| Sehr
geehrter Herr Schmidt, wir haben Probleme mit unserer Tochter Theresa (8 Jahre), die sich schon im Kindergarten bemerkbar gemacht haben. Theresa kann mit anderen Kindern nicht im Team arbeiten, ohne das es zu Streitereien kommt. Sie hat auch kaum noch Freundinnen oder Freunde, die zu ihr zum spielen kommen, oder die sie hierzu einladen. Klärt man sie über ihr auffälliges, teilweise sehr affiges Benehmen auf, so nützt dies so gut wie nichts. Ein paar Augenblicke später ist alles wieder vergessen. Wenn sie mit anderen Kindern zusammen ist, dann wirkt sie wie ausgewechselt und ist kaum noch zu bändigen. Sie versucht zu dominieren, wo es nur geht. Möglicherweise liegt die Ursache für dieses Verhalten in der frühzeitigen Abgabe an eine Tagesmutter (mit 18 Monaten), da zu diesem Zeitpunkt meine Frau noch halbtags berufstätig war. Wenn sie Theresa am Nachmittag abgeholt hat, wollte unser Kind nicht mehr mitkommen und wäre lieber bei der Tagesmutter geblieben. Als Theresa dann 4 Jahre alt war, blieb meine Frau zuhause. Theresa ist nach Aussage ihrer Lehrerin blitzgescheit. Bilder und Zeichnungen gestaltet sie gekonnt und detailiert, farbenfroh und ansprechend (Auszug Jahreszeugnis 1. Kl.). Sie besitzt eine rasche Auffassungsgabe und ein verlässliches Gedächnis und könnte dem Unterrichtsgeschehen durchaus wertvolle Impulse geben, wenn sie sich mehr für die Inhalte erwärmen würde (Auszug Jahreszeugnis 1. Kl.). Theresa hat vor fremden Leuten keine Scheu und leider auch keinen Respekt. Sie schafft es spielend, mehrere Anwesende (mit ihr selbst) zu beschäftigen. Bei einer Geburtstagsfeier vor ca. 2 Wochen hat sie sich mit Feuereifer damit beschäftigt, alle Anwesenden mit Getränken zu versorgen, stundenlang, ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen. Meine Frau (38 J.) ist aber mittlerweile mit ihren Nerven am Ende. Ich selbst (43 J.) bin im Elektrohandwerk selbstständig, was auch mitunter unser Nervenkostüm zeitweise mit abkratzt. Auf ihre Internetseite bin ich durch den Brief von Karen aufmerksam geworden. Mit freundlichen Grüßen, R. und C. G. |
Liebe Eltern,
vielen Dank für Ihren Brief! Zunächst einmal herzlichen
Glückwunsch zu Ihrer blitzgescheiten, temperamentvollen und
aufgeweckten kleinen Tochter!
Was das Problem mit den anderen Kinder betrifft, scheint es so zu
sein, dass Ihr kleines Einzelkind (das stimmt doch, oder?) im
Beisammensein mit anderen Kindern rasch das Gefühl bekommt,
nicht mehr genug im Mittelpunkt zu stehen. Und dies kann wiederum
zweierlei Ursachen haben: entweder stand sie bisher zu viel im
Mittelpunkt und will darauf dann nicht verzichten, oder sie stand
nie so richtig (auch emotional) im Mittelpunkt, dann reagiert sie
besonders empfindlich in einer Kindergruppe. Sie scheinen die
letztere Möglichkeit eher in Erwägung zu ziehen, wenn Sie an
die Tagesmutter erinnern, von der Ihre Tochter nicht mehr zu
ihrer Mutter wollte. Wenn das eine Ursache ist, dann müsste Ihre
Tochter bei Ihnen und Ihrer Frau erst noch mal richtig
"beziehungssatt" werden, anstatt Ihnen so schnell auf
die Nerven zu gehen. Wenn man Ihren Brief liest, liebe Eltern,
fällt dies als Erstes auf: Das Kind geht auf die Nerven. Aber
warum denn? Hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass Sie
als Eltern auch nicht mehr "die Jüngsten" waren und
sind (wieder vorausgesetzt, Ihre Tochter ist ein Einzelkind)?
Ich schlage Ihnen vor, dass Sie, lieber Herr G., abends, wenn Sie
heimkommen, regelmäßig mindestens eine halbe Stunde mit Ihrer
Tochter Spaß haben (überlegen Sie mit ihr zusammen, was Sie da
machen könnten, es ist völlig gleich was, Hauptsache die halbe
Stunde gehört ihr!). Und dass Sie, liebe Frau R., mit Ihrer
Tochter und einer Freundin, die sie einlädt, ebenfalls zusammen
Spaß haben (ca. eine Stunde täglich, mehrmals wöchentlich).
Nenen Sie es z.B. "Spiel- und Spaßstunde".
Lassen Sie dabei die Kinder wählen, was sie mit Ihnen spielen
wollen (warum nicht "Restaurant", wobei Ihre Tochter
dann wieder ausgiebig bedienen kann, solange die Freundin auch
mitspielt?). Sie können dann nach einer Weile auch zwei andere
Kinder dazu einladen, usw....
Viel Spaß dabei wünscht Ihnen und Ihrer hoffnungsvollen Tochter
Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt