| Sehr
geehrter Herr Schmidt, ich bin jetzt 20 Jahre alt und fühle mich trotzdem wahnsinnig verbraucht. Wo ich anfangen soll, weiß ich noch nicht so recht. Mit 14 stellte man eine schwere Nierenerkrankung fest, viele Operationen folgten, Selbstmordgedanken und viele Tränen. Nach der 10. Klasse ging ich auf´s Gymnasium, nach vier Monaten warf ich das Handtuch. Ich begann eine Überbetriebliche Lehre zur Hotelfachfrau, welche ich im August 2000 aufgeben musste. Die Prüfung war bereits kein Thema mehr, da ich zu oft im Krankenhaus war und mich den unzähligen Operationen fügen musste. Nach fünf Wochen Arbeitslosigkeit begann ich erneut eine Überbetriebliche Ausbildung, die ich noch immer absolviere. Und da beginnen die Probleme. Ich habe den Fehler gemacht, mich mit einem Jungen einzulassen, der in meine Klasse geht und zwei Jahre jünger ist. Das Ganze lief auch nicht lange, da ich gewisse Ansprüche habe und er sich als Kleinkind entpuppte. Also ging ich zu meinem Freund zurück, mit dem ich zuvor ein dreiviertelJahr zusammen war. Auch in der Zeit, als wir getrennt waren, war er immer für mich da, wir haben viel Zeit verbracht und uns unterstüzt, wo es nur ging. Heute sind wir glücklicher denn je, die Beziehung ist gefestigt und intakt. Er ist im Moment mein einzig wirklicher Halt. Nun aber zurück zum eigentlichen Problem. Letzten Sommer begann alles. In meiner Klasse gibt es nur drei Frauen, da der Kfz-Bereich noch überwiegend den Männern gehört. Eine von den Frauen, mit der ich mich bis dahin super verstand, redete plötzlich kein Wort mehr mit mir, ignorierte mich komplett. Ich habe sie nie darauf angesprochen, denn mit jedem Tag sinkt mein Mut, auf sie zu zu gehen und sie zu fragen, warum das so sei. Viel mehr aber zerrt der junge Mann, mit dem ich ein Techtel-Mechtel hatte, an meinen Nerven. Es fing harmlos an, indem ich bemerkte, dass ich mich von ihm fernhalten sollte. Weiter ging es mit einem ausgeklopften Schwamm von der Schultafel auf meinem Stuhl, einer Reißzwecke unter meinem Stuhl und einer zerschnittenen Trinkflasche, die ich dann grad wegwerfen konnte, nachdem ich mich ordentlich bekleckert hatte. Mit der Weile habe ich fast Angst, zur Schule oder zur Arbeit zu gehen. In der Berufsschule habe ich extrem nachgelassen, obwohl ich nicht fehle und versuche, mich zu konzentrieren, um mein Ziel zu erreichen. Ich habe mich einmal einem sehr netten Lehrer diesbezüglich anvertraut und ihm die zerstörte Flasche gezeigt. Auch ohne das Beweisstück hätte er mir geglaubt. Er hat mir versprochen, die Sache weiter zu verfolgen und mir zuzuhören, wenn ich Probleme habe. Vor wenigen Wochen habe ich meine Zwischenprüfung geschrieben, bei der ich erfolgreich durchgefallen bin. Während wir sie schrieben und einer nach dem anderen fertig wurde, wurde es immer unruhiger in der Klasse, was mich völlig aus dem Konzept brachte. Zum Schluss durfte ich mich in einen anderen Raum setzen und obwohl ich nach weniger Zeit fertig war, traute ich mich nicht in die Klasse zurück, bis ich mir sicher war, dass bereits alle nach Hause gegangen waren. Der Lehrer, dem ich mich anvertraut hatte, wartete auf mich und fragte ob alles in Ordnung sei und mir war es egal, dass er nicht wußte, wie er reagieren sollte, als ich anfing, zu weinen und ihm sagte, dass mir alles zuviel sei. Er sagte mir, dass er schon von Anfang an der Meinung war, ich gehöre nicht in diese Gruppe, wie wenige andere auch. Nur hätte man mir nach Ablauf der Probezeit schlecht sagen können, dass ich gehen soll, weil ich nicht in das kaputte Gruppenbild reinpasse. Die Schwierigkeit dabei sei, dass ich sehr sensibel bin und mir vieles zu Herzen nehme. Das erniedrigendste dabei war, dass die Ergebnisse von schlecht nach gut ausgeteilt wurden und als mein Name fiel, lachte der Junge mich aus. Manchmal gefällt mir der spontane Gedanke, den Jungen zu erschießen oder ihn zu vergiften, wenn ich ihn sehe. Ich träume Nachts davon und habe jeden Morgen keine Lust mehr, überhaupt auf Arbeit zu gehen. Nur zwei Tage in der Woche machen mir Hoffnung und geben mir Kraft. Zu meiner Ausbildung gehört es, ein Praktikum zu absolvieren und das sind die zwei Tage, in denen ich im Betrieb bin und nicht an die Klasse denken muss. Mein Freund macht sich große Sorgen um mich und motiviert mich jeden Tag aufs Neue, durchzuhalten. Ich verspreche ihm, dass ich es versuche, aber mein Selbstbewußtsein ist so angeknackst, dass es nicht funktionieren will. Ich lasse mir nie anmerken, wie sehr es mich verletzt, wenn der Typ wieder was von sich gegeben hat. Zu Hause habe ich aber genug Zeit, darüber nachzudenken und nicht selten passiert es, dass ich minutenlang weine und wütend auf mich selbst bin. An anderen Tagen sage ich zu mir, dass es nicht so wild ist, dass es aufhört, wenn ich es nur irgendwie schaffe, ihn weiter zu ignorieren. Aber ich weiß genau, dass ich mich belüge. Mir selbst fällt auf, dass ich nicht mehr diejenige bin, die ich mal war. Ich denke viel nach, bin wieder oft krank, was sich nicht gut auf meinen Lebenslauf auswirkt. Die Krankheit mit der Niere habe ich vergessen, diesbezüglich geht es mir gut. Aber mein Magen ist kaputt, obwohl ich alle Medikamente abgesetzt habe. Im November letzten Jahres war ich nervlich so am Ende, dass ich von meinem Arzt eine Spritze und Antidepressiva bekommen habe. Mein Arzt gab mir den Rat, darüber nachzudenken, was mich bedrückt und so sagte ich ihm, dass ich in meiner Ausbildung das Gefühl hätte, auf der Stelle zu treten, das ich eine Distanzbeziehung führe, meine Familie kaum sehe, weil ich nicht mehr zu Hause wohne sondern in der Stadt, wo ich auch arbeite. So bin ich finanziell allein auf mich gestellt und mein Großvater starb letztes Jahr an Lungenkrebs und ich war zu feige, mich von ihm zu verabschieden, weil ich wusste, dass er stirbt.Der Arzt gab mir den Rat, darüber nachzudenken, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. All das und die Sache auf Arbeit machen mir sehr zu schaffen. Ich möchte die Ausbildung nicht aufgeben, will meine Prüfung schaffen und mit meinem Freund eine glückliche Zukunft haben auf die wir schon so lange warten. Ich bin 20 und habe mein Leben noch vor mir. Ich will einen festen Arbeitsplatz, eine Familie und ein paar Träume verwirklichen. Aber wie schaffe ich das, wenn ich jetzt an meinen Reserven nage und kurz davor stehe, durchzudrehen? Können Sie mir helfen oder einen Rat geben? Ich bin Ihnen jetzt schon sehr dankbar, weil Sie mir zugehört haben. Mit freundlichen Grüßen |
Hallo,
vielen Dank für Ihren eindrucksvollen Brief! Es stimmt, Sie
haben Ihr Leben noch vollständig vor sich, jetzt geht es doch
erst richtig los mit Ihnen! Aber: Sie glauben, bereits jetzt
ziemlich erschöpft zu sein, und alles schlägt Ihnen über dem
Kopf zusammen. Wahrscheinlich liegt es wirklich daran, dass Ihr
Selbstvertrauen nicht stark genug ist, um mit den eigentlich
normalen alltäglichen Anforderungen und Belastungen zurecht zu
kommen.
Die Frage muss also sein: Was können Sie für sich tun, damit Sie wieder Schritt fassen können, zu sich selbst finden und sich innerlich stark fühlen können, damit Ihnen solche Typen und all die anderen Alltagsprobleme nicht mehr so nahe gehen? Ich weiss über Ihre familiären Hintergründe nichts, aber ich vermute, dass Sie zusätzlich zu Ihrer Nierenkrankheit von zu Hause her bereits oft seelisch unglücklich waren. Alles hat vielleicht eine längere Geschichte, die Ihnen jetzt zunehmend auf den Magen schlägt.
Ich freue mich für Sie, dass Sie so einen einfühlsamen Freund haben. Das ist ganz wichtig, wenn man sich sonst sehr allein fühlt. Aber er kann die tieferen Ursachen Ihres Unglücks natürlich nicht beheben, so gut er es auch meint. Ich rate Ihnen deshalb zu einer Psychotherapie. Suchen Sie sich im Branchenverzeichnis Ihres Telefonbuchs etwa drei PsychotherapeutInnen in Ihrer Nähe aus (ich rate Ihnen, dabei die "Psychologischen Psychotherapeuten" auszusuchen -diese Bezeichnung ist wichtig, weil sie garantiert, dass es sich um staatlich anerkannte und zur Kassenabrechnung zugelassene Psychotherapeuten handelt- ) und bitten Sie um ein Erstgespräch. Das ist für Sie unverbindlich, Sie sollten sich dann sozusagen "aus dem Bauch" heraus für einen davon entscheiden, und eine Psychotherapie vereinbaren. Natürlich können Sie auch überlegen, ob Sie mit mir im Rahmen von KuNo (siehe diese website) per e-mail eine online-Therapie vereinbaren wollen.
Sie werden sehen,
das wird Ihnen sehr gut tun. Es wird Sie fit machen für Ihre
spannende Zukunft!
Alles Gute wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt