| Ich bin 21 Jahre alt, mein Mann ist 25, wir haben zwei gemeinsame Kinder,ein Mädchen von 3 Jahren und einen Jungen von fast 2 Jahren. Ich kenne meinen Mann seit ich 16 bin. Ich war damals schrecklich verliebt und habe mit 18 geheiratet obwohl mein gesamter Freundeskreis und auch meine Familie mir abgeraten haben. Der Grund für das Abraten war die Tatsache dass er Bosnier ist und ihm mit der Abschiebung gedroht wurde. Ich hatte allerdings und habe immernoch nicht das Gefühl dass er mich nur geheiratet hat um in deutschland bleiben zu können. Seit längerer Zeit bemerke ich aber die Defizite zwischen uns. Er ist Moslem und hat eine ganz andere Einstellung zur Familie als ich. Ich bin noch jung und möchte trotz der Kinder Freiheiten haben und mich noch mit Freundinnen treffen und Spass haben. Er aber ist meiner Meinung nach einfach langweilig geworden, wir haben keine gemeinsamen Gespräche und Interessen mehr die uns verbinden. Ich überlege mir oft warum wir überhaupt noch zusammen sind. Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich dass es mir finanziell gut geht bei ihm da ich keine Arbeit habe und sehr eingeschränkt leben müßte ohne ihn. Aber ist das wirklich ein grund zusammenzubleiben??? Doch eher weniger... Und dann sind da noch die Kinder die uns verbinden, aber da er sowiso am Wochenende nur fernsehguckt und sich relativ wenig um die Kinder kümmert hätten sie wohl mehr von ihm wenn wir getrennt leben würden und er sich am Wochenende richtig zeit nimmt für die Kinder weil er sich ihnen nicht sicher ist! Manchmal glaube ich wirklich dass wir zu früh geheiratet haben und uns in verschiedenen Richtungen entwickelt haben und nun einfach nicht mehr zusammenpassen. Aber bei dem Gedanken ganz allein zu sein ist mir irgendwie auch nicht wohl weil ich es doch gewohnt bin jeden Abend jemanden neben mir zu haben auch wenn wir nicht miteinander sprechen. Meine Muter die selber geschieden ist und jetzt seit langen Jahren wieder mit einem Mann glücklich ist hat mir gesagt, dass man sehr einsam ist wenn man immer alleine ist und niemanden hat mit dem man sprechen kann. Aber zum sprechen alleine hätte ich ja auch meine Freunde die mich sowiso besser verstehen als mein Mann. Ich bin mir nicht sicher ob unsrere Ehe wirklich ein Versprechen fürs Leben ist weil ich mir eigentlich nicht vorstellen kann mein restliches Leben mit ihm zu verbringen. Im grunde ist er ja ein guter Mann, er ist sparsam, ehrlich, treu. Aber das Gefühl stimmt nicht mehr zwischen uns. Kann es sein dass das nur eine Krise ist die wir bewältigen müssen oder liebe ich ihn nicht mehr?? Denn das Gefühl der Liebe habe ich anders in Erinnerung. Und wenn dieses Gefühl einmal weg ist glaube ich nicht dass es wieder zurückkommt.... Ich bin an einer Weggabelung und weiß nicht in welche Richtung ich gehen soll....ich habe Angst mich falsch zu entscheiden und meine Entscheidung später zu bereuen!!! Was soll ich tun??? |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich finde, Sie sehen Ihre Situation
sehr klar und genau, die Sorge, ob und wie es weitergehen kann,
ist bei Ihnen deutlich und verständlich. Wenn die Freunde und
die Familie von einer Beziehung abraten und sich deren Meinung im
Laufe der Zeit dann nicht zum Positiven verändert, ist dies aus
meiner Erfahrung immer eine seelische Belastung für eine
Beziehung. Wie war dies bei Ihnen? Haben die Freunde und Ihre
Familie ihr anfängliches Abraten inzwischen als Fehler erkannt,
oder hat es sich aus deren Erfahrung bestätigt? Das würde die
Frage beantworten, wer Ihnen aus Ihrem Umfeld jetzt Mut macht,
Ihre Ehe fortzusetzen, oder ob man Ihnen nicht direkt oder
indirekt sagt: "Siehst du, wir haben es ja immer
gesagt..."
Es kann immer sein, dass alles nur eine vorübergehende Krise ist
und die Liebe wie neu zurückkommt. Ich weiss das aus vielen
Ehen. Es gibt immer ein Auf und Ab. Wichtig ist nur, wie man aus
den "Abs" herausfindet. Wenn das gelingt, waren diese
"Abs" meistens eine Bereicherung für die Beziehung,
man hat dann miteinander ein Tief überwunden, und das bringt
einen noch näher als vorher. Es hängt aber davon ab, ob Sie und
Ihr Mann die Krise meistern und aus ihr lernen, um dann einen
Neustart miteinander zu machen. Wenn das gelingt, kann es wieder
wunderbar und sogar besser als vorher sein.
Sie und Ihr Mann haben aus meiner Sicht bisher schon einiges
miteinander sehr gut geschafft, und Ihre Beziehung hat sich damit
eigentlich unter dem Strich bisher sehr gut bewährt, obwohl Sie
so jung geheiratet haben, gegen den Rat der Familie und der
Freunde, mit 2 kleinen Kindern, die ziemlich rasch aufeinander
kamen. Das müssen Ihnen und Ihrem Mann andere erst einmal
nachmachen! Sie beschreiben Ihren Mann ausserdem als treu,
ehrlich und sparsam, als guten Mann.
Die Frage muss also aus meiner Sicht sein, wie Sie und Ihr Mann
aus dem derzeitigen schleichenden Tief herausfinden können, wie
Sie Ihre Liebe wieder beleben können? Was können Sie (und er)
tun, um dahin zu kommen? Weiss Ihr Mann von Ihnen überhaupt,
dass Sie seine Liebe vermissen? Sagen Sie ihm doch bei einer
guten Gelegenheit, wenn es zwischen Ihnen mal möglich ist, dass
Sie finden, Sie beide müssten füreinander etwas tun, damit der
Alltag Sie nicht überrollt, damit Ihre Liebe nicht einschläft
und endgültig verschwindet. Fragen Sie ihn, wie er alles erlebt.
Merkt er von Allem etwas? Viele Männer merken gar nicht, was
Ihre Frauen bewegt. Bestehen Sie z.B. darauf, dass Sie einen Tag
in der Woche abends "frei" haben und sich allein mit
Ihren Freundinnen treffen können, oder laden Sie die zu sich
nach Hause ein. Bestehen Sie darauf, dass Sie und Ihr Mann einmal
pro Woche "kinderfrei" haben (Babysitter besorgen), und
dann ausgehen, am Besten sich mit Freunden/Freundinnen treffen.
So junge Eheleute wie Sie brauchen unbedingt viel Kontakt zu
anderen (Ehe)Leuten, sonst stellt sich schnell das Gefühl ein,
das Leben gehe an einem vorbei und der langweilige Alltag
erstickt alles. Also viele Kontakte ausserhalb der Familie,
gemeinsam und auch getrennt voneinander, das bringt oft neuen
Schwung.
Das wünscht Ihnen und Ihrer Familie herzlich Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt