Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich brauche einen Rat für meinen Sohn - 9 Jahre - .Seit seinem 4. Lebensjahr
wissen wir, daß er unter Wahrnehmungsstörungen leidet, und er ging seitdem
für etwa 3 Jahre zum Psychomotorischen Turnen. Seit gut 3 Jahren ( mit 1/2
Jahr Unterbrechung)geht er zur Ergotherapie. Mit 6 Jahren kam er in den
Schulkindergarten, weil er noch nicht reif genug für die Schule war. Im 1.
Schuljahr zeigten sich Schwierigkeiten beim Rechnen über den Zehner und beim
lesen lernen (verbinden der Buchstaben). Im 2. Schuljahr war es ein auf und
ab, so daß wir uns entschieden, von einem Schulpsychologen abklären zu
lassen woher die Schwierigkeiten kommen, und wie wir ihm am besten helfen
können. Im Januar '00 habe ich mich an die Schulpsychologische
Beratungsstelle gewandt, und im März einen ersten Gesprächstermin bekommen.
Unser Sohn sollte dann im Mai getestet werden. Der Termin wude wegen der
Erkrankung einer Mitarbeiterin verschoben auf September! Letze Woche hatte
ich dann den Besprechungstermin,und bei den Testverfahren  ergab sich, daß
er bei durchschnittlicher Intelligenz ein ehr gering ausgeprägtes
Kurzzeitgedächtnis (PR 16) hat. Außerdem wurde eine Rechenschwäche
festgestellt. Er kann Zahlen und Mengen nicht miteinander verknüpfen.
Zusätzlich hat er ein hohes Angstpotential (PR 85 bis 97!) Daß er etwas
ängstlich ist war uns eigentlich immer schon klar, aber daß die Angst so
augeprägt ist, hat mich ziemlich geschockt. Wir sollen einen Psychologen
hinzuziehen, oder eine Kindergruppe, in der gelernt wird, mit der Angst und
auch mit anderen Kindern umzugehen.

Meine Fragen: Wo finde ich einen guten Kinderpsychologen, und was wird in
solch einer Psychotherapie gemacht? Wo finde ich weitere kompetente Hilfen
zu dem Thema Rechenschwäche? Ich habe zwar schon einige Sachen im Internet
gefunden, aber es gibt eine solche Vielfalt, daß es mir schwer fällt,
geeignete Sachen herauszufinden.
Vielen Dank im Voraus

Familie H.

Liebe Familie H.,

da haben Sie aber keine guten Erfahrungen im Schulpsychologischen Dienst gemacht! Wenn das stimmt, was Sie schreiben (im Januar angemeldet, im Oktober erst das Testergebnis), dann sollten Sie sich beim Träger des Schulpsychologischen Dienstes einmal darüber beschweren. Das geht doch so nicht. Was die Testergebnisse betrifft, sollten Sie nicht erschrecken. Die Prozentangaben in diesen Tests sind oft ziemlich unzuverlässig und sagen eigentlich nur, dass Ihr Sohn wohl aufgrund der bisherigen Misserfolgserlebnisse beim Lesen, Schreiben und Rechnen Leistungsängste zeigt. Das ist ja auch verständlich und kann rasch wieder verschwinden, wenn er Erfolgserlebnisse hätte. Ich bin der Ansicht, dass die Hauptverantwortung für Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen zunächst einmal die Grundschule trägt. Lesen Sie bitte auch in meiner Sprechstunde die Beratung "Ich mache mir um das Fortkommen meines Sohnes Sorgen". Dort habe ich zu diesen Fragen Stellung bezogen. Die Grundschule muss geeignete Fördermassnahmen anbieten und die Kinder besonders behandeln, auch bei Notengebung und Versetzung, damit die Kinder eben keine unnötigen Versagenserlebnisse haben. Auch inhaltlich gefällt es mir nicht besonders, was man Ihnen in Ihrem Schulpsychologischen Dienst weiter empfohlen hat. Anstatt selbst geeignete Fördermassnahmen für Ihr Kind vorzuhalten, empfiehlt man Sie zu einem "Kinderpsychologen". Dabei ist die seelische Problematik Ihres Sohnes (die angeblich hohen Testwerte im Angsttest) aus meiner Sicht nur die Folge seiner Frustrationserlebnisse aufgrund seiner Wahrnehmungsstörungen, nicht die Ursache der Probleme. Sie sollten jetzt aus meiner Sicht mit dem Sohn nicht zu einem Psychotherapeuten , sondern an der Ursache anpacken: an den Wahrnehmungsstörungen beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Sorgen Sie in der Grundschule für intensiven Förderunterricht. Gehen Sie zum Jugendamt und stellen Sie einen Antrag auf Förderung Ihres Sohnes nach §39a KJHG (Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz). Dazu können Sie die Untersuchungsergebnisse der Schulpsychologen, die Sie sich schriftlich geben lassen, vorlegen. Das Jugendamt kann Ihnen dann eine intensive ausserschulische und private Fördermassnahme in einer geeigneten ambulanten Einrichtung in Ihrer Wohngegend bezahlen. Erkundigen Sie sich beim Jugendamt und in der Schule, welche Einrichtungen zu empfehlen wären (Vorsicht: es muss eine Nachhilfe- oder Fördereinrichtung sein, die wirklich qualifizierte Fachkräfte für wahrnehmungsgestörte Kinder vorhält). Gibt es ein Sozialpädiatrisches Zentrum in Ihrer Umgebung? Dort findet man in der Regel die besten Fachleute für entsprechende Trainings und Übungsbehandlungen. Sagen Sie vor allem Ihrem Sohn, dass es einfach Kinder gibt, denen das Lesen, Schreiben und Rechnen etwas schwerer fällt als anderen, dass sie aber keineswegs dümmer sind. Das Ganze ist eher eine Laune der Natur, in leichteren und mittleren Fällen (das ist wohl bei Ihrem Sohn der Fall) verschwindet alles später bei geeigneter Behandlung oft völlig.

Liebe Familie H., ich denke also, dass Ihr Sohn keine Psychotherapie, sondern eine optimale Übungsbehandlung und entsprechende schulische und ausserschulische Fördermassnahmen zur Überwindung seiner Wahrnehmungsstörungen braucht.

Alles Gute wünscht Ihnen Ihr

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

(P.S.: Bitte geben Sie gelegentlich eine Rückmeldung zu dieser Beratung bei "Rückmeldung zur Sprechstunde" auf dieser website. Vielen Dank!)

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