Hallo, Herr Schmidt!   Ich habe ein großes Problem. Ich habe seit Jahren ein gestörtes Verhältnis zu meinen Vater. Alles began mit seiner Alkoholsucht, durch die ich mich als Kinde immer mehr zurück zog um mich gegen ihm zu schützen. Jetzt zählt er zu den trockenen Alkoholikern, aber unser Verhältnis ist dadurch auch nicht besser geworden. Es hat sich überhaupt nicht geändert. Ich komme mit seiner Kälte, Nichtverständis und mit seiner Forderungen mir gegen über, überhaupt nicht klar. Auf der anderen Seite vermisse ich die Wärme zwischen uns beiden,auch wenn ich weiß ich kann ihn nicht ändern, aber es tut mir in der Seele weh. Ich habe darüber nachgedacht, mir meinen ganzen Mut zu nehmen und mit ihm ein Gespräch zu führen über die  Kälte usw. die zwischen uns herrscht. Trotzdem habe ich Angst, vor seiner Reaktion, da ich weiß das ich ihn nicht ändern kann, aber ich bin auch der Meinung, dass sich dadurch für mich eine Menge ändern würde. Können Sie mir Tipps geben, wie ich mit dieser Situation am besten um gehen kann und wie ich am besten solch ein Gespräch führen soll?

Hallo liebe junge Frau,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube, es ist nicht so sehr die Frage, wie Sie ein solches Gespräch führen könnten, sondern wohl mehr, ob Sie sich überhaupt trauen, es zu führen. Sie teilen leider nicht mit, wie alt Sie sind, wie Ihre Mutter zu allem steht und ob sie Sie unterstützen kann, oder ob Sie Geschwister haben, die mitmachen könnten, deshalb tue ich mich etwas schwer mit einem speziellen Rat.
Ihre Idee, ein solches Gespräch zu wagen, ist aber grundsätzlich sehr gut. Sie sollten es unbedingt wagen. Auch wenn Sie ihn vielleicht nicht ändern werden (vielleicht aber doch ein wenig?), so wird es Ihnen dennoch gut tun, ein solches Gespräch zu führen und Ihre Gefühle in Worte zu fassen. Wichtig wäre aber, einen geeigneten Moment zu finden, denn Sie können natürlich nicht so zwischen Tür und Angel mit ihm zu sprechen versuchen. Am einfachsten ist es vielleicht, wenn Sie ihm sagen, dass Sie gern mal grundsätzlich mit ihm sprechen möchten, und wann es ihm recht wäre. Wenn er dann einen Terminvorschlag macht (vielleicht will er auch sofort wissen, worum es Ihnen geht), dann ist der Einstieg schon mal geschafft. Er ist dann schon mal neugierig oder leicht beunruhigt. Und dann reden Sie einfach frei von der Leber weg. Gehen Sie davon aus, dass er als trockener Alkoholiker wahrschinlich selber große Kommunikationsprobleme hat und nur schwer aus sich herausgehen kann, so dass Sie eben den Anfang machen müssen. Vielleicht taut er dann auf, weil es ihm ganz tief drinnen selber eine Qual ist, wie lieblos Sie miteinander leben. Erzählen Sie ihm, dass Sie unter der Beziehung zwischen Ihnen beiden schon lange Zeit leiden, dass er Ihnen so kalt und fordernd vorkommt, und dass er Ihnen mit seinem Alkoholproblem viel abverlangt hat, und ob er das alles eigentlich weiss und wie es ihm denn all die Jahre mit Ihnen so geht, und was Sie beide machen könnten, um sich doch noch etwas näher zu kommen. Wie Sie sich beide mehr Wärme, Sympathie und Liebe zeigen könnten, denn die ist in Ihnen beiden doch sicher ganz tief drinnen vorhanden. Sie findet aber bisher leider nicht ans Licht, weil sie verschüttet ist. Aber wenn Sie nun endlich den Anfang machen und ihm sagen, wie sehr Sie seine Liebe vermissen und wie sehr Sie ihn lieb haben...
Ich wünsche Ihnen dazu viel Mut. Ich bin davon überzeugt, dass es sich für Sie und auch für Ihren Vater lohnt.

Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt