Sehr geehrter Herr Schmidt,
eigentlich müßte ich (33) glücklich und zufrieden sein. Ich habe
zwei perfekte kleine Mädchen (10 und 7,5 Jahre). In der Schule ist
alles o.k., die beiden sind sehr
selbständig, machen immer (und von selbst) ihre Hausaufgaben,
sind fleißig und helfen mir auch noch im Haushalt. Ich bin
berufstätig (30 Stunden in der Woche) und mein Mann (30) ist in
einer leitenden Position beschäftigt.
Vor 1 1/2 Jahren haben wir unser eigenes Haus erworben. Es geht
uns also richtig gut. Mein Problem ist, daß ich keinen Anschluß
hier finde. Ich stamme aus einer Familie mit 4 Kindern (ich bin die
älteste) und mein Mann hat 2 Geschwister. Wir hatten auch
Freunde, nicht viele, aber einige sehr gute.
Bei uns war also immer etwas los. Zu zahlreichen Geburtstagen
und Familienfesten sind wir zusammengekommen oder auch
einfach nur so.
Vor über vier Jahren sind wir dann aus unserer Heimat aus
beruflichen Gründen fortgegangen. Zuerst hat es mir nicht so viel
ausgemacht, keine neuen Freunde an unserem neuen Wohnort zu
finden. Aber dann hat es angefangen: ich habe es immer mehr
vermisst "mal schnell bei jemandem vorbeischauen zu können",
einen Kaffee trinken zu gehen oder ins Kino oder auf irgendeine
andere Veranstaltung. Sicher, die Kinder und mein Mann sind ja
immer da, aber ich vermisse die Geselligkeit, mal mit jemandem
reden der nicht schon alles weiß was den ganzen Tag so los war.
Und das wird immer schlimmer. Ich wache mit einem Kloß im Hals
und Tränen in den Augen auf. Ich bin froh, wenn ich endlich an
meiner Arbeitsstelle bin. Dort ist alles wie weggeblasen. Ich
komme gut mit meinem Chef aus, bin beliebt bei Kunden und
Mitarbeitern. Aber privat will keiner etwas mit mir zu tun haben. Bei
uns im Baugebiet haben alle schnell Freundschaften geschlossen.
Ich würde auch gern abends auf meiner Terasse sitzen und mit
einem vorbeigehenden Nachbarn einen Plausch haben. Aber die
ignorieren mich. Und deswegen sitze ich nicht auf meiner Terasse.
Gestern hat jemand aus unserer Siedlung ein Fest gefeiert, mit Zelt
und Biertischen und so. Ich habe alle unsere Nachbarn dort hin
gehen sehen. Das hat mich sehr traurig gemacht. Meinem Mann
macht das nichts aus. Weder daß er die alten Freunde und die
Familie nicht mehr so oft sieht, noch
daß die Nachbarn nichts von uns wissen wollen. Im Gegenteil, er
will gar nichts mit denen zu tun haben und gestern war er richtig
froh darüber daß wir nicht eingeladen waren. Das hört sich jetzt
alles nach einer Lappalie an, aber für mich geben Freunde und
Familie ein Stück Geborgenheit, die ich immer schmerzlicher
vermisse. Und es wird immer schlimmer. Ich finde mein Leben
grau und trostlos, und vor allem: sinnlos. Bitte geben Sie mir einen
Rat, wie ich wieder Freude am Leben bekomme und das Gefühl
von Geborgenheit und Sicherheit, das Gefühl vom "Gemocht-
werden"
auch dann erlebe wenn ich mit meinem Mann und den Kindern
zusammen bin, die ich sehr liebe.
Gruß,
Lonely


Liebe Frau Lonely,
vielen Dank für Ihre Frage und die Schilderung Ihrer Situation! Ich glaube,
Ihre Nachbarn wollen nicht unbedingt nichts von Ihnen wissen, sondern die
lassen Sie nur in Ruhe, weil sie davon ausgehen, dass Sie in Ruhe gelassen
werden wollen. Sie und vor allem Ihr Mann haben der Nachbarschaft
wahrscheinlich von Anfang an gezeigt, dass Sie keinen Kontakt mit ihnen
wollen. Oder haben Sie sich gleich nach Ihrem Einzug Ihren Nachbarn
vorgestellt, z.B. mit einer Einzugsparty für die Nachbarschaft? Haben Sie
einfach mal bei der einen oder anderen Nachbarin geklingelt, um ein
Pläuschen zu halten? Ihre Kinder sind ja schulpflichtig, da können Sie doch
andere Eltern  überall kennenlernen, wenn Sie nur ein bisschen auf sie
zugehen: bei Elternabenden, bei Kindergeburtstagen. Sie können in einen
Verein am Ort gehen, sich in der Kirche engagieren, in eine Partei
eintreten, einen Frauenbastel- oder Literaturkreis (man diskutiert über ein
gemeinsam gelesenes Buch) gründen... es gibt massenhaft Möglichkeiten. Aber
Sie und Ihr Mann sind wohl zu passiv (Ihr Mann sogar ignorant: das verzeihen
Nachbarn nicht so leicht). Also werden Sie aktiv. Überzeugen Sie Ihren Mann,
dass es so nicht weitergehen kann mit der Isolation. Aber auch wenn er nicht
gleich mitzieht: ergreifen Sie allein die Initiative. Überraschen Sie ihn
damit, dass Sie einige Nachbarn zu irgendeinem Anlass einladen werden (in
meiner Nachbarschaft war man z.B. kürzlich ganz zwanglos zum "Kirschenfest"
eingeladen: der Kirschbaum musste abgeerntet werden, jeder konnte pflücken
und essen, soviel er wollte. Für die Kinder ein Riesenspaß!). Gehen Sie aus
sich heraus und auf die Leute zu!
Dies wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

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