| Sehr
geehrter Herr Schmidt, nachdem ich auf Ihrer Web-Page Ihre kompetenten Ratschläge in manchem Fall verfolgt habe, möchte ich kurz mein Anliegen vorbringen: Ich (53) habe einen bald 24-jährigen, autistischen Sohn, der im Heim lebt. Vor ca. 4 Jahren sind meine Eltern in seine Nähe gezogen, haben sich als sehr engagierte Großeltern intensiv um ihn gekümmert(was ich auch immer anerkannte). Aus altersbedingten Gründen (beide sind 83) sind sie nun vor ca. 2 Monaten wieder in unsere Nähe in ein sog. "betreutes Wohnen" gezogen. Vor 1 Woche nun zog sich meine Mutter durch einen Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zu u. liegt seitdem unter starken Schmerzen im Krankenhaus. Das Verhältnis zwischen ihr u. meiner Frau, das schon von jeher gespannt war(ich bin in 2.Ehe verheiratet) hatte sich seit dem Umzug meiner Eltern wieder "normalisiert". Nun ist aber seit letztem Wochenende erneut eine Eskalation eingetreten:meine Mutter fühlt sich "unverstanden", kriegt zu wenig Hilfe, man soll mit den Ärzten reden(was ich tagsdrauf versuchte, aber telefonisch darf man mir angeblich keine Auskunft geben), und überhaupt: auf einmal war der ganze Umzug(bei dem meine Frau u. ich tatkräftig Unterstützung geleistet haben) ein Riesenfehler. Meine Frau ist durch all diese Debatten natürlich wieder sehr zermürbt u. auch ich weiß mir bald keinen Rat mehr:soll ich den Kontakt zu meinen Eltern völlig abbrechen, um weiteren Kontroversen aus dem Weg zu gehen oder bin ich meinen Eltern weiterhin "Beistand" schuldig, mit der dauerneden Gefahr weiterer Zerwürfnisse? Dankbar erwarte ich, lieber Herr Schmidt, Ihre Stellungnahme. Mit freundlichen Grüßen |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Den Kontakt zu Ihren Eltern können
Sie wohl nicht abbrechen, aber Sie müssen auch nicht alles ganz
so ernst nehmen, was die alten Leute so für Probleme haben. Ob
Ihre Mutter sich unverstanden fühlt mit ihren 83 Jahren, sollten
Ihnen eigentlich nur noch ein liebevolles Lächeln abgewinnen. An
erster Stelle kommt für Sie doch Ihre Frau und Ihre Ehe, dann
ihr behinderter Sohn, der Sie braucht. Und erst danach und mit
genügend emotionalem Abstand sollten Ihre Eltern kommen. Das
bedeutet keine Vernachlässigung Ihrer Mutter, denn ich finde es
normal und natürlich, dass die ältere Generation auch
irgendwann einmal zurücktreten und die seelische Gesundheit der
gegenwärtigen Familie im Vordergrund stehen muss. Sie und Ihre
Frau haben ja nicht unbegrenzte seelische Kräfte und müssen
sehen, wie Sie Prioritäten setzen. Sie haben mit Ihrem
behinderten Sohn ja all die Jahre auch Ihre große Last zu tragen
gehabt und sicher viel Kummer und Traurigkeit durchgemacht!
Vielleicht ist darüber sogar Ihre erste Ehe gescheitert.
Für Ihre Mutter war der Umzug und dann der (altersbedingte)
Knochenbruch mit Krankenhaus sicher belastend. Aber das ist
harmlos-normal und sollte Sie und Ihre Frau nicht wirklich
verunsichern oder sogar noch belasten. Seien Sie also gegenüber
Ihrer Mutter ruhig insoweit ein wenig egoistischer, als Sie sich
sagen: "Ich tue ja, was ich kann, aber an erster Stelle
kommt meine eigene Familie." Schützen Sie Ihre Frau vor dem
seelischen Druck, den Ihre Mutter offenbar noch machen kann.
Eigentlich dürfte dies alles gar nicht mehr so zu Ihrer Frau
durchdringen, wenn Sie den nötigen Abstand zwischen Ihrer Ehe
und Ihren Eltern schaffen. Sie müssen sich Ihren Eltern auch
nicht dafür verpflichtet fühlen, dass sie sich um Ihren Sohn
gekümmert haben. Das haben sie ja freiwillig und sicher gern
gemacht.
Darin liegt Ihre Aufgabe: Sich um Ihre Eltern nur soweit zu
kümmern, wie es angemessen ist, ohne dass dabei die eigene
Familie (Ihre Frau) in Mitleidenschaft gezogen wird. Wenn Ihre
Frau zermürbt ist, sollte Ihnen das ein Warnzeichen sein. Sie
setzen dann die Prioritäten falsch und räumen Ihren Eltern noch
zuviel Einfluss ein. Ein gesunder, liebevoller Egoismus
gegenüber allzu einvernehmenden Eltern ist sehr wichtig.
Meint jedenfalls mit freundlichem Gruß Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt