Sehr geehrter Herr Schmidt,
Die Geschichte begann vor ca.13 Jahren. Damals habe ich die Frau kennengelernt welche mich verlassen oder auch nicht hat.
Damals war ich mit meiner Freundin insgesamt 3 Jahre zusammen. Ich war 28 und sie ist 4 Jahre jünger. Ich war ein ziemlicher Spätzünder in Sachen Beziehung und erst recht Sex. Den ersten Sex hatte ich kurz bevor ich mit meiner Freundin zusammenkam mit einer Arbeitskollegin von Ihr. Mit dieser war ich dann auch zusammen. Nach der Trennung ging ich sehr oft mit eben dieser Frau fremd. Ich kann nicht mal sagen warum, denn ich liebte diese Frau nicht, aber wenn sie rief bin ich sofort hin. Meine Freundin erfuhr davon, weil sie Briefe fand, ich im Schlaf sprach und weil sie uns zusammen sah. Wir trennten uns damals sehr oft, konnten aber nicht voneinander lassen und waren wieder zusammen. Eines tages erkannte ich, was mir meine Freundin wirklich bedeutet und machte nichts unanständuges mehr. Sie wollte versuchen mir zu verzeihen. Als aber nach einem Jahr immer noch Vorwürfe kamen und sie mich mitten in der Nacht sogar mit leichter körperlicher Gewalt weckte um den Frust loszuwerden konnte ich es nicht mehr aushalten und ging fort.Meine Freundin neigt nicht zur Gewalt muss ich dazu sagen, ist Krankenschwester und ein sehr lieber, intelligenter Mensch.
Ich wusste, das sie mir folgen würde und bin statt nach haus in die nächste Discothek gefahren. Ich wollte es ein für allemal beenden. Am gleichen Abend habe ich eine andere mit nach Haus genommen und ging sofort eine neue Beziehung ein um meiner Freundin zu zeigen, daß es aus ist. Damals muß sie sehr gelitten haben, Bruchstücke erzählt sie mir davon. Aber auch sie konnte dann wieder eine Beziehung eingehen, wohnte mit einem Mann zusammen. Mit dieser neuen frau an meiner Seite lebte ich sehr bald nebeneinander her, flüchtete mich in Arbeit und hoffte, daß sie endlich Schluss macht. Das tat sie dann auch nach 5 Jahren. Immer noch hatte ich meine verlassene im Kopf, keine war wie sie. Alle Beziehungsversuche scheiterten kläglich, da sich alle an meiner Ex-Freundin messen mußten. Ich war also fast 5 jahre nicht Beziehungsfähig und selbst die 5 Jahre davor waren keine echte Beziehung. Dann sah ich zufällig meine verlassene wieder.
Wir hatten ca. 2 jahre keinen Kontakt und sahen uns dann zufällig wieder, da ich an ihrem Arbeitsplatz zu tun hatte. Sie wußte, daß ich den Tag dort hinkommen würde und hat sich trotz ihres freien Tages auf den Weg gemacht um mich dort zu sehen. Wir wechselten wenige Worte. Dann sahen wir uns nochmals wieder und telefonierten beruflich oft zusammen. Selten, ca. 1x im Jahr telefonierten wir auch privat oder sahen uns. Wenn wir uns sahen war immer etwas in der Luft aber wir verhielten uns distanziert. vor ca. 6 Wochen habe ich nun den Computer bei ihr auf Vordermann gebracht und bei der üblichen Abschiedsumarmung ließen sie mich plötzlich nicht mehr los. Ich war ja die ganzen Jahre noch in diese Frau verliebt und es war wie bei unserem ersten Zusammenkommen. Die erste Woche war sehr intensiv, dann zog sie sich immer mehr zurück. Wenn ich fragte warum bekam ich sehr aggressive Antworten. Wir konnten selten gut, also ohne Emotionen reden. Ich habe erfahren, wie sehr sie litt, das sie sich nie mehr so abhängig machen wollte wie damals. All Ihre Beziehungen nach mir gingen nach kurzer Zeit in die Brüche, so wie meine ja auch. Ich akzeptierte und bedrängte sie nicht mehr so, auch mein Verhalten bei Gesprächen überdachte ich und legte die Emotionen ab und es klappte sehr gut. Sie ist sehr verschlossen, war sie immer schon wenn man etwas fragte, was tiefer geht, obwohl sie sonst eine sehr aufgeschlossene Person ist. Sie zog sich noch weiter zurück und dann habe ich nach dem Grund gefragt. Sie sagte, das sie keine Beziehung haben kann, Nicht mal mit mir, den sie immer noch liebt. All ihre Versuche gingen zu Bruch weil sie irgendwann Angst vor erneuter Verletzung hatte. Sie meinte eine Therapie machen zu müssen, hat aber Angst, all die geweinten Tränen noch einmal zu weinen. Sie hat sich gewünscht, den Kontakt nicht abbrechen zu lassen. Sie sehnt sich so sehr nach Zweisamkeit und sagt sie kann nicht. Ich fragte ob sie mich liebt und sie sagte sie weiß es nicht. Ich fragte ob es ihr Kopf oder das Herz sagt. Das herz wollte sie dazu lieber nicht befragen. So telefonieren wir fast täglich und sie weiß, daß ich sie liebe. Ich sage es ihr, aber bedränge sie nicht. Wir wollen in zwei Tagen auch ausgehen, und ich versprach, daß sie keine Angst vor Bedrängung haben muß.
Nun zu meinem Problem. Ich habe das erste mal bewußt etwas zugelassen. Diese erneute zusammenkunft hat mich in die Lage versetzt den Schmerz nicht durch eine Affäre zu lindern, sondern zuzulassen. Ebenso habe ich selbst schon einen Termin bei einem Psychologen, weil ich erkannte, daß ich alles, aber auch alles in meinem Leben verdrängt habe. immer war ich rastlos und dachte es sei in Ordnung. Meine Freundin hat mich leben lassen. Jetzt will ich all meine ungeweinten Tränen aus mir rausjagen und auch meiner Freundin zuliebe gehe ich hin, denn dann sieht sie, daß dieser Schritt zur Therapie machbar ist.
Mein ganzes Leben war in Ordnung, bis ich damals ging. Ich hatte einen festen Stand, ließ mich aber dann fallen, weil ich resignierte. Ich liebe meine Freundin sehr, und ich bin bereit ihr Jahre Zeit zu  lassen, denn ich bleibe lieber allein, statt mich in zweitklassige Beziehungen zu stürzen um so eine vorgegaukelte Zweisamkeit zu haben. Was denken sie, kann meine Freundin mir noch mal vertrauen? Wird sie einfach mal auf das Herz hören? Wie kann ich sie dazu bewegen eine Therapie zu machen, damit auch sie wieder leben kann und nicht so depressiv ist? Sollte ich die Liebe aufgeben? Wenn ja, das habe ich 10 Jahre versucht und es klappte doch nicht, wie bei ihr auch.
Vielen Dank im voraus

Hallo,
vielen Dank für Ihren sehr einfühlsamen Brief! Sie sagen es indirekt selbst: Man kann eine Liebe nicht einfach beenden. Liebe ist eben Liebe, und Sie überdauert fast alles, wie Sie ja erleben. Aber sie macht auch Wunden und (noch schlecht verheilte) Narben. Wenn Ihre Freundin sagt, ihr Herz wolle sie lieber nicht befragen, sondern nur den Kopf, dann sagt dies ja alles: sie liebt Sie, ist aber verletzt worden und befürchtet neue Verletzung. Das Paradoxe ist nur, dass sie glaubt, sich vor erneuter Verletzung schützen zu können, indem sie nur ihren Kopf befragt, während das Herz etwas Anderes will. Sie könnte eigentlich ihre Angst vor erneuter Verletzung nur dadurch abbauen, dass sie sich wieder auf Sie einlässt. Ob sie das in einer Therapie lernen kann: Sicher, schon, aber vielleicht ist es doch der bessere Weg, wenn Sie erst einmal Ihren Weg gehen und sich langsam und einfühlsam (so, wie bisher) ihr nähern. Sie braucht wahrscheinlich viel Zeit und wird Sie auf eine lange Geduldsprobe stellen. Aber ich lese aus Ihrem Brief heraus, dass Sie diesen Preis zu zahlen bereit sind, denn das Ziel, Ihre wahre Liebe im Leben zu finden, wiegt alles auf.
Mit freundlichem Gruß an Sie und Ihre Liebe,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt