Sehr geehrter Herr Dipl. Psych. Schmidt,
zufällig bin ich auf Ihre Internet Seite gestoßen als ich den
Suchbegriff
PARTNERSCHAFT in eine Suchmaschine eingegeben habe. Eigentlich
wollte ich
Artikel oder Thesen von Psychologen bzw. Psychoanlaytikern
finden, die mir
dabei helfen, mit meiner Situation besser zurecht zu kommen(
Hilfe zu
Selbsthilfe). Wie gesagt bin ich dabei bei Ihnen gelandet, aber
das wird sie
wahrscheinlich oder besser gesagt hoffentlich weniger
interessieren als mein
Problem als solches.
Nun ja, ich habe, bevor ich mich dazu entschlossen habe Ihnen zu
schreiben,
erst die Probleme und Fragen der bisherigen Sprechstundenbesucher
durchgelesen und muss ehrlich zugeben, dass sich mein Fall
vermutlich nicht
sehr spannend oder spektakulär liest. Nichts desto trotz wäre
ich dankbar,
professionelle Hilfe von Ihnen zu erhalten, wenn ich diese
überhaupt benötige.
Aber nun endlich zu dem Schuh, der mich drückt:
Ich bin 22 Jahre, habe die fachgebundene Fachhochschulreife
erlangt und werde
im Februar nächsten Jahres meine Ausbildung zur Kauffrau für
Bürokommunikation abschlossen haben (Vorrausgesetzt ich bestehe
die Prüfung
wovon ich ausgehe). Ich muss dazusagen, dass ich mich nicht wohl
fühle in
meinem Ausbildungsbetrieb und schnellstmöglich von dort weg
will.
Seit über 3 Jahren bin ich mit meinem Freund nun zusammen. Er
ist 6 Jahre
älter als ich und lebt seit über 4 Jahren in Deutschland, denn
er ist
gebürtiger Ghanaer. Als ich kennengelernt habe, war er noch
unglücklich
verheiratet mit einer Deutschen. Mittlerweilen ist er von
dieser Frau
geschieden und wir wohnen seit über einem halben Jahr zusammen
in unserer
eigenen Wohnung. Ich wohnte zuvor noch bei meinen Eltern zusammen
mit meiner
jüngeren Schwester. Ich habe ein ausserordentlich gutes
Verhältnis zu meinen
Eltern und meiner Schwester, die auch meinen Freund voll und ganz
akzeptierten und Ihn auch sehr gern haben.
Erst gestern hatte ich ein langes Gespräch mit meiner Mutter und
meiner
Schwester über meine derzeitige Situation, die ich nun endlich
wie folgt
schildern möchte:
Ich fühle mich von meinem Freund, den ich sehr liebe und mit dem
ich schon
sehr viel durchgestanden und durchgemacht habe, etwas
vernachlässigt und das
macht mit Angst.
Ich muss zur Erklärung erwähnen, dass er hier in unserer Stadt
als
Fußballspieler einen Namen hat und von allen respektiert und
gemocht wird. Er
ist auch wirklich ein sehr offener, ehrlicher und netter Mann und
versteht
sich eigentlich mit jedem.
Man muß aber auch sagen, dass es ihm sehr wichtig ist, ihm
Rampenlicht zu
stehen, d. h. er fühlt sich wie ein Superstar wenn etwas von Ihm
in der
Zeitung steht ( und das ist wöchentlich der Fall, da er als
Stürmer sehr
erfolgreich ist). Ich stehe Ihm immer zu Seite ober schlecht oder
gut
gespielt habe, ich bin fast bei jedem Spiel dabei um Ihm Glück
zu bringen und
ich freue mich für Ihn wenn alles gut läuft und es auch Ihm gut
geht.
Durch den Fußball ist er auch sehr viel unterwegs und wir sehen
uns teilweise
nur stundenweise obwohl wir nun zusammengezogen sind. Tagsüber
sind wir beide
in der Arbeit (er macht eine Ausbildung zum Elektroinstallateuer,
um in
Deutschland eine abgeschlossene Ausbildung zu haben; in Ghana
hatte er nach
einem sehr gut abschlossenen "Abitur" angefangen zu
studieren, und war als
Buchhalter in einer guten Firma tätig) und abends hat er drei
mal unter der
Woche Training und kommt erst nach Hause, wenn ich schon bald
wieder ins Bett
gehen will. Wir sprechen dann meist nur kurz über
"seinen" Tag, ich höre ihm
aber zu und gehe dann zu Bett.
Dass allein macht aber mein Problem nicht aus (es tut mir leid,
das ich so
ausschweifend erzähle). Seit geraumer Zeit kann er mich nur noch
kritisieren,
macht mir Vorwürfe das ich dies und jenes nicht richtig oder
nicht
rechtzeitig oder falsch gemacht habe oder besser hätte machen
können.
Wenn ich ihm erkläre, dass es mich verletzt, dass er mich
unentwegt
kritisiert begründet er es mit dem Satz "Ich muß dir Gas
geben"!!! Ein
kleines Beispiel: nach dem Einkauf für´s Wochenende schlichte
ich die Sachen
in den Kühlschrank, nach einigen Minuten kommt er dann in die
Küche und
schlichtet alles wieder um und macht sich anschließend lustig
über mich. Wenn
ich über Probleme in der Arbeit reden will, unterbricht er mich
unentwegt und
fängt an über seine Probleme in der Arbeit zu erzählen. Nicht
das mich das
nicht auch interessiert und ich ihm dabei helfen möchte, aber es
hört mir nie
zu. Das würde mir schon reichen, wenn er mir einfach auch mal
zuhören würde.
Wenn ich mit jemandem reden will, gehe ich meist zu meiner Mama.
Sie hört mir
immer zu und hat auch immer einen Rat für mich. Ich bin gern bei
meinen
Eltern. Für Ihn aber bedeutet es nur, dass ich von meinen Eltern
nicht los
komme und keine eigenständigen Entscheidungen treffen kann.
Auch mit der Zärtlichkeit ist das so eine Sache, früher sind
wir immer
händchenhaltend durch die Straße gegangen, er hat mit oft
umarmt und geküßt,
doch heute kann ich von so etwas leider nur noch träumen. Wir
hatten guten
und befriedigenden Sex, den wir auch jetzt ab und zu noch haben,
doch er
versteht leider häufig nicht, dass ich keine Lust habe mit Ihm
zu schlafen
wenn ich schon müde oder er angetrunken ist. Meist öffne ich
mich trotzdem
für Ihn nur um kein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist es
nämlich, was er
mir ständig macht, ein schlechtes Gewissen. Er redet mir dauernd
ein noch ein
kleines Mama- bzw. Papamädchen zu sein und zieht mich damit auf.
Das macht
mich rasend!!!
Was und wer ich bin, scheint ihn nicht mehr zu interessieren und
zur Zeit
nicht zu interessieren. Was einzig und allein zählt ist ER. Ich
vermisse Ihn
und will den alten wieder zurückhaben. Denn ich weiss, dass er
mich liebt und
dass auch er mich braucht. Schließlich redet er auch immer von
Heirat und
Kindern.
Was können Sie mir raten, was kann ich tun?
Ich bitte höflich um eine rasche Antwort
Mit freundlichen Grüßen
Susanne
Liebe Susanne, herzlich willkomen in meiner Sprechstunde!
Ihrer Schilderung entnehme ich, dass Ihnen der Auszug aus Ihrem glücklichen Elternhaus vielleicht doch noch zu früh oder zu rasch und übergangslos vonstatten ging. Das wäre ganz normal, nichts, was man verschweigen müsste mit gerade mal 22 Jahren. Ihr Partner spürt Ihre innere Unentschiedenheit und Ihr Heimweh und will Sie nun "erziehen" und "erwachsen" machen, weil er befürchtet, Sie zu verlieren. Dabei stellt er sich wohl einigermaßen ungeschickt und wenig einfühlsam an, so dass er das Gegenteil dessen, was er erreichen will, bewirkt.
Mein Rat an Sie: überlegen Sie sorgfältig und ganz allein (lassen Sie sich möglichst von niemandem beeinflussen, auch nicht von Ihrer Mutter und von Ihrem Partner), was Sie selber wirklich wollen: Wollen Sie lieber noch einige Jahre zu Hause mit Ihrer Familie leben? Wollen Sie jetzt oder danach erst einmal alleine in einer eigenen Wohnung in der Nähe Ihrer Familie wohnen, die Beziehung zum Partner weiter haben und die eigene Selbstfindung so erst noch ein bisschen ausprobieren? Wollen Sie mit Ihrem Partner weiter in einer gemeinsamen Wohnung leben und in die Mutter- und Ehefrauenrolle hinübergleiten? Wollen Sie dies mit dem jetzigen Partner, oder mit einem anderen Mann? So selbstsicher Ihr Partner zu sein scheint, so bescheiden und unsicher wirken Sie! Sie sind doch aber nicht wirklich auf gerade diesen Mann angewiesen, oder? Sie haben doch noch viel Zeit, auch andere Männer "auszuprobieren"...
Liebe Susanne, ich wünsche Ihnen ein bisschen mehr Egoismus. Nur Sie allein wissen und entscheiden, was für Sie richtig ist! Sie brauchen doch keinen Partner als Vaterersatz, der Sie erzieht, oder? Sie wissen doch alleine, wie Sie den Kühlschrank einräumen, oder? Hauen Sie ruhig mehr auf den Putz und tun Sie ganz selbstbewusst (nach sorgfältiger Überlegung), was Sie für richtig halten. Wenn ich Sie dabei begleiten soll, schreiben Sie mir doch bitte jederzeit weiter.
Alles Gute wünscht Ihnen
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt