Hallo,
ich bin 49 Jahre alt, Journalistin und alleinerziehende Mutter von
zwei Kindern, einer 22jährigen Tochter, die Kunstgeschichte
studiert, und eines17jährigen Sohnes, der nach einem schweren
Verkehrsunfall und einer sehr chaotischen Schulkarriere jetzt
seinen Hauptschulabschluss 10 B gemacht hat.
Mein Sohn, N., der fast immer in Klassen mit hohem
Ausländeranteil war und überwiegend Freunde aus anderen
Kulturen hatte, fängt zu meiner Bestürzung plötzlich an,
rechtsradikale und ausländerfeindliche Thesen zu
äußern, besonders gegen Türken, Juden und "Zigeuner". Er erwägt,
später in einer Stadt zu leben, in der "weniger Türken" seien als
hier, in Köln, verteidigt die Nazis etc.
Ich muß dazu sagen, daß er diese Einstellung keinesfalls von mir
hat, im Gegenteil. Ich habe nicht nur in zahlreichen Diskussionen
mit meinen Kindern, sondern auch in meinen Büchern und
sonstigen Arbeiten immer dezidiert antifaschistische Positionen
bezogen und die Aufarbeitung der NS-Zeit zu meinem Zentralthema
gemacht.
Mein Vater, N.s Großvater also, den er sehr verehrt und der jetzt
im Sterben liegt, hat allerdings eine "glorreiche" Vergangenheit als
hoher Wehrmachtsoffizier hinter sich, die er offensichtlich niemals
aufgearbeitet hat und für die N. ihn sehr bewundert.
Ich habe keine Ahnung, ob es inzwischen Beratungsstellen für
Eltern gibt, die sich speziell mit diesem Thema auseinandersetzen.
Meine laienhaft-subjektive "Erklärung" für N.s Äußerungen ist die,
daß er
sich a) aus der sehr engen und herzlichen Beziehung zu mir lösen
möchte, b)
klare Ordnungsstrukturen sucht, die es in unserem Haushalt
(Einelternfamilie, große finanzielle Probleme nach der Scheidung,
starkeDoppel-und Dreifachbelastung meinerseits) sicher nicht
immer gegeben hat, c)
vielleicht auch seine subjektiv als Mißerfolg erlebte Schulkarriere
(alleanderen Familienmitglieder haben studiert) durch Anschluß an
eine "starke"Gruppe kompensieren möchte.
Meinem ersten Impuls, ihn wegen seiner fortgesetzten Äußerungen
vor die Tür zu setzen oder ihm demonstrativ meine Zuneigung zu
entziehen, bin ich nichtgefolgt, da er schließlich immer noch mein
Kind ist, und da ich ihn nicht erst recht in die Arme entsprechender
Kreise treiben möchte. Trotzdem mache ich mir die allergrößten
Sorgen um ihn, abgesehen davon, daß ich seine
menschenverachtenden Äußerungen manchmal physisch und
psychisch kaum noch ertragen kann.
N. ist an sich ein sehr sensibler, begabter, introvertierter Junge, der
schon als Kleinkind philosophische Weisheiten geäußert hat.
Seine Äußerungen passen zu seinem Wesen wie die Faust aufs
Auge. Für alle Vorschläge, die diversen Familien- und
Schulprobleme (es gab zeitweilig auch massive
Probleme mit "Kiffen") in einer Therapie aufzuarbeiten, zeigte er
sich immer völlig unerreichbar. Er sei kein "Psychopath" etc.
Andererseits interessiert er sich geradezu leidenschaftlich für
Psychologie, besonders forensische, und liest außerhalb der
Schulzeit entsprechende Bücher.
Ich hoffe, Ihnen ein einigermaßen aussagekräftiges Bild gegeben
zu haben und wäre Ihnen sehr dankbar für eine Antwort.
E.

Liebe Frau E.,
vielen Dank für die Schilderung Ihres Problems mit Ihrem Sohn. Ihren eigenen Vermutungen, was die Ursachen für sein Verhalten sein mögen, muss ich gar nicht mehr viel hinzufügen. Mir fällt nur noch auf, dass in Ihrer Schilderung kein einziges Wort über den Vater Ihres Sohnes, ihren geschiedenen Mann, fällt. Nur indirekt bringen Sie  zum Ausdruck, dass die Beziehung Ihres Sohnes zu seinem Vater offenbar irgendwann nach Ihrer Scheidung (oder schon vorher?) abgebrochen zu sein scheint. Wiederverheiratet sind Sie wahrscheinlich auch nicht. Ich vertrete die Auffassung, dass Vaterlosigkeit gerade für Jungen ein wesentlicher Grund für seelische Entwicklungsschwierigkeiten im Sinne einer männlichen Identitätsfindung ist. Eine alleinerziehende Mutter kann das nur dann einigermaßen ausgleichen, wenn es ihr gelingt, die männliche Seite des Sohnes positiv zu verstärken. Zum Beispiel, indem sie ihm ein positives Bild von seinem Vater vermittelt. Aber gerade dies ist in geschiedenen Ehen oft nur sehr mangelhaft möglich, so dass der Sohn andere Möglichkeiten sucht, seine Männlichkeit zu betonen und zu entwickeln. Ihr Sohn scheint sich (notgedrungen) an seinem Opa zu orientieren, der Ihnen aber wiederum nicht behagt wegen seiner unbewältigten Wehrmachts-Vergangenheit. Aus dem Umstand, dass Sie die "Vater-Geschichte" Ihres Sohnes in Ihrem Brief verdrängen, liebe Frau E., schließe ich zusätzlich, dass es Ihnen kaum möglich ist, Ihrem Sohn ein positives Vaterbild zu vermitteln. Das ist sehr schade für Ihren Sohn.
Faschismus/Nazismus sind ja extreme männliche Ritualbildungen, die viele sog. jugendliche "Neonazis" benutzen, um ihr männliches Identitätsproblem zu lösen zu versuchen. Dass sie damit auch provozieren, kommt ihren unerfüllten Autonomiewünschen und ihrem Hass auf die etablierte Erwachsenenwelt, die sie tief enttäuscht hat, nur entgegen. Dass Sie selbst dezidierte antifaschistische (anti-"männliche" aus der Sicht Ihres Sohnes) Positionen vertreten, gibt ihm mit seinem konträren Verhalten erst recht noch zusätzlich Gelegenheit, sich von Ihnen seelisch abzugrenzen im Sinne seiner Identitätsfindungs-Problematik. Man spricht hier auch von Kontrastverhalten, das Kinder umso stärker entwickeln, je stärker sie sich von den Eltern einseitig beeinflusst wähnen (nicht nur politisch, sondern auch z.B. gegen den eigenen Vater!) .  

Liebe Frau E. ich weiss nicht, ob ich mit meiner Vermutung über das "Vaterproblem" bei Ihrem Sohn richtig liege. Ich lese es nur "zwischen den Zeilen" aus Ihrem Brief. Wenn ich mich täusche, schreiben Sie mir doch bitte ergänzende Informationen. Ansonsten würde ich Ihnen empfehlen, durchaus weiter Ihre eigene Position gegenüber dem Sohn zu vertreten. Aber die Ursache für alles liegt nicht so sehr in ihm, sondern viel mehr in Ihnen und seinem Vater. Deswegen sollten Sie überlegen, ob Sie sich nicht selbst einmal gründlich psychologisch beraten lassen (z.B. in Ihrer regionalen Erziehungs- und Familienberatungsstelle), wie Sie und Ihr geschiedener Mann mit dem Problem Ihres Sohnes mittelfristig umgehen und vor allem, wie Sie und Ihr geschiedener Mann die eigene Beteiligung noch besser verstehen können. In meiner Familienberatungsstelle laden wir in solchen Fällen die Väter grundsätzlich mit dazu. Kann man denn nichts daran ändern, dass Ihr Sohn und sein Vater keine Beziehung pflegen? Können Sie dabei nicht hilfreich vermitteln? Was würde sein Vater sagen, wenn er wüsste, in welcher Not sein Sohn ist (oder weiss er es?). Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

Lieber Herr Schmidt,
vielen Dank für Ihre rasche, hilfreiche Antwort, die ich eben gelesen
habe.
Mein Sohn und ich hatten inzwischen eine sehr heftige, lautstarke
und von beiden Seiten emotionale Auseinandersetzung, die zwar
zunächst furchtbar schmerzlich für beide Seiten war, aber irgendwo
auch die Luft gereinigt und die Positionen verdeutlicht hat. Es ist
uns seitdem gelungen, ruhiger und vernünftiger über das Thema
Rechtsradikalismus zu sprechen. Ich habe versucht, für die derzeit
schwierige Orientierungssituation meines Sohnes Verständnis
aufzubringen, und er hat zugestanden, daß sich sein "Haß" auf
bestimmte ausländische Gruppen möglicherweise mildern wird,
wenn er beruflich gefordert ist, auf eigenen Beinen steht und noch
andere - d. h. selbsterworbene - Verdienste hat, als nur das, ein
Deutscher zu sein (so sieht er es offenbar selbst zur Zeit...)Er hat
mir versprochen, seine Einstellung noch einmal gründlich zu
überdenken, menschenverachtende Äußerungen, die mich
verletzen, zu unterlassen und in einigen Monaten, wenn
er in seiner Ausbildung als Restaurantfachmann in einem großen
Hotel Fuß gefaßt hat, noch einmal das Gespräch mit mir zu
suchen. Dabei habe ich ihm zugestanden, daß man über
Einzelfragen wie Asylpolitik, Einwanderungsquoten
etc. sicherlich kontrovers diskutieren kann, was ja sogar auf
höchster politischer Ebene getan wird. Tatsächlich finde ich, daß
ein CDU-Politiker wie Rüttgers mit einem Slogan wie "Kinder statt
Inder" den Jugendlichen nicht gerade ein gutes Vorbild gibt.

Was den Vater meiner Kinder betrifft, so existiert er sozusagen
nicht mehr.
Er hat seit 14 Jahren keinen Pfennig Unterhalt für die beiden
gezahlt und sich nie für ihre Belange interessiert, es sei denn
negativ - durch Denunziationen und Intrigen bei Jugendamt,
Schulamt etc. Wir wissen überhaupt nicht, wo er wohnt, können
somit auch keinen Kontakt zu ihm aufnehmen. Er hat weder zum
Abitur meiner Tochter noch während der schweren
Krankheitszeit meines Sohnes etwas von sich hören lassen. Er hat
mich mit einer Schuldenlast von einer halben Million sitzenlassen
und mich an die Grenze des physischen und finanziellen Ruins
getrieben. Ich bin unter dieser Belastung manchmal fast
zusammengebrochen, aber das war ihm nur recht, denn
schließlich war ich ja diejenige, die ihn verlassen hat, weil er in den
letzten Ehejahren nur noch getrunken und geprügelt hat - mich und
die Kinder. Soweit ich weiß, lebt er von der Sozialhilfe, die er dann
abends in Kneipen durchbringt. Bei den wenigen Malen, die ich seit
unserer Scheidung mit ihm gesprochen habe, hat er sich selber
widerwärtig rechtsradikal geäußert. Außerdem erzählt er die
phantastischsten Lügengeschichten über
seine angeblichen Erfolge als Filmregisseur, persönlicher Berater
Clintons, Raktenerfinder etc., die nach meinem Dafürhalten schon
an Schizophrenie grenzen. Meine Tochter L. hat sich schon vor
Jahren völlig von ihm distanziert - wiewohl ich beiden Kindern nie
"verboten" habe, ihren Vater zu sehen und ihn auch nicht negativer
geschildert habe, als er ist - weil er sie nur als "überstudiert",
"durchgeknallt" und dgl. bezeichnet; mein Sohn
N. legte bis vor einiger Zeit Wert auf einen gewissen Kontakt zu
ihm, den ich, soweit mein Ex-Mann überhaupt aus seiner
Versenkung auftauchte und für uns präsent wurde, immer
selbstverständlich gestattet habe, da er ja
schließlich N's Vater ist. Mit der Zeit begann N. jedoch, sich für
seinen Vater zu schämen, und brach den Kontakt von sich aus ab.
Die in aller Öffentlichkeit vorgetragenen Lügengeschichten waren
ihm einfach zu peinlich.
Wir sind alle drei froh, von ihm in Frieden gelassen zu werden und
versuchen auch nicht mehr, ihn wegen der Unterhaltszahlungen
gerichtlich zu belangen.
In den ersten Jahren nach der Trennung hat er meiner Tochter öfters
aufgelauert, um sie zu schlagen, hat Fensterscheiben bei uns
eingeworfen, unsere Post zu entwenden versucht, mich bei
Kollegen und Auftraggebern schlechtgemacht etc. Soviel zum
Thema "Vater", von dem in diesem Fall überhaupt keine Hilfe zu
erwarten ist, eher im Gegenteil.
Zum Thema der Wiederverheiratung:
Ich habe kurz nach der Trennung, also vor 14 Jahren, einen
Künstlerkollegen kennengelernt, mit dem ich eine adäquate,
befriedigende, liebevolle Beziehung führe. Er ist Vater dreier
erwachsener Kinder und inzwischen mehrfacher Großvater. Wir
sind jedoch ganz bewußt nicht zusammengezogen, da
er nach einer recht dramatisch verlaufenen Trennung von Frau und
Kindern keine neue "Familienkonstruktion" mehr wollte. Er hatte
genug damit zu tun, das Verhältnis zu seinen eigenen Kindern
wieder zu stabilisieren, was unter großen Anstrengungen und auch
nur teilweise gelungen ist. Da mein Sohn meinen Freund eigentlich
hoch schätzt - mein Freund ist äußerlich und in vielen
Eigenschaften und Fähigkeiten (sportliche und handwerkliche
Begabungen) sehr "männlich" - war die Entscheidung, ihn bewußt
aus der Erziehung meiner Kinder herauszuhalten, vielleicht falsch.
Heute hätte ich sie jedenfalls anders getroffen und ein stärkeres
Engagement seinerseits sogar eingefordert. Aber leider ist dieser
Prozess nicht mehr rückgängig zu machen. Immerhin hat mein
Freund seit längerer Zeit verstärkt Anteil an der
Entwicklung beider Kinder genommen, sie fachlich und menschlich
beraten und ihnen in Konflikten, die sie mit mir hatten,
beigestanden. Meinen Sohn engagiert er öfters für "Männerjobs" in
Haus, Werkstatt und Garten, und dieses teamwork klappt zu
meiner großen Freude recht gut. Er hat auch
versprochen, mir bei den jüngsten Schwierigkeiten zu helfen. Da er
selbst - 1933 geboren - die Nazizeit miterlebt war, Erfahrungen als
Hitlerjunge gemacht hat etc., kann er mit meinem Sohn aus einer
völlig anderen Perspektive über das Thema "Rechtsradikalismus"
sprechen als ich.
Ich persönlich habe bereits vor Jahren eine Gesprächstherapie
gemacht und befinde mich seit einem halben Jahr in einer zweiten.
Dabei wird natürlich immer wieder über meine Nazi-Eltern und
meine Kinder gesprochen. Als alleinerziehende Mutter war ich öfter
gezwungen, mich auch vom Jugendamt oder
Erziehungsberatungsstellen beraten zu lassen. Leider mit nicht
sehr befriedigendem Ergebnis. Das Jugendamt zeigte sich in
diesem konkreten Fall (Rechtsradikalismus) völlig desinteressiert
und erklärte sich für unzuständig. Zu der zuständigen städtischen
Erziehungsberatungsstelle mag ich nicht mehr gehen, seitdem
eine Therapeutin dort mir ihre ganze eigene Familiengeschichte
erzählt und die Rollen sozusagen vertauscht hat. Aufgrund
meiner (beruflich antrainierten) raschen Auffassungsgabe für
menschliche Konflikte wurde ich ständig als Moderatorin von
Elternselbsterfahrungsgruppen engagiert, wo ich aber persönlich
reichlich wenig Hilfe fand. Man glaubte einer scheinbar so "starken"
Frau überhaupt nicht, daß sie Probleme haben könnte. Die
Gespräche mit meinem jetzigen - männlichen - Therapeuten helfen
mir da wesentlich weiter, da erstmals auf kompetenter
Wissensgrundlage die Nazivergangenheit meiner Eltern und deren
fatale Wirkungen auf mich - und die Kinder - aufgearbeitet wird.
Dies zur etwas umfassenderen Darstellung unserer
Familienverhältnisse.
Wie Sie vielleicht spüren, sehe ich die Dinge wieder etwas
optimistischer.
Dabei kann ich natürlich nichts daran ändern, daß ich kein Mann
bin und von vielen inneren Konflikten eines Jungen nur eine vage
Ahnung habe. Was bleibt, ist ein schreckliches Schuldgefühl, ihm
"so einen" Vater zugemutet zu haben, aber diese Partnerwahl liegt
nun um ein Vierteljahrhundert zurück und ist nur aus meiner
eigenen Kindheit und Jugend, die ich größtenteils wie
ein Strafgefangenenlager erlebt habe, zu erklären.
Wenn Sie noch einen Ratschlag, eine Ermunterung für mich
haben, wäre ich
Ihnen in jedem Fall sehr dankbar.
Ihre...

Liebe Frau E.,
vielen Dank für Ihre beeindruckende Antwort. Meine Vermutung, dass N. unter
einem Vaterproblem leidet und dass Sie ihm kein postives Vaterbild
vermitteln können, war also richtig.  Auch Ihr Lebenspartner spielte bisher
keine große (immerhin auch keine negative!) Rolle für N. Aus Ihren Worten
über N.`s Vater spricht viel Hass und Verachtung. Nehmen Sie mir das Bild
bitte nicht übel: die Art, wie Sie über Ihren geschiedenen Mann schreiben,
hat auch etwas Radikales (ob nun Rechts- oder Links-, ist unwichtig). Steckt
nicht auch in Ihnen eine gehörige Portion verdrängte Radikalität, wie in den
meisten von uns? Hat es Ihr Sohn nicht doch auch von Ihnen?
Insgesamt denke ich aber, dass Sie es ganz gut machen. Sie widersprechen N,
sie sprechen ernsthaft mit ihm (und er wohl auch mit Ihnen, und das ist
immer ein sehr gutes Zeichen), sie finden beide auch einen Weg...Dass andere
Sie eine starke Frau finden, kann ich mir gut vorstellen. Das ist für N. ja
auch positiv, denn damit gleichen Sie sein Vaterproblem etwas aus. Alles in
allem müssen Sie sich aus meiner Sicht keine wirkliche Sorge machen, dass N.
tatsächlich rechtsradikal ist oder ein Nazi oder sowas wird. Ich halte dies
bei ihm für eine vorrübergehende Intentitätsfindungs-Phase, aus der er mit
Ihrer starken Führung irgendwann ernüchtert herauskommen wird.
Interpretieren Sie deshalb bitte nicht allzu viel in ihn hinein. Sehen Sie
es alles als eine seelisch schwierige Entwicklungsphase eines Jugendlichen,
der ein recht trauriges Vaterproblem zu bewältigen hat. Das wird N. denn
auch noch lange umtreiben. Kann man denn daran nichts ändern? Möchte N.
nicht selbst seinen Vater ausfindig machen und kontaktieren (das Jugendamt
hat sicher seine Anschrift)? Bei allen Macken und Charakterproblemen, die
der Vater haben mag? Er ist und bleibt der Vater! N. muss ihn sowieso eines
Tages persönlich kennenlernen und sich sein eigenes Bild von ihm machen
können. Der jetzige Zustand ist nicht von Dauer. Warum nicht den Vater jetzt
kennenlernen? Ermuntern Sie ihn doch dazu. Helfen Sie ihm dabei, auch wenn
es Sie große Überwindung kostet. Sein Vaterbild ist das eine, Ihr
geschiedener Mann das andere. Der reale Kontakt zum Vater kann für N. nur
positiv sein: entweder er erfährt selbst aus eigener Erfahrung, dass auf den
Vater wirklich kein Verlass ist (das wünsche ich ihm natürlich nicht), oder
er erlebt seinen Vater anders und lernt verstehen, wie alles gekommen ist,
ohne seinen Vater weiter hassen zu müssen.
Alles Gute für Sie und Ihren Sohn, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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