Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich habe ein Problem, daß ich in seiner ganzen Tragweite, mit all
seinen Hintergründen wohl nicht schildern kann. Trotzdem hoffe
ich, mich im Folgenden klar genug auszudrücken, um verstanden
zu werden.
Es geht um meine Mutter, die ich Anfang des Jahres gebeten
habe, sich nicht mehr bei mir zu melden.
Der Grund hierfür liegt in einer langen Entwicklungsgeschichte, die
ihren Ursprung in meiner Kindheit hat.
Meine Mutter hat mich, davon bin ich überzeugt, schon immer
abgelehnt. Sie hat das auch immer wieder zum Ausdruck
gebracht, als ich noch klein war.
Ich bin inzwischen 37 und habe zwei Kinder (8 und 12).
Ich weiß nicht, ob es nötig ist, all die Gründe für meine
Entscheidung zu nennen, aber einen möchte ich auf jeden Fall
erwähnen:
Meine Mutter hat meinen älteren Sohn von Anfang an auf Händen
getragen, er durfte oft zu ihr, auch über Nacht, sie ist mit ihm
verreist, zuletzt hat sie ihm ein Flugticket nach Frankreich
spendiert, dort waren sie zwei Wochen, in den Herbstferien. Er hat
immer viel geschenkt bekommen, sie ist mit ihm essen gegangen,
usw. usw.
Meinen jüngeren Sohn hingegen lehnt sie ab, sie tut gerade mal
das Nötigste, also sie spricht mit ihm, und zum Geburtstag
bekommt er etwas, aber das ist auch schon alles. Obwohl er
schon so oft darum gebeten hat, durfte er bisher nicht eine
einziges Mal bei ihr übernachten, immer wieder muß ich
miterleben, wie sie ihm abwimmelt und ihm etwas von einem
"anderen Mal" erzählt - das zerreißt mir das Herz!!!
Er tut mir so leid, vor allem weil er gar nicht merkt, wie widerlich
seine Oma sich benimmt!
Dies ist der Auslöser für meine Entscheidung, nichts mehr mit ihr
zu tun haben zu wollen, aber bei weitem nicht der einzige Grund!
Meine Mutter ist herrschsüchtig und manipulativ, sie nimmt andere
Menschen nicht ernst, hat meine Gefühle als ich klein war schon
nicht ernstgenommen.
Ich habe wegen Panikattacken vor etwa zwei Jahren eione
Psychotherapie gemacht, und mich in dieser Zeit ziemlich
verändert. Früher war ich enorm abhängig vom Urteil meiner Mutter,
wollte ihr alles rechtmachen usw.
Das hat sich glücklicherweise völlig gewandelt, und im Zuge dieser
Entwicklung habe ich  meine Mutter immer mehr als unreife Person
erlebt, auch wenn es hart klingt, aber ich kann sie nicht mehr
ertragen!
Mir geht es hier auch gar nicht darum, Ratschläge zur
Verbesserung des Verhältnisses zu erhalten. Dieses Verhältnis
läßt sich nicht verändern und nun will ich es auch nicht mehr.
Ich möchte einfach nur, daß meine Mutter meine Entscheidung
respektiert, und genau das tut sie eben nicht. Sie ruft immer wieder
unter irgendwelchen Vorwänden hier an, und ich werde von mal zu
Mal unfreundlicher aber auch deutlicher:
Sie soll mich bitte in Ruhe lassen!
Bei ihrem letzten Anruf sagte sie zum Schluß: "Ich ruf wieder an -
keine Sorge!" und dann legte sie einfach auf.
Soetwas ist in meinen Augen Psychoterror.
Was kann ich tun, damit sie mich nun wirklich in Ruhe läßt? Gibt
es rechtliche Schritte, etwa eine einstweilige Verfügung?
Sie sagte mal, sie habe ein Recht auf die Enkelkinder (was für ein
Zynismus, wo sie sich doch nun wirklich nur für eines der beiden
interessiert!),  ist das wahr?
Ich würde wirklich alles darum geben, endlich Ruhe vor ihr zu
haben, und hoffe sehr, daß Sie  mir weiterhelfen können.

Viele Grüße,
I.D.

Liebe Frau I.D.,
herzlichen Dank für Ihre Schilderung Ihres Problems mit Ihrer Mutter! So wie
Sie Ihre Mutter beschreiben, können Sie offenbar nicht davon ausgehen, dass
sie Ihre Entscheidung, bis auf Weiteres den Kontakt zu ihr zu beenden,
akzeptieren kann. Wenn sie das respektieren könnte, wäre sie ja nicht Ihre
Mutter! Also erwarten Sie besser nicht, dass sie so ohne Weiteres Einsicht
zeigt, sondern bleiben Sie hartnäckig. Werden Sie gebenenfalls ruhig noch
deutlicher, bleiben Sie dabei nach Möglichkeit aber immer freundlich (also
nicht beleidigend oder ausfallend), aber konsequent. Irgendwann wird Ihre
Mutter dann realiseren, dass es Ihnen ein ernsthaftes Bedürfnis ist, sich
von ihr zu emanzipieren und Ihre Loslösung von Ihrer Mutter endlich zu
bewerkstelligen. Darum geht es ja offenbar aus psychologischer Sicht: dass
Sie sich innerlich von Ihrer dominanten Mutter lösen. Das ist ja in der
Entwicklung jedes Menschen etwas Normales und Notwendiges, nur kommt es bei
Ihnen vielleicht etwas verspätet. Dann läuft es meist etwas heftiger und
konfliktuöser ab, aber das macht nichts. Lieber etwas verspätet, als gar
nicht! Ein schlechtes Gewissen sollten Sie also auf keinen Fall haben. Sie
tun Ihrer Mutter ja nichts wirklich Böses, wenn Sie sich lösen von ihr, im
Gegenteil. Eigentlich müsste sie sich als Mutter ja freuen, wenn ihre
Tochter erwachsen wird. Nur kann sie das derzeit sicher nicht so sehen. Aber
später vielleicht doch einmal. Überhaupt muss Ihre Beziehung zu Ihrer Mutter
ja nun nicht bis ans Ende aller Tage zerbrechen. Wenn Sie beide einiges
Tages aus dieser Krise herauskommen, finden Sie vielleicht auf einer
reiferen Entwicklungsebene wieder zueinander. Wer weiß?
Ich finde, Sie sind auf einem guten Weg!
Alles Gute, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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