| Hallo Herr
Schmidt, Wir sind eine Familie mit zwei Söhnen, acht und vier Jahre alt. Unser kleiner Sohn ist ein sehr ausgeglichenes und pflegeleichtes Kind. Unser 8-jähriger Sohn ist sehr lebhaft, und hat uns früher des öfteren mit seinem Verhalten überfordert. Bei der ärztlichen Untersuchung vor der Einschulung wurden Wahrnehmungsstörungen festgestellt, die inzwischen erfolgreich therapiert worden sind. Seitdem bereitet uns unser Kind keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr. Er ist immer noch sehr lebhaft und eigensinnig und benötigt viel Struktur und Konsequenz. Aber wir kommen gut damit zurecht. Nur in der Schule bereitet er nach wie vor Probleme, so daß ich von seinem Lehrer gebeten wurde, ihn auf ADHS testen zu lassen. Er verbreitet im Unterricht viel Unruhe, hat Mühe stillzusitzen, beachtet häufig die Gesprächsregeln nicht und kaspert herum. Zusatzaufgaben machen ihm nicht viel aus. Aber er gehört nach Aussage des Lehrers zu den guten Schülern und das in allen Fächern und hat keine Schwierigkeiten mit den Mitschülern. Er arbeitet sehr schnell und macht dabei wenig Fehler. Allerdings liest er die Aufgabenstellungen teilweise ungenau oder hört dem Lehrer nicht zu. Zuhause habe ich bei den Hausaufgaben keine Probleme. Er erledigt sie schnell und überwiegend ordentlich. Grundsätzlich ist unser Sohn ein fröhliches und aufgewecktes, wenn auch häufig anstrengendes Kind. Er hat viele Freunde und findet schnell Kontakt (z. B. im Urlaub). Auch wenn er lieber draußen Fußball spielt, malt er bei schlechtem Wetter hin und wieder Mandalas, baut mit Legosteinen oder beschäftigt sich mit Steckperlen. Er läßt sich gerne vorlesen und mag Gesellschaftspiese. Als ich ihm mitgeteilt habe, daß er untersucht werden soll, hat er sehr empört reagiert. Ich habe Ihre Ansichten über ADHS gelesen und möchte ihn nicht testen lassen, auch wenn er in einigen Verhaltensweisen recht gut ins Bild paßt. Aber müssen wir uns wirklich an eine Beratungsstelle wenden? Oder haben wir einfach nur ein anstrengendes, lebhaftes Kind? Üblicherweise wird doch zu einer Psychotherapie geraten, wenn das Leben des Betreffenden beeinträchtigt wird. Das würde für mich bedeuten, wenn er schlechte schulische Leistungen zeigen würde, oder sich zum Außenseiter entwickeln würde, oder unsere ganze Familie darunter zu leiden hätte. Muss unser Kind psychologisch behandelt werden, weil er teilweise unaufmerksam und anstrengend ist? |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Das Problem scheint mir nicht so
sehr Ihr Sohnemann zu sein, sondern sein Lehrer. Für mich stellt
sich ein Lehrer regelmäßig ein Armutszeugnis aus, wenn er den
Eltern mehr oder weniger direkt rät, ihrem Kind Psychopharmaka
zu geben, damit er es im Unterricht pädagogisch leichter hat.
Darauf läuft ja sein Rat, auf "ADHS" zu testen, leider
in der Regel hinaus. Dabei scheinen Sie doch ein prächtiges,
intelligentes und ganz wunderbares Kind zu haben! Sein manchmal
etwas anstrengendes Verhalten kann sehr gut noch aus seinen früheren
Wahrnehmungsstörungen übrig sein und braucht noch einige Jährchen
Liebe und Geduld, um sich einzupendeln. Sie können von seinem
Lehrer durchaus mit Recht erwarten, dass er sich dieser kleinen
Herausforderung mit pädagogischen, nicht mit
psychopharmakologischen Mitteln stellt. Sagen Sie ihm das bei nächster
Gelegenheit in freundlichem und aufmunterndem Ton, dass Sie es
ihm zutrauen, dass er als studierter Pädagoge mit dem Verhalten
Ihres Söhnchens professionell umzugehen weiß. An Ihrer Mithilfe
als Eltern soll es ja dabei nicht fehlen. Der Lehrer kann sich ja
auch Supervision z.B. bei einem Psychologen in einer
Erziehungsberatungsstelle einholen, wenn er Rat braucht im
professionellen Umgang mit Ihrem Sohn (und anderen nicht ganz so
pflegeleichten Kindern). Leider machen Lehrer-/innen von solchen
Angeboten vieler Schulpsychologischer Dienste und
Erziehungsberatungsstellen viel zu wenig Gebrauch - Ritalin ist
da viel bequemer).
Also lassen Sie sich bitte nicht verunsichern. Sie können von
der Schule erwarten, dass sie mit Ihrem Sohn sinnvoller umgeht
als ihn zu psychiatrisieren und für krank zu erklären.
Solche Lehrer ärgern mich sehr. Sie schaden den Kindern.
Empfehlen Sie Ihrem Lehrer doch bitte auch meine website http://www.ads-kritik.de
Rät Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt