| Guten Tag
Herr Schmidt Das Jahr geht zu ende und eigentlich müsste ich überglücklich sein. Denn dieses Jahr wurde ich 30 Jahre alt ? und seit kurzem auch Vater. Meine letzten 2 Jahren waren psychisch sehr hart, privat wie geschäftlich. Privat habe ich die Abnabelung von meiner herrschsüchtigen, dominanten Mutter und die Aufwertung von meinem schwachen, depressiven Vater durchgemacht. Seit meiner Kindheit war mein Vater immer sehr passiv und gab mir das Gefühl, dass wir Kinder dafür verantwortlich sind, dass es Ihm gut geht. Er aber hat sich nie die Mühe genommen, sich um uns zu kümmern, nach unserem Studium nachzufragen (Er weiss heute noch nicht recht was ich studiert habe und was ich beruflich mache- wobei anzufügen ist, dass meine Eltern eingewandert sind). Meine Mutter hingegen hat für uns gekämpft und uns ?getrimmt? ? Liebe gab es nur gegen Leistung! Und sie begab sich auch immer in die Opfer Rolle, ich Arme (mit meinem Vater und zwei Söhne). Jedenfalls war ich bis vor zwei Jahren so stark in ihrer Macht, dass ich immer ein schlechtes Gewissen hatte wenn ich anders handelte als sie es getan hätte. Sie konnte mich extrem stark beeinflussen. Doch nach meiner Heirat (3 Jahre) fing alles etwas auseinander zu brechen, da meine Frau keine schöne Kindheit hatte und demnach seit langem sich schon von ihrer Familie ?normal? abgenabelt hatte. Meine Frau ist auch beharrlich und es ist schwer sie zufriedezustellen. Zumindest empfinde ich es so, denn hier ist auch bereits mein Problem, dass ich überall etwas hin und her schwanke und noch nicht mich selbst behaupten kann. Ich bin zwar in der Zwischenzeit in einem andern Verhältnis zu meinen Eltern, wo sich mich nicht mehr gross beeinflussen (auch wenn ich immer wieder sie Mal ermahnen muss) lasse. Jedenfalls habe ich einen Komplex dass ich mir direkt nichts gönne sondern immer mehr Leiste (beruflich und privat), immer mehr Geld anspare für meine Frau und meine Familie (denn ihre Wünsche und Bedürfnisse wachsen wie Haus, neues Auto und gute Sachen fürs Baby. Jedenfalls nörgelt sie an mir obwohl ich bisher extrem viel zu Hause war (knapp 8h Arbeit und gleich nach Hause). Da ich aber die letzten 2 Jahre von meinem Chef gemobbt wurde und immer Knüppel in den Weg bekam ? da er einen komplex hat wegen tieferer Ausbildung und ich gut bei den Leuten ankomme. So habe ich mich entschieden Job zu wechseln ? denn ich konnte einen Traumjob ergattern wobei der Zeitliche Aufwand wöchentlich sicherlich 15h höher sein wird!, wobei auch das Salär einiges höher ist. Nun ich habe schon x-Bücher über Selbstwertgefühl gelesen ? und doch ich krieg diese Charakterstärke so wie ich es mir wünsche noch nicht hin auch wenn es schon viel besser ist. Ich habe einfach dass Gefühl dass meine Frau zu Grob für mich ist, denn ich sehne mich nach einer Frau die mich verwöhnt und wo ich auch guten Sex bekomme ? denn ihr war sex noch nie wichtig. Normalerweise kriege ich geschriebenes viel besser in mein Tagebuch hin, aber ich bin sehr konfus, denn mein Leben ist sich stark am verändern ich spüre dass ich an eine Verzweigung angelangt bin mit Job, Baby, Familie und meine Eltern die einen neuen Platz gekriegt haben. Eigentlich bin ich meiner Meinung schon auf dem richtigen Weg, doch wie kriege ich es hin dass alles harmonischer läuft und ich mich stärker als ein starker Mann fühle? Auch mit gutem gewissen Nein sagen kann, mich abgrenzen direkt den Leuten meine Meinung sagen ohne in einen Streit auszuarten? Danke für Ihre Antwort und einen guten Start in das neue Jahr! von Herzen |
Hallo,
vielen Dank für Ihren sehr sympathischen Brief!
In der Tat, Sie stehen in Ihrem Leben vor wichtigen weiteren
Weichenstellungen. Wenn man 30 wird, ist das meist auch genau das
richtige Alter, die Kindheit hinter sich zu lassen und das eigene
Leben als Erwachsener, Ehemann und Familienvater langsam, aber
sicher zu erobern. Und daran wächst das Selbstbewusstsein und
das Gefühl für den eigenen Wert und die eigene Stärke. Sie
sind da doch offenbar auf genau dem richtigen Weg!
Ihre Eltern haben es Ihnen -oberflächlich betrachtet- nicht ganz leicht gemacht. Aber das eher schwache, depressive Vorbild Ihres Vaters und die beeindruckende Härte und Kraft Ihrer starken Mutter hat Sie so geprägt, dass Sie keinesfalls so werden wollen wie Ihr Vater, aber gern eine Frau hätten viel weicher und liebevoller als Ihre Mutter. Sie selber sind offensichtlich auf dem besten Weg, mit positivem Ehrgeiz, Einsatzbereitschaft und viel Begabung beruflich Karriere zu machen. Mit Ihrer Frau sind Sie einigermaßen unzufrieden, aber vielleicht können Sie ihr etwas mehr dabei helfen, sich mehr zu öffnen, weicher und gelassener zu werden, mehr Spaß an Sex zu entwickeln? Da ist Ihre aktive Zärtlichkeit und Liebe sehr gefragt. Da wird also vielleicht etwas von Ihnen verlangt, was Ihr Vater seiner Frau zeitweise auch nicht bieten konnte? Und wenn es in Ihrer Kindheit Liebe nur gegen Leistung gab, liegt hier ein besonderes Aufgabenfeld für Sie bereit: Liebe um der Liebe willen!
Aber so, wie Sie das Ding mit Ihren Eltern bisher psychologisch hingekriegt haben, traue ich Ihnen auch zu, die Beziehung zu Ihrer Frau einfühlsam und konsequent zu gestalten und ein liebevoller Vater für Ihr Kind zu sein. Ich finde, Sie sind ein starker und emotionaler Charakter und man muss sich um Sie längerfristig keine Sorgen machen. Sie sind ja noch jung, noch persönlich im Wachsen. Ihr Leben als Erwachsener beginnt eigentlich gerade erst, vieles von früher muss in den kommenden Jahrzehnten noch richtig verdaut und produktiv umgewandelt werden. Geben Sie sich also Zeit und überfordern Sie sich und Ihre kleine Familie nicht. Denn der Weg, auf dem Sie sind, ist jedenfalls der richtige.
Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt