Lieber Herr Dr. Schmidt,
ich bin ziemlich erschüttert, wenn ich die Entwicklung meines Sohnes momentan so betrachte.
Er war von Anfang an seit seiner Geburt am 16. März 1994 ein anstrengendes Kind. Er schrie vom ersten Lebenstag an. Das ging geschlagene 15 Monate. Ich war oft mit ihm in der Kinderklinik, ohne Befund. Es hiess immer, er hätte viel Luft im Bauch. Sie gaben mir als ich am Ende war tröpfchenweise Medizin abgefüllt mit zur Not, dass ich wenigstens mal ein paar Stunden Ruhe hatte. Ich bin inzwischen 33 Jahre alt und hatte am 24. Mai 2002 an meinem Geburtstag inzwischen meinen dritten Hörsturz. Es kann so nicht weitergehen. Nun werde ich zur Kur gehen. Aber das Problem mit meinem Sohn wird weiterbestehen. Er ist heute noch ein sehr anstrengendes Kind. Ich glaube, dass er wirklich schon in die Pubertät kommt. Er widerspricht mir fortlaufend, er lacht mich aus, nimmt mich nicht ernst, hat ein grosses, freches Mundwerk und ist aber nach aussen wenns um andere Kinder und Leute geht eine absolute Memme und ausserdem ein unauffälliger, freundlicher sehr liebenswürdiger Junge (so die Leute!) !!! Er treibt seine Art nur mit mir so. Er macht mich fertig! Heute habe ich ihm im Affekt eine Ohrfeige gegeben. Er ist dann später aufgestanden und hat so getan als wenn nie was geschehen wäre. Er hat sehr oft schlechte Laune. Und lässt diese dann an mir aus. Er ist wahnsinnig jähzornig und impulsiv. Er weint wegen jedem bisschen, wenn etwas nicht gleich sofort klappt wie er es haben will. Er bringt mich noch um den Verstand. Ich habe noch eine fünfjährige Tochter Carolin. Auf die ist er grundsätzlich sehr eifersüchtig. Obwohl sie auch ihre "Mucken" hat, komme ich mit ihr viiiiiieeeeel besser klar. Sie sieht auch mal was ein und kann auch mal zurückstecken. Aber ER muss immer gewinnen. Wenn ich ihm eine auf seinen Po klopfe lacht er mich aus. Wenn ich ihm Zimmerarrest gebe, tut er so als wäre das gar nichts. Sage ich zu ihm er solle zur Strafe eine Din A 4 - Seite schreiben: Ich darf meine Mama nicht auslachen, tut er das und schmeisst mir das Blatt auf den Boden vor die Füße. Er hat ü b e r h a u p t keine Angst vor mir. Oder besser gesagt, Respekt vor mir. Dabei habe ich die ganzen acht Jahre SOVIEL Liebe für ihn aufgewendet, dass die Kinderärztin noch zu mir sagte: So ein Kind, kann nur eine Mutter lieben. Er ist ein Kotzbrocken !!!! Komischerweise, ist das allerdings immer periodisch. Das geht einige Wochen sehr gut mit ihm und urplötzlich ohne erkennbaren Grund, schlägt seine Stimmung um und er kommt mit sich selber und mit mir schon gar nicht mehr klar.
So war es heute. Ich könnte ihn ..............................................
Bisher habe ich immer gedacht, das läge an den Hormonschüben, die Jungen in diesem Alter haben. Aber mittlerweile denke ich er ist psychisch gestört.
Ich muss noch eines sagen: ich bin seit vier Jahren geschieden. Mein geschiedener Mann und ich haben allerdings ein viel besseres Verhältnis miteinander wie während unserer Ehe. Er hat neu geheiratet vor einem Jahr. Ich habe seit vier Jahren einen Lebensgefährten, der mit beiden Kids sehr gut auskommt. Und mein Ex und dessen Frau kommen alle vier Wochen zu uns, wenn die Kids im Bett liegen und wir reden über alles was so anfällt oder auffällt. Wir haben alle ein sehr gutes Verhältnis, was natürlich denke ich auch den Kindern vor allem zu gute kommt.
Haben Sie eine Idee, was ich jetzt noch machen kann??? Vor ca. 4 Jahren hat er eine Hirnstrommessung gemacht bekommen von einem Facharzt. Der empfahl mir Ritalin. Ich habe es abgelehnt.
Bitte geben Sie mir bald eine Antwort. Ich weiss nicht mehr weiter.
Ganz liebe Grüße !
Sabine

Liebe Sabine,
vielen Dank für Ihren Brief! Mir fällt daran auf, dass Sie sich zwar ausgiebig über Ihren angeblich "missratenen" Sohn beklagen, dass Sie aber anscheinend keinerlei Vorstellung davon haben, was ihn wohl am Familienleben seelisch seit langem belastet. Das nun endlich herauszufinden, liegt in Ihrer Verantwortung. Ich schätze mal, er fühlt sich in seiner Familie von Anfang an als Störenfried und als Kotzbrocken. Vielleicht gibt er sich ganz tief drinnen auch die Schuld am Scheitern seiner Eltern und an deren Auseinandergehen. Er fühlt sich unbewusst wahrscheinlich als Sündenbock. Solche Kinder verhalten sich unbewusst dann immer so, dass sie wirklich allen Ärger auf sich ziehen und bestraft werden müssen. Und Sie machen ihn unmerklich vielleicht auch für vieles verantwortlich (Hörsturz) und verstärken damit seine Sündenbock-Rolle.
Ich rate Ihnen, gemeinsam mit dem Vater Ihres Sohnes und mit Ihrer Tochter eine Familientherapie in einer Erziehungsberatungsstelle zu machen, damit Sie und der Vater herausfinden, was den Sohn chronisch belastet, und damit Ihre gestörte Beziehung zu Ihrem Sohn verbessert werden kann. Es sind wohl nicht die Pubertät oder die Hormone bei Ihrem Sohn, es ist wohl eher seine Seele, die an der Familie leidet. Will er nicht vielleicht lieber bei seinem Vater leben?

Mit Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt