| Lieber Herr Schmidt, meine fast elf Jahre alte Tochter macht mir momentan Sorgen. Sie ist seit dem Sommer auf dem Gymnasium und kommt dort, was die Leistungen angeht, gut zu Recht. Leider hat sie zunehmend Schwierigkeiten mit drei ihrer Mitschülerinnen. Eins vorweg: Meine Tochter ist ein sehr lebhaftes Mädchen, dem es leicht fällt, Kontakte zu knüpfen. Sie findet überall sofort neue Freundinnen. Aber die Kehrseite ist, dass sie mit ihrer dominanten und zeitweise anstrengenden Art (zum Beispiel redet sie manchmal wie ein Wasserfall) mit der Zeit immer in die selbe Falle tappt. Typischerweise entsteht ein Konflikt mit einem anderen dominanten Mädchen in der Gruppe. Und dieses Mädchen versucht sie dann zu isolieren. So stellt sich das Ganze jedenfalls aus meiner Sicht dar. Als meine Tochter in die neue Klasse kam, war sie sofort beliebter Mittelpunkt. Auch mit Marie freundete sie sich an, traf sich öfter mit ihr und lud sie zum Geburtstag ein. Mittlerweile ist Marie aber ihre ärgste Feindin und hetzt bei jeder Gelegenheit gegen sie. Mit dem Ergebnis, dass drei andere Freundinnen meiner Tochter sie nicht mehr einladen, über sie schlecht reden und sich allgemein gegen sie verbünden. Nun will auch Andrea, mit der meine Tochter jeden Morgen zur Schule gegangen ist, nicht mehr mit ihr gehen. Ich glaube schon, dass meine Tochter mit ihrem Verhalten zu der ganzen Situation beiträgt. Sie hat mitunter etwas sehr Insistierendes, fast Penetrantes, was zum Beispiel auch eine Lehrerin an ihr kritisiert ("Sie meldet sich wie verrückt und ist beleidigt, wenn ich sie nicht jedesmal dran nehme".) Auch glaube ich, dass meine Tochter im Streit gehässig sein kann. Aber so schlimm, wie diese Mädchen mit ihr umgehen, ist sie selbst nicht. Da bin ich mir einigermaßen sicher. Beispiel: Marie hat meine Tochter nicht zum Geburtstag eingeladen und dies überall ausposaunt. Am Tag nach der Feier sagt Andrea: "Ach, es war so herrlich ohne dich. Wir waren alle froh, dass du nicht dabei warst." Noch ein Beispiel: Marie macht eine Umfrage, wer wohl Lust hat, in zwei Jahre noch mit meiner Tochter in der selben Klasse zu sein. Ich fühle mich hilflos. So gern würde ich meiner Tochter helfen, wieder fröhlich und unbeschwert zu sein. Auch habe ich Angst, dass dieses Gehetze um sich greift und meine Tochter womöglich zum Außenseiter der Klasse wird. Können Sie mir helfen? Ich habe mich schon bei einer Beratungsstelle angemeldet, aber es dauert Wochen, bis ein Termin frei ist. Mit dem Klassenlehrer habe ich bisher nicht gesprochen, habe es jedoch vor, wenn die Probleme anhalten. Mit freundlichen Grüßen A |
Liebe Frau A,
vielen Dank für Ihren Brief! Sie schreiben darin fast am Ende:
"Können Sie mir helfen?" Deshalb möchte ich Sie
fragen: Wer leidet denn unter den berichteten
Freundschaftskonflikten Ihrer Tochter, Sie oder die Tochter? Ich
habe den Eindruck, dass Sie sich viel zu sehr mit den
Techtelmechteln Ihrer Tochter identifizieren. Warum ist das so
wichtig oder so schlimm für Sie, was Ihre Tochter da an eher
alterstypischen Rivalitäten und Konflikten erlebt? Mir kommt das
gar nicht so tragisch oder besorgniserregend vor, sondern ganz
normal. Sind Sie nicht ein wenig zu überbesorgt? Es ist einfach
der manchmal heilsam-raue Alltag, in dem sich Ihre Tochter die
Hörner abstoßen lernt. Ist sie zu Hause nicht ein etwas
verwöhntes Einzelkind, das in der ausserfamiliären Umwelt
einfach ein wenig mehr Anpassung, Diplomatie und Unterordnung
lernen muss und lernen wird?
Ich würde mich da an Ihrer Stelle herausnehmen und mich nur dann damit auseinandersetzen, wenn Ihre Tochter von selbst Ihren Rat sucht. Dann würde ich mir jeweils keine zu großen Sorgen machen, sondern ihr immer wieder unaufdringlich und ohne allzu viele Worte helfen, zu erkennen, was sie jeweils selber dazu beiträgt, dass sich Konflikte auftun. Und was sie tun kann, um diese Konflikte einfach auszuhalten oder beizulegen. Und sie dann alleine machen lassen. Sie wird schon mit der Zeit herausfinden, dass sie nicht immer im Mittelpunkt stehen muss, nicht immer die erste Geige spielen muss.
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt