Lieber Herr Schmidt,
meine erste Tochter (5Jahre) kaut seit ca. 2 Jahren an ihren Nägeln. Das macht meinem Mann und mir große Sorgen, da wir das Gefühl haben, daß sich diese "Marotte" schon automatisiert hat. Vielleicht liegt das Problem aber auch bei mir, da ich selbst auch Nägelkaue und nicht davon loskomme. Bis jetzt haben wir meine Tochter immer ermahnt, wenn wir sie
beim "Kauen" gesehen haben. Mein Mann macht das auch bei mir. Es hilft nur bedingt bzw. ist nur wenig erfolgversprechend. Auch abendliche Kontrolle und Loben, wenn die Nägel lang sind, helfen nicht langfristig.
Ich verstehe z.B. auch nicht, warum meine erste Tochter die Nägel
verunstaltet und meine zweite Tochter (16 Monate jünger) nicht. Meine eigene Schwester macht das auch, in meiner Herkunftsfamilie aber niemand. Ich möchte meiner Tochter gern diese Peinlichkeit ersparen, denn ich schäme mich sehr für meine unansehnlichen Hände. Lieber Herr Schmidt, ich hoffe sehr, daß Sie uns helfen können und nehme gerne Ihre
Ratschläge an ( Literatur, Therapie...). Vielen Dank für Ihre Mühe! Mit
freundlichen Grüßen
Susanne

Liebe Susanne,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Sie denken sich sicherlich selbst, dass
Sie natürlich als gutes Beispiel vorangehen sollten, indem Sie Ihr
eigenes Nägelkauen einstellen. Damit würden Sie der Tochter vormachen,
dass man nicht Nägel kauen muss im Leben. Wenn Sie sagen, Sie kommen
vom Nägelkauen nicht los, dann belügen Sie sich selbst:
Selbstverständlich kommen Sie davon los. Sie müssen es nur wirklich
wollen, dann können Sie es auch. Und wenn Sie es wirklich wollen, dann
lassen Sie sich auch dabei helfen, falls Sie es nicht alleine
schaffen. Und helfen kann Ihnen ein guter Verhaltenstherapeut. Suchen
Sie im gelben Branchenverzeichnis Ihres Telefonbereiches unter
"Psychotherapie" einige Verhaltenstherapeuten aus und vereinbaren Sie
bei mindestens einem davon ein Erstgespräch. Besprechen Sie das
Problem mit ihm und lassen Sie sich beraten, ob und wann er Ihnen
helfen kann. Wenn er Ihnen unsympathisch ist oder wenn er zu lange
Wartezeiten hat, machen Sie einen Termin bei einem anderen, solange,
bis Sie einen gefunden haben, der Ihnen menschlich zusagt (das erhöht
den Therapieerfolg) und der rasch Zeit hat. Dann machen Sie eine
Verhaltenstherapie gegen das Nägelkauen (das dauert vielleicht 20
Sitzungen, und Ihre Krankenkasse bezahlt es).
Wenn Sie schöne Hände haben, weil Sie nicht mehr Nägelkauen, wird sich
das Problem bei Ihrer Tochter legen. Mithilfe Ihrer eigenen Behandlung
können Sie außerdem sozusagen als Nebenprodukt auch Ihrer Tochter viel
besser zur Seite stehen, wenn sie aufhören soll.
Also beißen Sie sich durch! Das wünscht Ihnen und Ihrer Tochter Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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