Sehr geehrter Herr Schmidt,

unser Sohn, gerade 6 Jahre, ähnelt dem beschriebenen Kind im
Bericht "ängstliches Kind". Er ist von anfang an sehr ängstlich. Wir
hatten große Probleme bei der Einge-wöhnung im Kindergarten,
mittlerweile geht er aber gern und beteiligt sich im großen
und ganzen am Tagesbalauf. Nur wenn er gar zu sehr im
Mittelpunkt steht,zieht er sich zurück. Beispielsweise hat er sich
noch nie vom alljährlich kommenden Fotografen(in den Kiga)
fotografieren lassen. Ich weiß, dass davon nicht die
Glückseligkeit abhängt, aber es gibt viele Beispiele.
Arztbesuche/Friseurbesuche sind eine Qual.
Nun kommt unser Sohn dieses Jahr in die Schule und davor habe
ich richtig Angst.
Was mache ich, wenn er schreit und weint und einfach nicht
hingehen will? Die Schulprüfung war dementsprechend, er hat nur
geweint. Da wir in einem kleinem Dorf wohnen, wurde viel Gewicht
auf die Meinung der Kindergärtnerin gelegt,
die meint er wäre sehr intelligent. Was ich natürlich auch zu Hause
feststelle und gerade desahlb nicht verstehe, warum er soviel Angst
hat. Wir
(35/32 Jahre) haben noch eine Tochter die in 6.Klasse aufs
Gymnasium geht. Auch sie ist ein
ängstlichre Typ, aber bei weitem nicht so sehr.
Ihr Tipp zu dem oben erwähnten Bericht, das Kind in
einemSportklub anzumelden haben wir getestet. Wir sitzen jeweils
auf der Bank und schauen zu, kein zureden oder auch mal
strenges Wort helfen. 
Wie kann ich ihm und sicher auch mir(vielleicht in erster Linie)
helfen, aus dieser Angst heraus zu kommen.
Momentan denke ich, es ist das beste über die Angst nicht mehr
zu  sprechen/das Thema Schule ganz wegzulassen und auch
erstmal die Situationen,  die ihn ängstigen auszuklammern, weil
ich denke, dass die ANGST unser tägliches Leben sehr bestimmt.
Aber kommt dann das dicke Ende zum Schulanfang?
(Ich denke über den Einsatz von Bachblüten nach??)

Ich hoffe, Sie können sich ein Bild von uns machen

mit freundlichen Grüssen  A.

Nachtrag:
Hallo, Herr Schmidt,
nachdem ich die 1.E-Mail abgesendet habe, und über meine
Informationen nachgedacht habe, denke ich, dass sie nicht
ausreichend sind. In der Hoffnung, dass Sie nicht nachts die
Antworten geben, hier noch ein paar Informationen.
Erstmal zu unserer Familiensituation, wir sind seit 12Jahren
verheiratet, haben wie bereits erwähnt noch eine große 12jährige
Tochter. Vor einigen Jahren haben wir uns ein Haus gebaut, auf
dem Lande und leben eigentlich völlig harmonisch. Wir sind beide
berufstätig, sind aber am späten Nachmittag für die Kinder da.
Unser Sohn hat in letzter Zeit schwimmen, skifahren und radfahren
gelernt, zwar alles unter Tränen, aber wenn es dann klappt hat er
großen Spaß. Ich will damit sagen, dass er doch viele schwierige
Dinge kann, es aber nicht schafft, beispielsweise sich alleine eine
Kugel Eis zu kaufen. Sein bester Freund kann
"alles", ist selbstbewußt und bestimmt, wo es langgeht.
Unser Sohn ist im allgemeinen relativ sensibel(nur nicht seiner
Schwester gegenüber) hat tausend Plüschtiere, mit denen er
pausenlos redet und sie personifiziert.
Folgende Fragen beschäftigen mich:
Kann es sein, dass ich ihn durch die große Tochter zu "weiblich"
erziehe?
Kann es sein, dass ich bedingt durch die große Tochter, ihm als
6jährigen nicht gerecht werde, d.h. unbewußt zu viel verlange?
Oder aber verwöhne ich ihn zuviel, weil ich weiß, er ist der "Kleine"
und es wird kein weiteres Kind geben?

 Ich denke, das reicht jetzt
 viele Grüsse A.

Liebe Frau A.,
vielen Dank für die ausführliche Schilderung Ihrer Fragen. Es wirkt auch auf
mich so, als würde die Angst, die Überängstlichkeit, Ihre Kindererziehung
sehr stark prägen. Ich sehe Sie richtig vor mir, wie Sie beim Sportklub auf
der Bank sitzen und Ihren Sohn angespannt beobachten!
Machen Sie Schluss mit der Ängstlichkeit und werden Sie stattdessen
fordernder, strenger zu Ihrem Sohn. Sitzen Sie nicht mehr auf der Sportbank
und verunsichern ihn durch Ihre ängstliche Beobachtung. Lassen Sie ihn
allein turnen. Es reicht, wenn Sie ihn hinbringen und abholen und dann sich
unaufdringlich erzählen lassen, wie es war (so müssen Sie es ja auch machen,
wenn er in der Schule ist). Wenn er sich nicht traut, sich eine Kugel Eis zu
holen, bekommt er eben leider kein Eis! Wenn er schreit oder weint, wenn er
etwas soll, bleiben Sie freundlich, aber hart und unnachgiebig (diese
Kombination ist ganz wichtig: freundlich, aber konsequent gleichzeitig! Also
nicht schimpfen oder wütend oder jammernd werden, sondern freundlich aber
sehr konsequent bleiben!). Welche Rolle spielt denn sein Vater in der
Erziehung? Normalerweise machen das, was ich Ihnen empfehle, eher die Väter
so. Sie schreiben so, als seien Sie eine allein(v)erziehende Mutter, als
spiele der Vater keine Rolle. Vielleicht meinen Sie das, wenn Sie sich
fragen, ob Sie den Sohn zu "weiblich" erziehen.
Alles Gute, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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