfalls sehr deutlich gesagt,
dass er sich keine Dauerbeziehung mit Ihnen vorstellen kann. Wie
Sie darauf jetzt reagieren sollen, müssen Sie alleine
entscheiden, dazu kenne ich Sie zu wenig, um das sagen zu
können. Manche Frau würde daraufhin die Beziehung wohl lieber
beenden. Eine andere würde vielleicht abwarten und sich in
Hoffnung quälen. Ob Ihr Partner sich wieder anders besinnen mag,
kann ich leider nicht wissen, weil ich ihn eben auch nicht kenne.
Mein Eindruck ist zusammengefasst, dass seine Position klar zu
sein scheint. Ob Sie sich dennoch Hoffnung machen oder einsehen,
dass die Beziehung keine Zukunft hat, hängt wohl eher von Ihrem
Selbstwertgefühl und Ihrer Fähigkeit ab, den Realitäten
nüchtern ins Auge zu sehen und sich keine Illusionen zu machen.
Wenn Sie sich jetzt von ihm zurückziehen, kann er es sich ja
trotzdem noch einmal überlegen. Vielleicht tut er das dann sogar
um so wahrscheinlicher, wenn er Angst haben muss, Sie endgültig
zu verlieren. Und wenn er es sich nicht anders überlegt, müssen
Sie es eben leider einsehen, dass Ihr Traum vergeblich war. Mit
diesem Mann jedenfalls...
Alles Gute wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt