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geehrter Herr Schmidt, man sagt, daß zu einem Konflikt immer mindestens 2 Personen gehören und ich bin so eine Kandidatin. Mein derzeitiger Gemühtszustand ist wahrlich alles andere als erbaulich. Von Selbstmordgedanken (mein innerer Schweinehund ist zum Glück stärker) über Essstörungen, Gallensteine, Magenbeschwerden bis hin zu unkontrollierten Weinanfällen mache ich anscheinend die ganze Pallette durch, die auch andere Betroffene beschreiben. Ich (38) habe aus einer früheren Beziehung 2 Kinder (17, 16 Jahre), die ich jedoch ab deren 2. bzw. 1. Lebensjahr allein aufzog. Eine schwere Zeit, aber wie heißt es, was uns nicht umbringt, macht uns hart. Und das ist anscheinend mein Problem, von mir erwartet inzwischen jeder, daß ich mit jeder auch noch so verzwackten Situation allein fertig werde. Das Maß an Verantwortung, Stress und Demütigung, dass auf meinen Schultern lastet, ist inzwischen so groß geworden, daß ich darunter zu zerbrechen drohe. Nachdem ich gut 1 Jahr allein war mit meinen Kindern, habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt, das ist etwa 14 Jahre her. 1995 haben wir geheiratet. Hin und wieder kam es zu Differenzen, aber wo ist das nicht so, wir haben das bislang auch immer wieder hingekriegt. Am meisten hat mich immer gekränkt, daß er jedem überall gleich erzählen mußte, daß das nicht seine Kinder sind und er gar nichts mit ihnen zu tun hat. Dennoch war er ihnen eine gute Bezugsperson, die deren Entwicklung maßgeblich und positiv geprägt hat. In letzter Zeit habe ich aber verstärkt den Verdacht, daß ich nur noch als Putz- und Kochteufel diene, und natürlich als Buttler für alle Gelegenheiten, wie Taxi-Fahrleistungen usw. Zum Amüsieren geht er mit seinen Arbeitskolleginnen aus, ich werde neuerdings nicht mal mehr gefragt, ob ich ihn fahre oder hole, ich erfahre bloß noch den Zeitrahmen und muß mich zur Verfügung halten. Mein Problem ist auch, daß ich allein im Büro arbeiten muß, habe also den ganzen Tag niemanden, wenn mein Mann dann heimkommt, setzt er sich vor den Computer, bis ich das Abendessen fertig habe. Das ich einfach nur mal neben mir einen Menschen haben möchte, ist oft zu viel verlangt Kein Wunder, daß in mir auch die Eifersucht kocht, und wenn er am Freitag abend 2 Stunden zu spät kommt und ich als Antwort höre, es hat eben etwas länger gedauert (oder ich mußte noch Kontoauszüge holen), dann läuten inzwischen in mir die Alarmglocken. Große Aussprachen sind mit ihm kaum möglich, er geht eben davon aus, daß ich ihn zu akzeptieren habe, wie er ist. Wenn ich ihm sage, daß ich auch hin und wieder eine kleine Aufmerksamkeit oder wenigstens Anerkennung meiner Leistung erwarte, muß ich mir anhören, daß er nun mal nicht der Typ wäre, der mit der Gitarre unter dem Balkon ein Ständchen trällert und so einen Müll. Nach solchen "Aussprachen" schweigen wir uns oft tagelang an; ich finde solche Situationen zunehmend erdrückend und habe Angst, die nächste Beziehung vor dem Ende zu sehen. Letztes Jahr waren wir schonmal so weit, daß ich ihm vorgeschlagen habe, auszuziehen. Damals hat es sich wieder eingerenkt, aber er war auch der Meinung, wenn´s nicht mehr geht, geht´s halt nicht mehr. Ich möchte unsere Ehe nicht leichtfertig auf´s Spiel setzen, aber will auch nicht, daß sich die Situation in immer kürzeren Abständen wiederholt. Mein Mann wirft mir vor, durch kränkelnde Eifersucht alles zu provozieren, ich bin aber der Ansicht, daß er mich als Mensch kaum noch wahrnimmt, höchstens noch als duldendes Puttchen. Manchmal, wenn ich allein stundenlang im Wohnzimmer sitze und er lieber Computerspiele spielt, stelle ich mir die Frage:"Wenn du dich jetzt aufgehängt hättest, würde das erst einer merken, wenn ich nicht zur nächsten Mahlzeit rufe." Irgendwie makaber, manchmal wünsche ich mir, das ich irgendwo zusammenklappe oder schwer erkranke, damit sich mal einer um mich Sorgen machen muß! Ist das nicht krank? Elke |
Hallo Elke,
nein, krank ist es nicht direkt, aber ein starker Ausdruck für
Ihr Unglücklichsein. Und das muss ja nicht so bleiben, diese
"Krankheit" müsste doch heilbar sein, meinen Sie nicht
auch? Möglicherweise hat sich Ihr Mann in Ihrer Familie oft als
Aussenseiter oder Lückenbüßer gefühlt: Mit ihm haben Sie
keine Kinder, nehme ich an? Sie und Ihre Kinder aus Ihrer
früheren Beziehung auf der einen, Ihr Mann "allein"
auf der anderen Seite: In solch einer Konstellation haben die
Männer nicht selten entweder die stille Befürchtung, am Rande
stehen zu bleiben, oder sie ziehen einen besonderen
Bequemlichkeitsvorteil heraus, indem sie sich sagen, "sie
muss ja froh sein, dass sie mit den 2 Kleinkindern überhaupt
noch einen abgekriegt hat".
Ein weiteres Kind mit ihm hätte
Ihrer Ehebeziehung deshalb wahrscheinlich gut angestanden. So
kommt es nun aber besonders darauf daran, Ihre Paarbeziehung
wieder neu zu beleben und zu intensivieren. Sie und Ihr Mann
sollten Ideen entwickeln, wie Sie als Paar wieder mehr zueinander
finden (Tanzkurs, Freundeskreis, Ausgehen...) Machen Sie Ihrem
Mann auf diplomatische Art und Weise deutlich, dass Sie ihn sehr
oft als Partner vermissen, sich alleingelassen fühlen, mehr mit
ihm gemeinsam erleben möchten. Können Sie ihm Ihre Gefühle in
dieser Hinsicht so deutlich machen, dass er sich geliebt und
vermisst fühlt (also ohne Gejammer und Vorwürfe?) Oder wirken
Sie wirklich immer so "emanzipiert", dass er schon gar
nicht mehr daran glaubt, dass Sie ihn lieben, brauchen und
vermissen?
Wenn alle Stricke reissen, sollten Sie eine Eheberatungsstelle
aufsuchen.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt