Sehr geehrter Herr Schmidt,   mein siebenjähriger Sohn kaut schon seit nunmehr 4 Jahren an den Nägeln. Mein Mann und ich haben uns vor zweieinhalb Jahren getrennt, aber unser Sohn hatte schon mit drei Jahren angefangen wo eigentlich noch keine Trennung mit meinem Mann in Aussicht stand. Leider bekomme ich es nicht in den Griff. Ein mangel an Zuwendung kann nicht sein und sonst ist er auch ein sehr aufgewecktes Kind und auch sehr lebhaft. Er hat einige Freunde und es geht ihm gut. Ich weiß nicht wo es mangelt. Differenzen zwischen meinem Mann gab es seit unserer Trennung viel, aber das ganze hat bei meinem Sohn schon viel früher angefangen. Da mein Sohn jetzt das erste Schuljahr abgeschlossen hat mich aber die Lehrerin nunmehr auf sein ständiges Nägel kauen angesprochen, was Sie sehr bedenklich findet. Ich möchte so gerne meinem Sohn helfen, wenn ihm was bewegt zu helfen, nur er weiß selbst nicht warum er es tut. Können Sie mir einen guten Rat geben.   Vielen herzlichen Dank im voraus   Britta

Liebe Britta,
vielen Dank für Ihre Anfrage! Wenn es Ihrem Sohn gut geht, sollten Sie nicht unnötig irgendetwas Ernsteres hinter dem Nägelkauen vermuten (wie gesagt: ich übernehme einfach mal Ihre Einschätzung, dass es ihm gut geht und es keine besonderen seelischen Belastungen gibt). Er muss sich dann mit Ihrer Hilfe das Nägelkauen nur wieder abgewöhnen. Vereinbaren Sie z.B. mit ihm, dass er Kaugummi kauen darf, statt Nägel. Besprechen Sie mit seiner Lehrerin, ob sie es erlauben könnte, dass er dies auch in der Schule darf, wenigstens für eine Zeit lang. Wichtig ist, dass er selbst den Ehrgeiz entwickelt, das Nägelkauen aufzugeben. Vielleicht kann er mit kleinen Belohnungen rechnen, wenn er z.B. eine Stunde lang nicht kaut. Größere Anerkennungen sind fällig, wenn er z.B. einen ganzen Tag nicht länger gekaut hat. Führen Sie mit ihm eine Art "Nägel-Kauer-Tagebuch": Jeden Abend setzen Sie sich kurz mit ihm zusammen und besprechen, wie es am vergangenen Tag mit dem Kauen gegangen ist: Gar nicht oder nur wenig gekaut: es gibt für diesen Tag eine Sonne ins Tagebuch. Mittelmäßig gekaut: Es gibt auch eine Sonne, die aber nicht lacht. Viel gekaut: Es gibt eine Regenwolke. Am Wochenende gucken Sie immer beide nach, wieviele lachende Sonnen es in der Woche gab. Je mehr, um so mehr wird sich gefreut und belohnt. Wenn die Lehrerin sogar mitmacht und es gibt von ihr eine lachende Sonne, zählt die vielleicht sogar doppelt.
Liebe Britta, Sie verstehen sicher, es gilt also eine richtiges Training anzusetzen, natürlich immer mit Spaß verbunden. Es muss immer locker dabei zugehen. Bei Rückfällen bitte nicht tadeln oder schimpfen. Wichtig sind nur die Sonnen. Und wenn die dann langsam immer mehr überwiegen: Wunderbar!
Mit Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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