Hallo Herr Schmidt,

 Ich wende mich an Sie, denn seit ca. 5 Wochen ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich bin 34 Jahre alt und seit 9 Jahren verheiratet. Vorher haben meine Frau und ich schon 5 Jahre zusammengelebt. Wir haben einen Sohn (11 Jahre). Ich war bis vor 5 Wochen der Meinung wir führen eine glückliche Ehe. Es gab keine großen Streitereien und nur selten böse Worte. Ich arbeite 4 Tage die Woche auswärts, so dass ich meine Familie nur am Wochenende sehe.

Vor 5 Wochen haben wir unseren gemeinsamen Jahresurlaub angetreten. In diesem Urlaub offenbarte mir meine Frau, dass sie total unglücklich sei. Sie leidet seit Wochen an Appetitlosigkeit und Schlafstörungen. Sie sagt,sie weiß nicht mehr ob sie mich noch liebe. Es hätten sich in der Vergangenheit viele Kleinigkeiten aufgestaut die nun zu ihrem körperlichen Zustand führten. Es war für mich wie ein Donnerschlag. Ich liebe meine Frau sehr, habe es Ihr aber vielleicht zu selten gesagt. In den ersten Gesprächen haben wir nur über einzelne Situationen gesprochen, die zu diesem Zustand führten (fehlendes Verständnis, Routine und Alltag im Zusammenleben,...). Mit den Gesprächen verschlechterte sich Ihr seelischer Zustand immer mehr. Zwischen den Gesprächen waren wir dann oft wieder wie frisch verliebt. Dieser Zustand dauerte bei meiner Frau aber immer nur kurz an, um dann in ein noch tieferes Loch zu fallen. Anfangs wurde über Trennung überhaupt nicht gesprochen. Jetzt ist es für meine Frau eine mögliche Alternative geworden. Ich habe meine Frau dann mit Liebesbezeugungen überschüttet, aber es prallte alles nur ab und provozierte die Frage: Warum jetzt. Trotzdem erlebten wir auch an den letzten Wochenenden intensive Kontakte und Zärtlichkeiten.

Was soll ich jetzt tun? Meine Frau möchte jetzt allein Ihre Gefühle erforschen, Sie möchte herausfinden ob dort noch Liebe ist. Ich frage mich ob dies funktionieren kann, denn ich glaube sie ist in ihren negativen Emotionen gefangen und sieht die ganzen positiven Seiten unserer Ehe nicht mehr. Soll ich mich meinem Schicksal ergeben und auf Ihre Entscheidung warten, oder ist es besser noch mehr Konfliktpunkte zu diskutieren. Wie soll ich in dieser Phase Verhaltensfehler korrigieren, wenn diese nicht angesprochen werden? Den Vorschlag zum Besuch einer Eheberatung lehnte Sie ab. Was kann ich tun? Ich weiß nur, dass ich meine Frau liebe und nicht verlieren möchte.

Mit freundlichen Grüßen

T

Lieber T,
vielen Dank für Ihren Brief! Ihre Frau scheint sich mit Trennungsgedanken zu tragen und will sich über ihre Gefühle Ihnen gegenüber klarwerden. Hat sie vielleicht schon einen heimlichen Liebhaber? Haben Sie sie dies gefragt? Wenn nein, tun Sie es ruhig. Es sieht so aus, als hätten Sie Ihre Frau in den letzten Jahren etwas vernachlässigt, allerdings hätte sie es Ihnen ja auch früher deutlich machen können, anstatt so plötzlich und für Sie "aus heiterem Himmel" damit anzukommen.
Sie können jetzt nichts Anderes tun, als weiterhin liebevoll und aufmerksam um Ihre Frau werben. Dass Sie sie lieben, weiss sie sicherlich, aber sie muss für sich selbst entscheiden, wie ihre Gefühle zu Ihnen aussehen. Und dabei können Sie ihr leider nicht weiter helfen. Sie hätten auch Grund, etwas fordernd zu ihr zu sein und Klarheit zu verlangen, aber vielleicht geben Sie ihr jetzt erst einmal die Zeit, die sie offenbar braucht. Wie lange Sie alledrings die Unsicherheit und das Auf und Ab aushalten wollen: das ist Ihre Entscheidung!
Alles Gute, Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt