Lieber Herr Schmidt, wegen eines immer wiederkehrenden Problems komme auch ich nun einmal in Ihre "Sprechstunde". Meine Lebenssituation, möglichst kurz gefasst: Ich bin 45, mein Partner 40, wir kennen uns seit 6 Jahren u. leben seit 3 Jahren zusammen. Ich habe 2 fast erwachsene Töchter aus erster Ehe, von denen eine noch bei uns lebt. Bis vor kurzem hat es bei uns massive Probleme gegeben, die hauptsächlich auf Konflikten zwischen meinen Töchtern, meinen Eltern u. meinem Partner basierten. Inzwischen läuft es aber ganz gut, das Verhältnis zwischen ihm u. meinen Töchtern ist viel besser geworden u. zu meinen Eltern haben wir den Kontakt abgebrochen, weil sie es einfach nicht lassen konnten, sich ständig in unser Leben einzumischen u. am guten Schluss auch noch meine eigenen Töchter gegen mich aufgehetzt haben. Mein Partner u. ich verstehen uns wirklich gut, ich bin glücklich mit ihm, er ist liebevoll, hilfsbereit, lustig u. unsere Zukunftswünsche sind die gleichen. Nächste Woche wollen wir heiraten u. im nächsten Monat beginnen wir mit unserem Hausbau. So weit, so gut. Wenn da nicht eine Sache wäre, die mich zunehmend beunruhigt. Eines vorweg: Zu keiner Zeit hatte ich Angst vor meinem Partner. Er ist ein sehr cholerischer Mensch, das war mir von Anfang an bewusst. Nur leider hat sich sein Verhalten massiv verschärft. Im Klartext: Wegen jeder Kleinigkeit brüllt er sofort los, egal, ob er versucht, einen Faden einzufädeln u. es klappt nicht auf Anhieb oder ob ich die Waschmaschine nicht so bediene, wie er es mir vorgeschlagen hat. Es vergeht fast kein Tag, an dem er nicht wegen irgend einer Lappalie losschreit. Ich habe ihn schon erlebt (da gings allerdings um ein ernsteres Problem), da wurde er weiß wie die Wand, bekam Schweißausbrüche u. hatte seine Stimme vor Geschrei kaum noch unter Kontrolle. Er ist in solchen Situationen nicht mehr zugänglich u. nicht mehr zu beruhigen. Ich hab das Gefühl, dass er sich selber immer mehr reinsteigert. Am Sonntag ist es allerdings zum wiederholten Mal passiert, dass er mich in der Öffentlichkeit angeschrien u. gemaßregelt hat, u. da hört bei mir der Spaß auf. Es ging wieder um eine Lappalie. Ich sollte 300 km mit seinem Auto zu einem Motorradtreffen fahren (er fuhr mit dem Motorrad), um alles Mögliche zu transportieren (sein Auto hat den größeren Kofferraum). Eine gemeinsame Bekannte fuhr mit. Unterwegs haben wir abwechselnd das Autoradio bedient u. auch den eingebauten CD-Player. Dazu muss ich sagen, dass ich höchstens alle 3 Monate mit diesem Auto fahre u. mich auch mit dem Radio nicht komplett auskenne. Jedenfalls haben wir wohl das Radio verstellt, u. das ist mir insgesamt zum zweiten o. dritten Mal passiert. Als er das merkte, hat er auf dem Zeltplatz angefangen, mich anzubrüllen. Es haben nicht nur alle Fremden gehört, sondern auch unsere gesamte Clique. Um ihn zu stoppen (er wollte wieder nicht aufhören), hab ich meinerseits ihn angebrüllt, er solle sofort aufhören, mich anzuschreien, was ihm einfallen würde. Ich fühlte mich wie eine Asoziale. Nachdem er ruhig war, sagte ich ihm, dass ich zukünftig sein Auto nicht mehr anrühren würde u. überhaupt solle er mir für den Rest des Tages aus dem Weg gehen. Seitdem herrscht zwischen uns Bild- u. Tonstörung. Ich wäre gestern bereit gewesen, mit ihm zu reden, aber jetzt spielt er den Beleidigten. Wie sollen wir heiraten, wenn so eine Stimmung herrscht? Außerdem bin ich nicht mehr bereit, dieses Geschrei auf Dauer zu akzeptieren, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Geredet habe ich mit ihm schon oft darüber, er weiß auch, dass es falsch ist, aber ist er einmal in der Situation, vergisst er alles. Möglicherweise hat sich alles verschlimmert, weil er vor 1 1/2 Jahren wegen eines erst jetzt entdeckten Geburtsfehlers am Herz operiert werden musste. Er ist allerdings laut Aussagen der Ärzte inzwischen kerngesund u. 100 % fit, muss auch nur noch Ass 100 nehmen. Das Rauchen hat er ebenfalls vor 1 1/2 Jahren aufgegeben, aber das können ja wohl keine Nachwirkungen mehr sein! Alles in allem ist die Situation ziemlich verfahren, denn ich bin nicht bereit, diese Brüllerei auf Dauer hin zu nehmen. Andererseits will ich deswegen nicht eine ansonsten harmonische Beziehung beenden. Wenn ich es recht überlege, wird sein Geschrei meistens verursacht durch sein Nichtakzeptierenkönnen, dass andere Menschen bestimmte Dinge anders als er handhaben möchten. Er will es nicht einsehen, dass ich mir im Laufe von Jahrzehnten Handlungsabläufe angewöhnt habe, die ihn im übrigen oft gar nicht betreffen, er weiß alles besser. Vielleicht hat er ja in manchen Dingen recht, aber ich denke, in meinem Alter kann ich die Verantwortung für mich selber übernehmen, zumal ich jahrelang meine Kinder nach der Scheidung allein erzogen habe. Ich liebe ihn aufrichtig, aber ich bin nicht bereit, durch sein Geschrei, noch dazu in der Öffentlichkeit, meine Selbstachtung zerstören zu lassen. Ich habe eine 15jährige Ehe hinter mir, in der ich untergebuttert wurde, das passiert mir nicht noch mal! Außerdem hat mein Partner immer wieder betont, dass ihm gerade meine zunehmende Selbständigkeit in den letzten Jahren sehr imponiert. Als er mich kennengelernt hätte, sei ich ein verschüchtertes Mäuschen gewesen u. heute eine selbstbewusste Frau, das würde ihm sehr gefallen. Was können wir tun - was kann   i c h   tun, damit diese cholerischen Anfälle aufhören bzw. auf ein Minimum beschränkt werden? Er fühlt sich ja mittlerweile durch alles provoziert u. ich weiß, dass er an seiner Arbeitsstelle (er arbeitet in einer Werkstatt, da geht es sowieso zünftig zu) auch so ist. Ich würde mich riesig über Ihre Antwort freuen, zumal ja schon der Hochzeitstermin nächste Woche fest steht. Herzlichen Dank für Ihre Hilfe!
Ihre L.

Liebe L.,
willkommen in meiner Sprechstunde und ganz herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Hochzeit! Sie sind die Erste, die heiratet, während sie in meine Sprechstunde kommt!
Ich finde, Sie sind auf einem guten Weg: Sie haben auf dem Zeltplatz gezeigt, dass Sie sich nicht "unterbuttern" lassen, und darauf wird es in Zukunft ankommen, allerdings mit viel Fingerspitzengefühl Ihrerseits!
Als Ihr Partner Sie kennenlernte, waren Sie aus seiner Sicht ein "schüchternes Mäuschen". Vielleicht hat ihn gerade dies angezogen? Immerhin sind Sie 5 Jahre älter als er und eine bereits ehe-erfahrene Mutter von zwei Kindern. Er ist wohl bisher Junggeselle gewesen, nehme ich an. Eine gewisse Unterlegensheitsangst mit entsprechendem Imponiergehabe könnte ich mir deshalb bei ihm ganz gut vorstellen.
Dazu kommt wohl sein cholerisches Temperament. Beides, dieses Temperament sowie der Erfahrungsunterschied zwischen Ihnen beiden, bringt es mit sich, dass Ihr Partner sehr empfindlich reagieren wird auf Ihre "Dominanz", die er überall wittern wird. Es reicht, dass Sie das Radio verstellen (für sich genommen etwas völlig Lächerliches), und schon wittert er Ihre Dominanz und fühlt sich "manipuliert" oder übervorteilt. Entsprechend seinem Temperament verhält er sich dann. So sehe ich das.
Machen Sie ihm in einem oder mehreren Gesprächen ganz deutlich, dass Sie solche cholerischen Ausbrüche generell nicht vertragen und nicht dulden werden. Es ist allein seine Aufgabe und Pflicht, mit seinen "Frustrationen" oder Unterlegenheitsängsten so umgehen zu lernen, dass er Sie nicht (öffentlich oder privat) beleidigt oder diskriminiert. Da müssen Sie ihn ganz deutlich in die Grenzen verweisen, und wenn er dann jeweils beleidigt ist, sei`s drum! Wichtig fände ich es, dass er selbst erkennt, dass ihm sein cholerisches Temperament allzu leicht durchgeht. Hat er damit nicht auch sonst schon Probleme bekommen?
Selbsterkenntnis ist ja der beste Weg zur Besserung. Wenn er selbst weiss, dass er sich solche Szenen wie die am Zeltplatz nicht mehr erlauben darf, dann wird er Wege finden, sich zu beherrschen und seine Emotionen "gesitteter" auszuleben.
Also: Seien Sie kein "Mäuschen" mehr, aber spielen Sie Ihren Vorteil auch nicht allzu sehr aus (obwohl ich diese "Sorge" bei Ihnen kaum habe).
Und ansonsten: Wie sieht es mit den "Flitterwochen" aus? Ich habe mal vor vielen Jahren eine wissenschaftliche Arbeit über Flitterwochen gemacht. Den Begriff und das entsprechende Ritual gibt es wohl heute kaum noch. Oder wie sieht es bei Ihnen in zweiter Ehe aus? Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie mir doch darüber noch einmal ein wenig, das interessiert mich fachlich nämlich sehr.
Mit den besten Wünschen für Ihre Familie, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Zurück