Ich zweifle in dieser Phase total an mir und denke ständig nur an den betreffenden Mann

Hallo!
Ich bin 26 und weiß normalerweise wer ich bin und was ich mir im Leben wünsche. Ich hatte jedoch bis jetzt noch nie eine vernünftige Beziehung mit einem Mann, denn jedes Mal wenn ich jemanden kennen lerne, mache ich mir meistens gleich viel zu viele Hoffnungen und mache, dann so bescheuerte Sachen, wie mich ständig bei ihnen zu melden und ihnen meine Gefühle mitteilen zu wollen ohne, dass unsere Beziehung soweit ist. Normalerweise endet damit die Beziehung, ohne dass sie richtig angefangen hat. Ich kann einfach keinen Abstand halten. Ich zweifle in dieser Phase total an mir und denke ständig nur an den betreffenden Mann oder daran ob er sich melden wird, ob er mich überhaupt mag. Und habe gleichzeitig Angst, dass er nichts der gleichen tut und ich mich vor nur bloßstelle. Es geht so weit, dass ich an nichts anderes mehr denken kann und das wirkt sich auf mein restliches Leben aus, denn ich kann mich auf nichts anderes Konzentrieren.
Vor einer Woche hab ich wieder jemanden kennen gelernt. Auf einer Party. Da ich mich selbst gut kenne, habe ich gleich gesagt, dass ich nur an einer ernsten Beziehung Interesse habe und auf keinen Flirt aus bin. Er hat weiter mit mir geflirtet und mir das Gefühl gegeben, als ob er auch ernste Absichten hätte. Am nächsten Tag bin ich wieder mit dem gleichen Gefühl und Gedanken an ihn aufgewacht. Ich habe mich bei ihm gemeldet. Er hat mir geantwortet, leider nicht sehr freundlich und es hat sich rausgestellt, dass es für nur ein Party-Flirt war. Ich bin am Boden zerstört und kann nicht aufhören zu weinen und mich zu fragen, was los mit mir ist.
Schließlich kenne ich ihn garnicht und es war auch ncihts weiter zwischen uns, also warum macht es mir so viel aus.
Vielleicht hört es sich für Sie nach einem typischen Liebeskummer an, doch ich erlebe die gleiche Situation immer und immer wieder, und habe inzwischen sehr viel Angst einen Mann kennen zu lernen oder mich für jemanden zu interessieren.
Meine Fragen wären:
Was kann ich tun um emotional Abstand von solchen Situationen zu haben oder zumindest besser mit Ablehnung umgehen kann?

Ich hoffe Sie haben einen Rat für mich, ich verstehe mich nämlich selbst nicht.
Mit freundlichen Grüßen
J.


Meine Beratung:

Liebe J.,
vielen Dank für die Schilderung Ihres Problems! Ich gehe mal davon aus, dass Sie weiblich sind.
Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte: Ich kannte einmal einen Mann, der ganz frisch den Motorradführerschein gemacht hat. Auf seiner ersten größeren Fahrt mit dem neuen Motorrad hatte er ziemlich starke Angst, zu verunglücken. Er fuhr über Land auf einer kerzengeraden Straße ohne viel Verkehr. Links und rechts war freies Land, die Sonne schien, die Straße war trocken und eben. Alles war eigentlich wunderbar. Er war aber trotzdem sehr angespannt und ängstlich. Als er in der Ferne an der rechten Seite einen Baum auftauchen sah, dachte er, er müsse nun unbedingt aufpassen, nicht an diesen Baum zu fahren. Er dachte das immer intensiver, je näher der Baum kam - und Bumms! fuhr er genau an diesen Baum! Zum Glück blieb er unverletzt, sein schönes Motorrad war allerdings ziemlich hinüber.

Diese Geschichte ist wirklich passiert, und ich glaube, Sie machen es in puncto Partnersuche genau wie dieser Motorradfahrer. Aus großer Angst, eine Beziehung könnte scheitern, tun sie unmerklich alles, damit sie tatsächlich scheitert. Sie verkrampfen sich, steigern sich dermaßen in ihre Angst hinein, dass die Beziehung rasch scheitert. Der Motorradfahrer hatte noch keine Fahrpraxis, er fühlte sich deshalb sehr unsicher. Bei Ihnen scheint mir auch eine erhebliche Selbstunsicherheit und Verlustangst der Grund dafür zu sein, dass sie solche Angst vor dem Scheitern einer sich anbahnenden Beziehung haben. Eine Dauerbeziehung muss ja in Ruhe wachsen und sich langsam entwickeln, man tastet sich sozusagen einander an. Zu große Verlustangst stört dabei natürlich erheblich und macht alles rasch kaputt. Sie verhindert übrigens auch, dass man rasch unterscheiden kann, ob es jemand ernst mit einem meint oder ob er nur einen one-night-stand sucht.

Sie müssten also mit viel größerer Gelassenheit an die Sache herangehen, so nach dem Motto: "Wird schon schiefgehen, warten wir es in Ruhe ab." Dazu gehört, dass Sie sich niemandem aufdrängen, dass Sie die Initiative stärker dem Mann überlassen. Vielleicht sollten Sie aber auch überlegen, ob Sie sich hierbei fachpsychologisch beraten und begleiten lassen in einer Partnerberatung oder Psychotherapeutischen Praxis.

Ich wünsche Ihnen viel Geduld und Spucke (mit der fängt der Frosch die Mucke. Wilhelm Busch, oder?)

Hans Reinhard Schmidt
Psychologischer Psychotherapeut