lieber herr schmidt,
schon seit einiger zeit bin ich auf der suche nach jemandem,mit
dem ich über mein problem reden kann.vielleicht können sie mir
weiterhelfen?!
meinen ehemann(seit 07.08.99 verheiratet)habe ich durch zufall auf
der arbeit meiner mutter(ein arbeitskollege von ihr)
kennengelernt.am 08.nov.97 haben wir  uns das erste mal
verabredet und kamen auch ziehmlich schnell zusammen.da ich zu
diesem zeitpunkt etwa 350km von "zu hause"weg arbeitete,war ich
nur sehr unregelmäßig da.aber wenn ich da war,wohnte er für diese
tage mit bei uns.irgendwann hielten wir es bei meinen eltern nicht
mehr aus,weil die ständig am nörgeln waren.also zogen wir(april
98)zusammen in eine gemeinsame wohnung(ich arbeitete immer
noch so weit weg).wir freuten uns immer total auf unser
wiedersehen...und es war manchmal gar nicht so einfach so weit
weg zu sein.leider bekam ich erst im februar 99 eine arbeitsstelle
hier ganz in der nähe,so daß ich endlich jeden tag mit ihm
zusammensein konnte.wir wünschten uns ein kind und wollten
eigentlich schon am 31.12.98 heiraten.ich wurde
schwanger,als ich gerade meine arbeitsstelle wechselte.heiraten
wollten wir auf jeden fall noch bevor das kind da war.da mein mann
sechs geschwister hat und dadurch eine "normale"familienfeier
schon immer mit reichlich leuten ausfällt,beschlossen wir unseren
hochzeitstag ganz für uns allein zu verbringen.wir fuhren nach
dänemark(ich war in der 31.ssw)heirateten dort und
feirten eine woche später mit familie und freunden zu hause.in der
38.ssw kam unser kind auf die welt.bis zum 6.mon.war es ein
richtiges schreibaby!und etwa in dieser zeit habe ich das
gefühl,mein mann und ich,wir entfernen uns manchmal
immer mehr voneinander.er geht den ganzen tag arbeiten und ich
"sitze" zu hause.dazu kommt,daß ich ca. drei mon. nach der
geburt wieder schwanger wurde(von uns beiden gewollt).ich würde
mir manchmal mehr unterstützung seinerseits wünschen,habe aber
das gefühl zuviel von ihm zu verlangen.obwohl er
doch sieht,daß ich immer "unbeweglicher"werde,hilft er mir
kaum.und wenn er z.b.mal den staubsauger betätigt,habe ich das
gefühl er muß das jetzt machen,weil ich zu "faul" bin.dazu
kommt,daß er manchmal ganz eigenartige ansichten hat...die ich
teilweise einfach nicht nachvollziehen kann,obwohl ich
mir mühe gebe.wenn es mir mal nicht so gut geht,oder ich mich
über etwas so aufgeregt habe,daß mir die tränen kommen...lässt
er mich einfach in ruhe,dabei wünsche ich mir doch gerade dann
seine nähe.ich hab ihm das auch schon mal gesagt.er hat mal
ganz am anfang unserer beziehung gesagt,als ich ihn nach
seinen gefühlen gefragt habe,daß es noch nie jemanden
interessiert hat,wie es ihm geht und er deshalb zeit bräuchte,bis er
darüber reden könnte.ich merke z.b. sofort,wenn ihn irgendetwas
bedrückt(er wird dann immer sehr ruhig und hat so
einen bedrückten gesichtsausdruck).ich frage ihn dann immer so
lange,bis er damit rausrückt,was los ist.danach ist er dann
meistens auch wieder "gut drauf".ich denke mal,daß dies mit
seiner kindheit zu tun hat.bei sieben kindern,die mutter hat den
haushalt immer selbst gemacht(die kinder mußten
nicht,nein sie durften nicht helfen!).somit hatte sie auch keine zeit
sich um die sorgen ihrer kinder zu kümmern.wie sie selbst
sagt,wenn einer von denen nach haus kam und bedrückt war,hat
sie ihn erst mal in ruhe gelassen.dazu kommt,daß
mein mann leicht rötliche haare hat und somit als kind auch viel
gehänselt wurde.jetzt arbeitet er im verkauf und kommt mit vielen
menschen zusammen.als arbeitskollege ist er auch sehr
angesehen,sogar sein chef hält sehr viel auf ihn.daher kann ich z.b.
gar nicht verstehen,warum er eine "beförderung" zum
abteilungsleiter strikt ablehnt.die arbeit dazu macht er sowieso
meist,weil seine a.leiterin nicht in der lage ist.er sagt,daß es ihm
zuviel verantwortung wär.ich weiß,er würde das mit "links"
schaffen,aber er traut sich das einfach nicht zu.sein chef hatte
sogar mal eine stelle als stellvertr.filialleiter für
ihn,also kann er doch nicht so unfähig sein,oder?!
außerdem würde ich mir wünschen,daß er mich manchmal in den
arm nimmt,oder mir einfach nur etwas nettes sagt,aber das macht
er schon lange nicht mehr einfach
von sich aus.einerseits freue ich mich sehr darüber,wenn er mit
unserem kind so liebevoll umgeht,andererseits bin ich dann direkt
etwas neidisch,weil es zwischen uns eben nicht so ist.vor unserer
beziehung hatte er noch keine freundin(er war 23jahre und ich
21jahre,als wir zusammenkamen).daher,denke
ich,kommt es auch,das es wenn es um sex geht eigentlich fast
immer ich diejenige bin,die den anfang machen"muß".es ist nicht
so,daß er lieber keinen sex haben will,aber er kann einfach nicht
den ersten"schritt" tun.wenn ich ehrlich sein
soll,tu ich es oft nur aus dem grund,um mal wieder etwas
"wärme/liebe"von ihm zu spüren.
allerdings,an unserem ersten hochzeitstag hat er mir eine
ganz,ganz tolle liebeserklärung übers radio gemacht.dafür hat er
mich zum muttertag total links liegen gelassen.für seine und meine
mutter hat er sich einen kopf gemacht,was wir denen schenken
könnten.mir hat er nicht mal gratuliert(das hat mir ganz
schön weh getan,zumal man ständig mit dem muttertag
konfrontiert wurde).sogar die frau seines bruders hat zu ihm dann
gesagt,daß sie von ihm aber mehr erwartet hätte.zu mir hat er nur
gesagt...du bist doch nicht meine mutter.aber
ich bin doch schliesslich die mutter seines kindes!ich hab ja gar
kein geschenk erwartet,aber wenigstens ein bißchen anerkennung
von ihm.
warum ist er nur so?ich liebe ihn doch und er mich sicher
auch,aber warum zeigt er es mir nur so selten?
auch meiner familie gegenüber ist er manchmal sehr ablehnend.ich
kann in seiner familie auch nicht unbedingt mit jedem so gut,aber
ich lass es mir wenigstens nicht anmerken.es war schon ein paar
mal so,dasß meine familie uns zum essen
einlud und wenn es dann soweit war,sagte er einfach ich könnte da
ruhig allein hingehen,obwohl er vorher nichts dergleichen gesagt
hat.ich steh dann jedesmal "doof" da und muß meiner familie
beibringen,das er nicht mitkommt,obwohl das
essen schon auf dem tisch steht.warum sagt er dann nicht gleich
das er keine lust hat,wenn wir die einladung
bekommen?allerdings,wäre es seine famlie...da
kann er immer.meine familie hat mich schon gefragt,ob er was
gegen sie hätte...ich versuche dann immer alles schön zu
reden,weil ich nicht will,daß wir uns durch sowas verkrachen.
er hat seine prinzipien und da helfen keinerlei kompromisse.ich
habe immer das bedürfnis nach harmonie...auch nach einem streit
wieder miteinander zu reden.aber irgendwie bin immer ich
diejenige,die zurückstecken muß.ich weiß
einfach nicht,wie lange ich das noch durchhalten soll.manchmal
bin ich deswegen ganz schön am ende und er merkt einfach
nichts,oder will es nicht merken,ich weiß es nicht.
jetzt habe ich soviel geschrieben,und könnte noch viel mehr
schreiben...
vielleicht können sie mir weiterhelfen...ich will doch in meiner ehe
wieder glücklich werden!was soll das sonst werden,wenn erst
unser zweites kind da ist(ca.in zwei mon.)?
vielen dank für ihr offenes ohr  


Liebe Frau,
vielen Dank für die ausführliche Schilderung Ihrer Familiensituation. Ich
kann mir nicht helfen, aber ich finde, Sie erzählen eine Liebesgeschichte!
In eine gemeinsame Wohnung ziehen mit ca.22 Jahren, in Dänemark ganz alleine
heiraten, hinterher mit den Familien und Freunden feiern, das erste Kind,
das zweite Kind bewußt rasch hinterher, der liebevolle Vater, die junge
schwangere Mutter... Andererseits finde ich, dass Sie wohl einige Illusionen
hatten und noch haben, was die unvermeidbaren und normalen  "Schattenseiten"
solch jungen Glücks ausmacht: Stress, Alltag, Überlastung, Ernüchterung,
Verzicht. Die Realität sieht auch im Familienleben eben leider nicht so
romantisch und rosig aus, wie man es sich erträumt hat. Aber das ist eben
so. Das geht allen Eheleuten mehr oder weniger so. Es nützt nichts, darüber
dauernd zu klagen und zu jammern. Das macht es nur noch schlimmer. Man wird
rasch unbescheiden und kindisch und sieht nur noch die Schattenseiten. Man
übersieht das Glück. Man wird wehleidig und fühlt sich vernachlässigt, statt
dass man sich um so stärker um den Partner bemüht, je stärker der familiäre
Stress zu werden droht. Dass Sie sich gekränkt fühlen, wenn Ihr Mann Sie am
Muttertag nicht gebührend würdigt, ist dafür ein treffendes Beispiel. Hat er
nicht recht, wenn er sagt, dass Sie schließlich nicht seine Mutter sind? Sie
sind doch seine junge Frau! Ihre Kinder werden später den Muttertag mit
Ihnen feiern, aber doch nicht Ihr eigener Mann. Der Muttertag kann warten!
Liebe Frau, ich rate zu etwas mehr Realitätssinn. Die Flitterwochen sind
leider vorbei. Nun geht es darum, tapfer und optimistisch den manchmal
tristen Familienalltag zu meistern. Haben Sie eigentlich Freunde, eine oder
mehrere andere Familien, mit denen Sie sich einladen? Wenn nicht, kümmern
Sie sich darum. Lernen Sie andere junge Familien kennen, laden Sie sich
abwechselnd ein. Vieles aus dem Familienalltag lässt sich mit guten Freunden
und Freundinnen besprechen. Man kann sich dann gut unterstützen, das
Beispiel der anderen tröstet und hilft über Vieles hinweg. Man kann dann
sogar über die Karriere Ihres Mannes sprechen. Ihr Mann braucht vielleicht
einen guten (väterlichen) Freund, der ihm Mut macht und gut zuredet, es zu
wagen.
Also, liebe Frau, Kopf hoch und nicht so viel jammern! Gestalten Sie ihr
Ehe- und Familienleben aktiver in die von Ihnen gewünschte Richtung. Werden
Sie aktiv und gewinnen Sie gemeinsam mit Ihrem Mann einen Freundeskreis von
anderen jungen oder auch älteren Familien.
Und vor allem: alles, alles Gute für Sie und Ihr zweites Kind!
Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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