Sehr geehrter Herr Schmidt,
seit dem Tod meines Mannes vor sechs Jahren bin ich alleinerziehend. Meine Töchter sind 13 und 7 Jahre alt. Die größere kommt nun in die Pubertät. Ich sehe Probleme, weil sie sich jahrelang verschlossen hat. Wenn ich mich bemüht habe, Kontakter für sie bzw. mit ihr zu Gleichaltrigen herzustellen, hatte sie kein Interesse, sondern meinte, dass sie sich wohl zu Hause fühlt und nachmittags keine anderen braucht. -So kam es, dass sie nie eine richtige Freundin hatte, was ich schade fand. Andererseits lebten wir drei in guter Harmonie.
Ich selbst habe immer Sport gemacht und gehe seit einíger Zeit auch manchmal abends weg.
Nun hat sie eine Freundin in der Schule, was ich einerseits gut finde. Andererseits ist dieses Mädchen an allem anderem als an Schule interessiert, sondern sackt ab (meine Tochter steht gut), liest die Bravo (ich habe mal reingeguckt und einen Schreck gekriegt, was da über Sexualität vermittelt wird) und denkt wohl meistens an ihre Diät,die gar nicht nötig wäre) Jungen, wie meine Tochter mir erzählte. Mir macht das alles etwas Angst, weil ich befürchte, dass ein schlechter Einfluss ausgeübt wird. Meine Tochter lieht sich bei ihr die Bravo und ist mir gegenüber in der letzten Zeit oft richtig frech und ausfallend. Allerdings möchte sie weiterhin verwöhnt werden, bestellt ihr Liebslingsessen bei mir, dass mittags pünktlich auf dem Tisch sein soll etc. Ich hatt gestern den ersten richtigen Krach mit ihr, bei dem wir beide hinterher geheult haben, weil es zu gegenseitigen Vorwürfen kam (ich sei "hinter dem Mond", sie sei "flatterhaft").
Meine Angst ist es, in der Erziehung Fehler zu machen, so dass sie abrutscht oder Ähnliches.
Und ich ärgere mich über den Einfluss von aussen. Meine Tochter meint, ich soll mich da heraushalten. Sie aber will imer jedes Detail wissen, wenn ich mal weggehe...

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Wenn Sie sich also Sorgen um die Erziehung Ihrer Tochter machen, dann möchte ich Sie zweierlei fragen:

Zum Einen: Was mischen Sie sich in die Privatangelegenheiten Ihrer Tochter ein? Ob sie "Bravo" liest oder Hermann Hesse, ist zunächst einmal ganz allein ihre Entscheidung, die Sie nicht sofort entwerten dürfen. Übrigens sind Sie wirklich ein wenig "hinter dem Mond", wenn Sie sich über das, was man da liest, aufregen. "Bravo" ist und bleibt eine der Hauptinformationsquellen für Kids über Sexualität, Liebe, Freundschaft, Partnerschaft. Dass Kids auf solche Informationsquellen zurückgreifen müssen, weil sie mit ihren Eltern darüber nicht reden können, bestätigen Sie ja unfreiwillig selbst.

Zum Anderen: Ich finde es sehr auffallend, dass Sie mit keinem Wort den Vater Ihrer Tochter erwähnen. Seit 6 Jahren sind Sie alleinerziehend. Was meinen Sie damit psychologisch? Spielt der Vater für Ihre Tochter keinerlei Rolle mehr? Das wäre schlimm und eine Erklärung für den Zwist zwischen Ihnen und Ihrer Tochter.

Mein Rat:
1.Was die Liebesentwicklung Ihrer Tochter betrifftt: Halten Sie sich dabei zurück und haben Sie Vertrauen in Ihre Tochter. Bedrängen Sie sie auf keinen Fall. Warten Sie sehr geduldig, bis sie von sich aus Lust hat, Ihnen etwas zu erzählen.
2. Bedenken Sie, was es für Ihre Tochter bedeutet, dass Sie hier in keinem Wort den Vater erwähnt haben. Wenn das bedeutet, dass der Vater keine Rolle spielt, ist das für Ihre Töchter sehr nachteilig. Ändern Sie das dann aktiv.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt