Sehr geehrter Herr Schmitt,
vielleicht können Sie mir einen Rat geben, ob ich unberechtigt
Sorgen mache oder nicht.
Meine Tochter ist 5 Jahre und 3 Monate. Mir fällt auf, daß sie keine
Motivation besitzt, irgendetwas zu lernen, ich meine damit im
motorischen Bereich. Es ging an mit Turnen. Meine Tochter hat
extreme Angst vor Fang-Spielen, sie macht einfach nicht mit, bzw.
kommt tränenaufgelöst zu mir.
Sie traut sich auch sonst keine Turnübungen mitzumachen und
zieht sich eher zurück. Schaukeln will sie nicht lernen, obwohl sie
seit dem Babyalter schaukeln über alles liebt, sobald wie sie
jedoch nicht anschieben, läßt sie es lieber bleiben. Genauso
verhält es sich beim Radfahren, schwimmenlernen
(hat extreme Angst vorm Wasser), skifahren-lernen, Rollerfahren
etc. Ich habe natürlich schon mit meinem Kinderarzt Rücksprache
gehalten. Dieser sieht
jedoch keine organischen Auffälligkeiten. Es kommt dazu, daß
meine Tocher relativ klein ist (100,5 cm, 16,1 kg, U9), und sie
somit regelmäßig für jünger gehalten wird und es sich immer
jemand findet der dem kleinen Mädchen
hilft. Sie fühlt sich deshalb auch nicht wohl und hat mir unter
Tränen vor kurzem erzählt, daß sie wieder 4 Jahre alt sein will, da
viele Freunde erst 4 Jahre als sind aber doch viel größer.
Ich möchte meiner Tocher gerne helfen, denn ich merke
zunehmend, daß sie doch Probleme damit hat. Um auf das
Schifahren zurückzukommen: Meine Tochter
wollte unbedingt zusammen mit ihrer Freundlich einen Schikurs
besuchen.
Daraufhin habe ich sie angemeldet. Leider endete der Tag in
schrecklichen Tränen. Sie hat einfach keinen Ehrgeiz etwas zu
lernen. Sie bleibt dann einfach liegen und probiert nicht mal,
aufzustehen. Sie wacht nach solchen
Mißerfolgen auch nachts auf, laut weinend, sie möchte doch gerne
schifahren etc. lernen.
Wie soll ich Ihrer Meinung nach vorgehen ? Soll ich einfach
abwarten, daß die Situation sich von alleine bessert ? Ich habe
jedoch Angst,daß sich eher eine Verschlimmerung einstellt.
Mit freundlichen Grüßen
Gabriele

Sehr geehrte Gabriele,
vielen Dank für die Schilderung Ihrer Sorgen mit Ihrer kleinen
Tochter! Ich möchte Ihnen raten, Ihre Tochter in einem
Sozialpädiatrischen Zentrum, einem Frühförderzentrum  oder einer
kinderneurologischen Ambulanz (z.B. in einer Kinderklinik)
vorzustellen. Möglicherweise übersieht Ihr derzeitiger Kinderarzt
etwas. So, wie Sie die Verhaltensweisen beschreiben, muss man fachlich
gründlich prüfen, ob Wahrnehmungsstörungen oder z.B. eine Apraxie
(Unfähigkeit, die beweglichen Körperteile angemessen zu bewegen)
vorliegen. Auf jeden Fall täte Ihrer Tochter eine Ergotherapie oder
eine Motopädie, wie sie in solchen Zentren durchgeführt werden und die
den Kindern immer viel Spaß an spielerischer körperlicher Übung
machen, sehr gut. Die Kosten übernimmt Ihre Krankenkasse. Was die
Körpergröße betrifft, kann man sie dort auch beraten. Liegt es z.B. in
Ihrer Familie, dass man eben von Natur aus etwas kleiner als der
Durchschnitt ist, oder liegt eine z.B. hormonell bedingte
Wachstumsstörung vor?  Man kann heute mit einer harmlosen
Wachstumshormonmessung ziemlich genau vorhersagen, wie groß Ihre
Tochter später einmal sein wird, und ob Hormonstörungen vorliegen oder
nicht.
Machen Sie sich aber inzwischen keine allzu großen Sorgen. Ihre
Tochter ist noch jung, und da kann man noch sehr gut helfen. Aber
kompetente kinderneurologische Hilfe und Diagnostik sollten Sie jetzt
anlaufen.
Noch viel Freude mit Ihrer kleinen Tochter wünscht Ihnen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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