| Hallo Herr Schmidt, ich bin ratlos.
Mein Leben war immer so schön, ich war ein starker
lebensfroher Mensch, ich habe in meinen 28 Jahren
eigentlich nur Gutes erlebt und nun hab ich ein großes
Problem. Ich habe vor 14 Jahren meinen Mann kennengelernt.
Er ist ein Jahr älter als ich. Vor 9 Jahren haben wir
geheiratet, im gleichen Jahr habe ich mein Abitur gemacht
und unsere Tochter ist geboren. Also aus dem behüteten
Elternhaus direkt in die Ehe und auch noch gleich einen
kleinen Schreihals. Ich machte dennoch mit der Unterstützung
meiner Eltern feien Ausbildung und seit 7 Jahren bin ich
nun Hausfrau. vor 4 Jahren ist dann unser Sohn geboren (ich
wollte unbedingt ein zweites Kind, mein mann weniger,
weil das erste wirklich stressig war). und auch das
zweite Kind war anstrengend. ich kam damit aber
eigentlich ganz gut klar, obwohl das Kind arg an
Neurodermitis litt. mein mann tat sich sehr schwer. er liebt seine Kinder, aber er ist einfach kein geborener Familienmensch. bzw. er hat manchmal einfach kein Verständnis für die Kinder. er ist ZB sehr pingelig (am liebsten hätte er gerne kleine Erwachsene, keine Unordnung, keine Rotznasen, keine wilden Frisuren, USW). aber es sind nun mal Kinder. sie machen Unordnung und ich lasse sie auch gerne toben und matschen usw. das kann er gar nicht verstehen. wir haben in den 9 Jahren eigentlich nie gestritten. ich habe mich um die Kinder gekümmert, meist waren sei abends schon im Bett damit er keinen stress mit ihnen hatte und morgens blieb er so lange im Bett bis sie in schule oder Kindergarten waren. so sind wir dem Konflikt aus dem weg gegangen. ich bin zwar laut einem Psychologen (da waren wir in einer Kinderklinik wegen der Neurodermitis) der stärkere Partner, dennoch habe ich immer nachgegeben bzw. alles so hingebogen dass es für meinen mann gut war. ZB freunde ... ich habe sehr viele bekannte und auch einige gute Freunde/innen. mein mann ist jedoch ein Einzelgänger. mein versuch gemeinsame freunde zu finden war ein totaler Flop. mein mann will einfach nicht. er sagt er will lieber seine ruhe. also hab ich meine Freunde nur getroffen wenn er arbeiten war. kam jemand zu besuch musste er/sie gehen bevor mein Mann heim kam usw. es ging so weit bis mancheFreunde und auch meine Familie sagten sie fühlen sich total unwillkommen. das tat mir weh, denn ich liebe besuch, ich liebe freunde, ich brauche das einfach. ich habe keine Ansprache wie er im beruf. also sprach ich ihn darauf an. er versprach Besserung. zwei unvermeidbare feste (Kommunion und sein 30. Geburtstag) nahm er sich zusammen und ich hatte sogar den Eindruck es gefalle ihm, aber kurz darauf wurde meine bitte nach einem Sommerfest jäh abgeschmettert. zwei feste reichen wohl für die nächsten 9 Jahre ;-) . so lustig sich das anhört, ich komme damit einfach nicht mehr klar. in Erziehungsfragen sind wir uns auch nicht einig. eigentlich mache ich alles wie ich es für richtig halte und denke da ist bisher auch ganz OK so. nur was mich stört, er fällt mir immer wieder in den rücken. ich verspreche meinem Sohn ein größeres Fahrrad sobald er fahren kann, was macht mein mann, er bringt ein neues Fahrrad an, obwohl er noch nicht fahren kann. nun gurkt er mit dem großen Fahrrad und Stützrädern rum usw. das ärgert mich. ein weiterer Punkt, der mich stört ist die Fremdsprache. mein mann will dass die Kinder seine Sprache lernen. ich soll mit ihnen üben. aber ich beherrsche die sprache nicht. ich spreche deutsch mit den Kindern, weil wir in Deutschland leben und sie hier in schule und Kindergarten gehen. da haben wir ständig stress, wenn er abends heimkommt und fragt ob die Kinder gelernt hätten und ich es verneine. Er soll doch mit den Kindern lernen. warum kann er nicht am Wochenende seien Sprache mit den Kindern sprechen. Ich hab da ja nichts dagegen, nur ich werde sie ihnen nicht beibringen. Mitte/ende letztes Jahr habe ich jedoch begonnen mich zu verändern. es ging los, als mein mann eine "Freundin" hatte. er hat sie durch einen Arbeitskollegen kennengelernt und hat sich dann 2 Wochen mit ihr getroffen. war für mich kein Problem, ich habe ihn immer machen lassen. ich kenne keine Eifersucht. ich hatte ihn sicher. er arbeitet bei meinem Vater in der Firma, wir haben ein haus, wir bauen ein Ferienhaus, haben zwei Autos, uns geht es gut, wieso sollte er das hinschmeißen dachte ich mir. aber diese kurze Beziehung hat bei mir einen drang nach Freiheit ausgelöst. ich dachte mir wenn er das "darf", dann kann ich doch auch. der Gedanke kam schleichend. ich stellte mir vor was ich verpasst habe und die Veränderung nahm ihren lauf. mir wurde bewusst, dass ich mich ihm total angepasst hatte, gar nicht mehr die war, die ich sein wollte. ich sprach mit meiner Mutter darüber. sie meinte auch ich habe mich die letzten Jahre zu meinem Nachteil verändert, ich sei mit 18 wesentlich reifer und selbstständiger gewesen. das machte mir zu schaffen. die Veränderungen liefen weiter, ich nahm ab, ich kleidete mich anders ... meinem mann gefiel das, zumal er immer an meiner Figur was zum aussetzten hatte. im Dezember letzten Jahres habe ich dann durch meine Freundin einen mann kennengelernt. sie hatte auf eine Kontaktanzeige geantwortet und wollte sich nun mit dem mann treffen. da sie angst hatte alleine zu gehen fragte sie mich ob ich sie begleiten könnte. ich fand es erst doof, ging dann aber doch mit ... nun, er war überhaupt nicht ihr typ, aber um so mehr meiner. wir haben uns auf anhieb super verstanden und sind uns dann auch paar tage später näher gekommen mein mann wusste davon. das ging dann ca 3 Monate bis er mir nahe legte den Kontakt abzubrechen. ich habe den Kontakt nicht ganz abgebrochen, weil ich sehr viel für den mann empfinde. aber ich treffe ihn auch nicht mehr, wir haben nur noch Mail bzw. chatkontakt (ich weis auch genau, dass ich wegen ihm meinen mann nicht verlasse, weil ich den mann ja eigentlich gar nicht kenne). was aber für mich sehr schwierig ist, ich bin total kalt gegenüber meinem mann. das belastet mich, es belastet ihn, das vertrauen ist hin ... ich habe meine ehe kaputt gemacht ... mein mann will die ehe retten, er versichert mir, er liebt mich, aber tut er das wirklich? oder ist es nur seine angst, denn ohne mich steht er vor dem nichts. ich habe mich verändert, das hatte nichts mit dem mann zu tun und ich werde mich definitiv nicht mehr für meinen mann verbiegen. ich habe keine Lust mehr ausreden zu erfinden, weil er sonntags nicht zu meinen Eltern Kaffe trinken will oder sonst was. Die Veränderungen kann ich nicht mehr rückgängig machen. Ich lebe richtig auf, die Kinder sind jetzt einfach nicht mehr so klein, sie brauchen mich nicht mehr sosehr wie früher. Ich sehe das jetzt auch als eine Chance mich weiterzuentwickeln. ich will Abendschule machen, eventuell ein paar Stunden in der Woche arbeiten, Sport treiben ... mein mann ist nicht einverstanden. es passt ihm überhaupt nicht. er will wieder die ruhige, langweilige, Mund haltende Ehefrau zurück, die ihm den rücken frei hält und sich für ihn den kopf zerbricht. meine frage nun, ticke ich nicht richtig? ist es selbstsüchtig wenn ich jetzt mal an mich denke? ich vernachlässige in keinem fall die Kinder und ich will auch gerne dass das Verhältnis zu meinem mann wieder besser wird, nur ist das unter den Umständen überhaupt möglich? ich will nicht rückwärts gehen, er will mich aber so haben wie früher ... was soll ich bloß machen? Es ist alles so verworren. Schonmal danke im Voraus ... Gruss sunshine (weil heute die sonne scheint) |
Hallo,
vielen Dank für Ihren lebendigen Brief! Ich glaube überhaupt
nicht, dass Sie Ihre Ehe kaputt gemacht haben. Es scheint eher so
zu sein, dass Ihr Mann und Sie in mancherlei Hinsicht einfach von
Hause aus nicht gut harmonieren, was Sie leider erst unter den
Anforderungen des alltäglichen Familienlebens erkannt haben. Sie
haben sich ja fast noch als Kinder kennengelernt und recht früh
geheiratet (heiraten müssen?), so dass Sie beide wohl noch zu
jung und miteinander unerfahren und zu wenig alltagserprobt
waren, als Sie einander heirateten. Sie kannten sich bei der
Heirat noch nicht wirklich. Erst später lernten Sie sich kennen.
Leider schreiben Sie nicht, welche Nationalität Ihr Mann hat,
aber er scheint ein rechter Macho und Eigenbrötler zu sein. Sie
haben sich ja auch jahrelang redlich bemüht, ihm jeden "Stress"
(Kinder, Besuche, Schwiegermutter) vom Leib zu halten. Dass Sie
dazu nun endlich keine Lust mehr haben, ist vollkommen verständlich.
Das haben Sie ohnedies viel zu lange gemacht, um die Probleme
unter den Teppich zu kehren. Nun geht es aber mittelfristig so
nicht mehr weiter.
Wenn Ihr Mann die Ehe retten will und Sie liebt, muss er noch einiges dazulernen, um es ernst zu meinen. Er muss Sie natürlich in Ihren Plänen unterstützen, sich weiter zu entwickeln. Er muss Ihnen Freiraum geben, wenn er Sie liebt. Man darf sich doch in einer Ehe nicht einsperren. Wahrscheinlich ist er ein Südländer, denn er will seine Frau an die häusliche Kette legen, aus Angst, sie läuft ihm weg. Dass er aber damit genau das erreichen wird, ist ihm wohl nicht klar genug. Kann es sein, dass ein wesentlicher Teil Ihrer Eheproblematik in kulturellen Unterschieden zwischen Ihnen und Ihrem ausländischen Mann wurzeln? Ich kenne nicht wenige Ehen z.B. zwischen türkischen Männern und deutschen Frauen, die an den völlig unterschiedlichen kulturell bedingten Rollen der Geschlechter scheiterten. Meistens zeigte der Mann nicht genügend Anpassungsbereitschaft an seine deutsche Frau und ihre Kultur (oder umgekehrt: die Frauen wären meist auch nicht mit dem Mann in die Türkei gezogen und hätten dort wie eine traditionelle türkische Frau gelebt).
Vielleicht sollten
Sie beide mal an eine Ehetherapie denken, wenn es zunehmende
Probleme auf Ihrem weiteren Wege der Selbstverwirklichung geben
wird. Das ist aus meiner Sicht vorherzusehen. Die persönlichen
Unterschiede zwischen Ihnen und Ihrem Mann scheinen mir erheblich.
Nachdem Sie die früheren Unter-den-Teppich-Kehr-Methoden immer
weniger praktizieren, kommen diese Unterschiede wohl immer stärker
ins Bewusstsein und an die Oberfläche, so dass Sie damit rechnen
müssen, dass Ihre Ehe auch auseinandergehen kann. Aber wenn es
nicht anders geht, damit Sie glücklich sind, dann muss es eben
sein.
Ist überzeugt Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt