Lieber Herr Schmidt, auch ich bin eine der vielen Frauen, die
massive Eheprobleme habe. Ich, 37 Jahre zwei Töchter
6 und 4 Jahre alt bin seit ca. 19 Jahren mit meinem Mann
zusammen. Mit ca. 30 habe ich den Wunsch gespürt Mutter zu
werden, und mein Mann willigte damals auch ein. Wir waren uns
damals einig ein Kind. Naja, dann war meine Tochter da und
ich fand dass alles sehr toll und der Wunsch nach einem zweiten
Kind wurde meinerseits immer stärker. Da ich nicht ver-
hütet habe (mein Mann wußte das) kündigte sich auch bald Kind
Nr. 2 an. Ich war anfangs eher skeptisch, weil ich nicht
wußte wie mein mann reagieren würde. Aber er sagte dann, dass
zweite Kind bekommen wir auch noch groß.Na ja, so toll
und so leicht war es dann anfangs doch nicht mit zwei kleinen
Kindern, da die zweit sehr anstrengend war. Sie schläft bis
heute noch nicht durch. Seit der Geburt unseres zweiten Kindes ist
unsere Ehe wie eine Fieberkurve - ein Auf und ein ab -.
Oft hat mein Mann dann auch gesagt, ich solle mich nicht
beschweren - ich wollte ja schließlich die Kinder - er nicht. Das tat
natürlich sehr weh. Letztendlich haben wir uns immer wieder
zusammengerauft, weil ich meine eine gewisse Verantwort gegen-
über meinen Kindern zu haben (ich hatte eine nicht so schöne
Kindheit) und bin bis jetzt immer bei meinem Mann geblieben.
z.Zt. ist es aber so, dass wir uns tatsächlich wohl trennen wollen
(ich hatte auch schon eine Wohnung in Aussicht, dann aber
wurde mir mein Job gekündigt und mir fehlen die finanziellen Mittel
diese Wohnung zu bezahlen). Mein Mann und auch ich
sagen gegenseitig, dass wir uns nicht mehr verstehen: Er versteht
mich nicht und ich verstehe ihn nicht. Er sagt uns gehe
es doch eigentlich gut und jeder könne machen was er will. Aber
das ist es ja, ich möchte nicht machen was ich will,sondern
als Familie auftreten. Klar, jeder sollte seinen Freiraum haben und
seine Hobbies aber andererseits möchte ich auch, dass er
zusammen mit uns etwas macht. Durch die Kinder habe ich einen
neuen Bekanntenkreis aufgebaut, mit denen man dann auch
mal etwas privat macht, wie z.B. einen Grillabend oder ähnliches.
Er sagt aber, die Leute geben ihm nichts, die findet er einfach nur
langweilig. Ich finde aber, er könnte mir zuliebe so etwas auch mal
mitmachen, um mir eine Freude zu machen.
Bevor wir unsere Kinder bekommen haben, habe ich mich intensiv
um das Hobby meines Mannes gekümmert . Motorradsport.
Hatten dort gemeinsame Bekannt, mir hat es auch Spaß gemacht
und habe mich sehr engagiert. Seit die Kinder da sind hat
er sein Hobby eingeschränkt und viele Bekannte haben wir aus den
Augen verloren. Zwischendurch habe ich immer mal wieder
gesagt, laß uns doch mal wieder da und da hinfahren und mit den
alten Leuten quatschen, aber das wollte er auch nicht. Er will seine
Freiheiten behalten, er würde ja schließlich die ganze Woche
arbeiten und am Wochenende mal Motorrad fahren. Das ist
für mich ja auch in Ordnung, wenn der Sonntag dann wenigstens
für uns bliebe, aber nein von 52 Sonntagen sitzt mein man
ca. die Hälfte vorm Fernseher, weil es entweder Formel 1 oder
Motorradsport gibt und das natürlich überwiegend im Sommer.
So das ich fast alles alleine mit den Kindern unternehme. Für mich
ist die Haushaltsführung auch Arbeit und zusätzlich arbeite
ich auch wieder auf DM 630 Basis und sage dann nicht, ich
möchte am Wochenende meinen Hobbies nachgehn.
Er sagt : er verlangt nicht von mir, daß ich mich ändere und das
gleiche soll ich auch nicht von ihm verlangen.
Ich persönlich finde aber, das man sich im Laufe der Jahre doch
verändert, z.B. durch die Kinder ( die Interessen sind anders)
durch die Lebensumstände,
Nun bin ich immer am überlegen, ob ich nur wegen der Kinder und
der finanziellen Situation bei meinem Mann bleiben soll.
Z.Zt. empfinde ich nur noch reichlich wenig für Ihn.
Vielleicht können Sie mir ja einen Denkanstoß geben. Vielen Dank
im voraus,

Liebe Frau,
vielen Dank für die Beschreibung Ihrer Familiensituation!
Ihr Mann hat recht: Sie wollten die Kinder, er weniger (aber auch!).
Sehen Sie das nicht auch so? Aus Ihrer Schilderung lese ich deutlich
heraus, dass Ihr Mann nie ein betonter Familienmensch oder besonderer
Kinderfreund und Familienvater sein wollte. Sie beide waren ca. 13
Jahre allein, ich meine: ohne Kinder. Diese Zeit der größeren
Unabhängigkeit und geringeren familiären Verantwortung ist vielleicht
mehr nach dem Geschmack Ihres Mannes gewesen als das bindende und
einschränkende Familienleben mit Kindern. War es nicht auch für Sie
eine insgesamt schöne Partnerschaft? Vielleicht haben Sie auch deshalb
erst relativ spät Ihren eigenen Kinder- und Familienwunsch entdeckt
und bemerkt, dass Ihr Mann in dieser Hinsicht eine etwas andere
"Wellenlänge" als Sie hat.  Eheleute, die beide Kinder möchten,
bekommen früher das erste Kind, als wenn nur einer von beiden Kinder
möchte. Ihr eigener Kinderwunsch war ja auch nicht so stark, dass Sie
schon in Ihren "20ern" das erste Kind hätten haben wollen.
Was können Sie nun aber in dieser Situation tun? Ich sehe mindestens
zwei Möglichkeiten:
Die eine besteht darin, dass Sie alles so lassen, wie es ist. Sie
hören nur auf, intensive familienbezogene Ansprüche an Ihren Mann zu
richten, die er nicht erfüllen will bzw. kann. Sie finden sich eben
damit ab, dass er so ist, wie er immer war, dass er seine Freiheit
braucht und als Familienvater öfter nicht recht taugt. Deswegen kann
er ja doch liebenswert für Sie bleiben. Er meint es ja nicht böse. Sie
wären dann eine eher alleinerziehende Mutter und gleichzeitig
weiterhin die Partnerin Ihres Mannes (und er wäre ein eher
randständiger Vater, aber weiterhin Ihr Lebenspartner). So ähnlich
leben viele Familien, und das muss nicht das schlechteste
Familienleben sein.
Oder Sie ertragen dieses Arrangement nicht. Dann müssen Sie Ihren Mann
verlassen, mit allen Folgen, die eine Scheidung mit sich bringt. Sie
werden dann eine alleinerziehende Mutter mit noch stärker
randständigem Vater für Ihre Kinder und mit beendeter Partnerschaft zu
Ihrem Mann. In diesem Falle sollten Sie sich anwaltlich beraten
lassen, ob der Familienunterhalt für Sie und Ihre Kinder nicht auch
die Miete für eine neue Wohnung abdecken würde.Wenn Sie sich in dieser
Situation langfristig wohler fühlen, wäre dies die beste Lösung für
Sie und Ihre Kinder. Jedenfalls besser, als wenn Sie mit Ihrem Mann in
ständigem Streit weiter zusammenleben würden. Das wäre längerfristig
die schlechteste Lösung.
Nun habe ich Ihnen hoffentlich einigen Stoff zum Überlegen geboten.
Überstürzen Sie nichts. Lassen Sie Ihre Entscheidung reifen, denn nur
dann ist es eine gute Entscheidung!
Alles Gute für Sie und Ihre Familie, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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