| Sehr geehrter Herr Schmidt, wie sie schon bei anderen Anfragen bemerkt haben, tun sich Männer schwer mit psychologischer Beratung, und ich mache da sicher keine Ausnahme (eher im Gegenteil, ich schätze mich selbst als psychisch schwer geprüft und daher auch wiederstandsfähig ein). Trotzdem wende ich mich tief verzweifelt an Sie in der Hoffnung, wenigstens einen klugen Ratschlag zu erhalten. Seit fast 4 Jahren bin ich nun (ich jetzt 39, meine Frau 35 ) verheiratet. Zu keinem Zeitpunkt (auch nicht vor der Ehe) war die Beziehung problemlos, da Sie sehr starke Ängste aus vorherigen Beziehungen mitbrachte, die Sie ständig auf mich überträgt (also zum Beispiel: ihr erster Mann war -ihrer Aussage nach - gewalttätig, also bin ich es auch ... (von diesem Mann stammt auch eine Tochter, heute 16 Jahre alt, die auch für erhebliche Irritationen sorgt - sie ist sexuell sehr aktiv, was ein krasser Gegensatz zum Verhalten meiner Frau ist) ein anderer zeitweiliger Bekannter meiner Frau verlangte (ihrer Darstellung nach), dass sie kocht und putzt, das führt nun nach Darstellung meiner Frau dazu, das sie sich bei Ausübung solcher Tätigkeiten genötigt fühlt. Also gibt es kein regelmäßiges Essen. Dabei geht es nun weniger um mich, ich bin alt genug und kann für mich selber sorgen, als vielmehr um die Kinder, denn die sind 11 Monate bzw. 2 Jahre und 9 Monate alt. (die 16 jährige Tochter ist sicherlich auch alt genug, aber trotzdem durch die jahrelange Gewöhnung beeinflusst). Als Nebenstrang: die Tochter kam mit 13 mit in die Ehe, mit 14 hatte sie den ersten Sex, und seitdem mit Sicherheit oft, und ich habe nun das Gefühl, versagt zu haben. (Mag sein, das ich mich sehr konservativ anhöre, aber ich messe Sex eine hohe Bedeutung bei, es ist kein Spaß oder Scherz) Die Mutter glaubt bis jetzt anscheinend, das es einfach nicht stimmt (weil nicht sein kann, was nicht sein darf), oder - die Tocher ist ja nun 16, sie kann machen was sie will, ist ihr (der Mutter) egal- ich verstehe es nicht. Noch vor ca. 2 Monaten war unsere Beziehung einigermassen in Ordnung (Ich habe aus Rücksicht mit Schwangerschaft, Stillen usw, während der gesamten Zeit keinerlei Annährungsversuche zu meiner Frau unternommen - nun schien es sich wieder anzulassen... Aber schon nach zweimaligen GV hat sie mir erklärt, nicht meine Matratze zu sein. Seitdem hat sich die Situation aufgeschaukelt, (es gab aber keine Gewalt meinerseits - kein Schlagen, kein köperliches Bedrängen, kein Gebrüll oder so, muss ich mal mich gleich (unnötigerweise) rechtfertigen). Am Sonntag - dem Muttertag .- hat sie nun, während ich noch im Bett lag (nicht etwa aus Faulheit oder Schlafbedürfnis, sondern weil ich ihr aus dem Weg gehen wollte), das Haus verlassen, mit allen drei Kindern, und ohne jede Mitteilung über den Verbleib. Beim Versuch, sie über Handy zu erreichen, hat sie (nach Erkennen des Anrufers) einfach aufgelegt. Im übrigen konnte ich nur nach dem Weg über das Jugendamt herausbekommen, wo sie eigentlich steckt. Sie ist im Frauenhaus, was mich auch nicht sonderlich beruhigt, da sie dort mit Sicherheit extrem männerfeindlicher "Fürsorge" unterliegt, was sich bei ihrer schwachen Psyche verheerend auswirken wird. Ich will nun, eigentlich einzig wegen der gemeinsamen Kinder, die Beziehung retten (sozusagen koste es was es wolle), denn deren Glück geht mir über alles. Das heißt nicht, dass ich meine Frau nicht liebe, aber manchmal (wie jetzt) sind die Umstände sehr unglücklich. Was raten Sie mir, sollte ich mich völlig unterordnen (ich bin - für die Kleinen - bereit dafür), gibt es eine Chance, meine Frau von Ihren (etwa halbjährlich wiederkehrenden) Depressionen zu heilen? Oder liege ich völlig falsch ? Ich erwäge auch - im Falle der Trennung - mein Leben zu beenden. Denn letztendlich hätte ich dann völlig versagt. |
Lieber Herr C. (so nenne ich Sie mal, okay?), haben Sie vielen Dank für Ihre ausführliche Schilderung Ihrer Familiensituation! Die Lage ist natürlich für Sie sehr deprimierend. Das muss ein Schock für Sie gewesen sein, als Ihre Frau sozusagen über Nacht und ohne Vorankündigung ins Frauenhaus ging mitsamt allen Kindern! Das ist für Sie absolut traurig und tief verletzend. Dass sie dann auch noch einfach auflegt, als Sie sie anrufen: Seien Sie ehrlich: hätten Sie da nicht am liebsten heulen mögen?! Ich kann gut nachfühlen, wie total beschissen es Ihnen derzeit geht.
Aber lassen Sie trotzdem den Kopf nicht hängen, lieber Herr C. Bleiben Sie gerade jetzt ruhig, auch wenn es schwer fällt, werden Sie nicht wütend, sondern gehen Sie in sich! Jetzt hängt alles davon ab, wie konstruktiv Sie sich verhalten. Ihre Frau wird nicht sehr lange im Frauenhaus bleiben wollen mit den Kindern. Schicken Sie ihr Blumen. Schreiben Sie einen kleinen Brief, dass Sie sie lieben und vermissen, samt allen Kindern. Schlagen Sie Ihrer Frau eine Eheberatung in einer Ehe- und Familienberatungsstelle vor. Sicher haben Sie, lieber Herr C., auch Ihren Teil dazu beigetragen, dass alles so kam. Was die Schwierigkeiten Ihrer Frau mit ihren früheren Partnern anbelangt, haben Sie sicher recht. Aber was Ihr eigener Teil an den ganzen Problemen sein mag? Sind Sie nicht manchmal zu wenig einfühlsam in Ihre Frau und in Ihre Stieftochter? Bedenken Sie doch, welche traurigen Vorerfahrungen die beiden wahrscheinlich haben.
Sie und Ihre Frau sollten wirklich
eine Ehetherapie aufsuchen, um diesen Hintergründen in Ruhe
nachzugehen. Ich glaube, Ihr Verhältnis zu Ihrer Stieftochter
ist ein wesentliches Problem, das Sie in der Eheberatung für
sich klären sollten. Ihr Verhalten zu Ihrer Stieftochter ist
wahrscheinlich nicht in Ordnung und sorgt immer wieder für
erhebliche Familienkonflikte. Sie sollten viel
wohlwollend-gleichgültiger zu Ihrer Stieftochter sein (Betonung
auf wohlwollend). Als Stiefvater einer pubertären Tochter macht
man nur Fehler, wenn man sich zu kritisch einmischt in die
Erziehung. Ziehen Sie sich da raus, hören Sie auf, Ihre
Stieftochter erziehen zu wollen. Werden Sie einfach ein guter
Freund Ihrer Stieftochter, aber kein Ersatzvater. In Ihrer Ehe
scheint es auch deutlichere sexuelle Schwierigkeiten zu geben,
die ebenfalls in einer Ehetherapie zu klären wären. Lieber Herr
C., seien Sie mutig und beweisen Sie auf diese Weise, dass Sie
Ihre Familie lieben. Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt