Lieber Herr Schmidt, ich bin 13 Jahre alt und weiß nicht wie ich meiner Freundin helfen kann.Anfang dieses Schuljahres ist Lisa (14) mit einem anderen Mädchen, zugleich ihre gute Freundin in meine Klasse gekommen. Sie musste dieses Schuljahr (das 8.) wiederholen. Es ging recht schnell, dass ich mich mit ihr anfreundete und ebenso mit ihrer Freundin. So erfuhr ich auch recht schnell von Lisa, dass sie Magersüchtig ist. Laut Marie, ihrer Freundin, fing es vor ca.2-3 Jahren an, sie war wohl moppelig und immer die schwerste in der Klasse. Nun ist sie sehr dünn, das heißt, eigentlich finde ich, dass sie nicht wie eine Magersüchtige aussieht, aber diese Krankheit liegt ja auch mehr in der Psyche (glaube ich). Sie hat wohl auch schon mehrere Therapien mit gemacht (Familien...), die sie dann aber abgebrochen hat, das sie keine Lust dazu hatte. Ich habe auch gelesen, dass eine Therapie nur hilft, wenn der Betroffene will, dass man ihm hilft! Marie, die Lisa schon erheblich länger kennt als ich, sagt, dass sie wohl auch Probleme in der Familie hat: Sie war ein Zufallskind und die Eltern haben nur geheiratet weil sie geboren wurde. Lisa geht regelmäßig zu unserem Vertrauenslehrer an der Schule. Lisa ist ein Einzelkind und eigentlich ein Einzelbrödler! Sie erzählt allerdings jedem ihr "Problem", jedem Schüler, jedem Lehrer (besonders den Lehrern!!). Ich weiß jetzt auch nicht, ob sie Selbstmitleid hat, was ich nicht glaube, oder ob das eine Art von Hilferuf ist! Ich weiß auch nicht, wei ich mit ihr umgehen soll, ich rede viel mit ihr, zeige Mitleid (ob das richtig ist weiß ich nicht) und tröste sie! Vor einer halben Woche hat sie mir und vielen anderen Mitschüler ihre Arme gezeigt: Sie hat sich selbst verletzt, der ganze linke Arm war von früheren Narben übersäht, der rechte von ca. einen Tag alten!! Ich sagte ihr, dass sie mich anrufen kann, auch in der Nacht, aber ´sie würde sich das, glaube ich, nicht trauen! Ich weiß nicht was ich machen soll!!! Sie nimmt keine Hilfe an, aber sie möchte, dass jeder weiß, dass sie Hilfe braucht!! Ich habe Angst, dass sie vielleicht an Selbstmord denkt! Ich habe auch Probleme, aber ich kann mit meiner Mutter gut darüber sprechen, Lisa jedoch kann mit niemanden aus ihrer Familie darüber sprechen! Ich hoffe, dass Sie mir antworten, vielen Dank im Vorraus! Ihre K.

Liebe K,
ich finde es ganz toll von dir, wie du dich um deine Freundin kümmerst und sorgst! Und du hast ganz recht, Lisa braucht wirklich Hilfe. Und du beurteilst es auch sicher ganz richtig, dass sie sich schwer tut, Hilfe anzunehmen. Dass ist bei vielen Kids mit solchen Problemen so, dass sie auf ihre Umwelt hilfsbedürftig und besorgniserregend wirken, selbst aber nicht echt glauben, dass man ihnen helfen kann und sollte. Es genügt ihnen manchmal schon, wenn sie die Anderen in Sorge versetzen können. Dann fühlen sie sich bereits irgendwie geliebt.

Die Magersucht scheint ja nicht so deutlich sichtbar zu sein, wie du schreibst. Wenn Lisa allerdings noch mehr abnimmt und ihr Gesundheitszustand lebensbedrohlich werden sollte, muss sie (auch gegen ihren Willen) ins Krankenhaus gebracht werden. Das habe ich schon öfter erlebt, dass Jugendliche mit Zwang ins Krankenhaus gekommen sind und anfangs zwangsernährt werden mussten, weil sie schon so mager geworden waren, dass sie fast gestorben wären, wenn man nichts getan hätte.

Das Schlimmste, was meist passiert, ist, dass die meisten Leute, vor allem auch die Eltern, weggucken oder sich völlig hilflos fühlen, weil sie nicht wissen, wie man helfen könnte. Man darf aber nicht weggucken, und das tust du ja auch gerade nicht. Aber allein kannst du nur wenig mehr tun, als du sowieso schon machst. Deshalb solltest du Erwachsene finden, die mithelfen, indem sie mit Lisa und vor allem mit Lisas Eltern sprechen und Druck machen, dass Lisa in Psychotherapie geht. Kids wie Lisa brechen Psychotherapien auch gern ab, aber das dürfen die Eltern dann nicht zulassen, sie müssen Lisa Druck machen. Wenn die Eltern aber aufgeben, passiert wieder gar nichts.

Sprich mit deinem Vertrauenslehrer, damit er mit Lisa und ihren Eltern spricht. Sprich mit deinen Eltern, damit sie mit Lisas Eltern sprechen. Geh zum Jugendamt, damit eine Sozialarbeiterin sich an die Eltern wendet... mach viele Leute auf Lisa aufmerksam, damit etwas in Gang kommt.

Und sei bitte selbst mit Lisa nicht mitleidig. Mitleid allein hilft Lisa leider nicht viel weiter. Mach ihr lieber auch Druck und sage ihr, dass du es nicht o.k. findest, dass sie sich nicht helfen lässt und Therapien abbricht. Sag ihr ganz klar, dass du willst, dass sie sich helfen lässt und dass es so nicht weiter gehen kann, dass sie den Leuten ihre Selbstverletzungen zeigt, die Leute damit erschreckt und in Sorge versetzt, dann aber sich nicht helfen lässt. Sage ihr, dass du das ganz fies von ihr findest, wie sie da mit anderen, mit dir, ihrer Freundin, umgeht. Nur so merkt Lisa, dass es dir und den anderen ernst ist. Nur so kann sie es dann langsam auch ernst nehmen und sich hoffentlich helfen lassen. Manchmal lassen sich kids wie Lisa erst dann helfen, wenn alles noch viel schlimmer geworden ist, Freundschaften zerbrochen sind. Hoffentlich muss es mit Lisa und dir nicht so weit kommen, aber wenn nichts anderes hilft, muss vielleicht auch sowas passieren, bis Lisa "aufwacht".

Alles Gute wünscht dir und deiner Freundin euer
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt