Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.
Mein Sohn ist nun 5 Jahre alt und ich (24) denke ich kann behaupten das ich schon viel mit ihm durchgemacht habe.
Als er geboren wurde, haben die Ärzte eine Aortenklappenstenose bei ihm festgestellt, worauf sie ihn mir
nach 3 Tagen "wegnahmen" und in die Uniklinik Giessen brachten. Dort wurde er operiert (mit 4 Tagen,
Sprengung mit Ballon der Herzklappe). Ich folgte kurz darauf und nach 3 wochen durfte er dann endlich mit nach Hause.
Ein Jahr später wieder eine OP, eine angeblich sichere (Ross OP) wieder 4 Wochen Krankenhausaufenthalt. Die
nächste OP 1 1/2 Jahre später, es war 3 Monate vor seinem 3. Geburtstag, "Rückzug" der Ross OP, d.h. die
letztere OP mußte korrigiert werden, da sich der Zustand aller kleinen Patienten an denen sie durchgeführt wurde,
verschlechterte. Die Kinder waren nichts weiter als Versuchskanninchen. Auch diese OP ging schief, wegen eines
Wartungsfehlers der Herzkathetermaschine. Es kam während der OP Luft in die offene Stelle im Herz, diese wanderte
ins Gehirn, wo sie an 5 verschiedenen Stellen, die Zellen zerstörte. Es war die schlimmste Zeit für mich, ich mußte
zusehen wie mein Kind sich zurückentwickelte, wie er sich quälte und ich konnte nichts tun. Erfahren was passiert
ist habe ich erst später. Der zuständige Arzt sagte mir nur ständig das sein normal. Sicher, er erkannte mich
nichtmal wieder. Er erkannte keinen. Ich hatte das Gefühl einen Säugling vor mir zu haben, dabei konnte er vor
der OP sprechen,laufen und war trocken. Alles war weg. Seit dem veränderte sich alles. Er kann zwar laufen und alles andere
auch, aber es war schwer ihm alles wieder zu lernen. Seither ging er in eine integrative Kindertagesstätte, wo er
Therapien bekam da seine linke Seite, vor allem die linke Hand sehr eingeschränkt ist, sowie das Sprechen und
Gleichgewichthalten. Er hat sich aber bisher nicht weiterentwickelt als ein 3 jähriges Kind, was mir die
Kindergärtnerinnen bestätigten. Er ist bockig, läßt sich nichts sagen, hört nicht und zerstört alles was er in die
Hände bekommt. Letztes Jahr veränderte sich mein Leben nochmals. Endlich wurde festgestellt was ich für eine
Krankheit habe. Seit 4 Jahren habe ich mich von Arzt zu Arzt geschleppt und jeder sagte mir nur ich hätte
eine Magen Darm Verstimmung. Ohne Ende mußte ich Medizin schlucken die nicht half und wochenlang habe ich mit
Krämpfen und Durchfall flachgelegen. Bis ich im November wiedermal den Arzt wechselte und der mich zur Koloskopie
schickte, wo herauskam das ich an derselben Krankheit leide wie meine Mutter, Morbus Chron. Ich weiß nicht ob ihnen
diese Krankheit bekannt ist, aber seither bestimmt sie fast täglich mein Leben. Vor allem macht sie sich bemerkbar wenn
ich unter stress stehe, Ärger habe und mir Gedanken mache. Ich versuche nicht daran zu denken, habe es soweit auch
schon geschafft mich damit abzufinden. Aber Stress und andere negative Einflüsse die zum Ausbruch dieser füren kann
ich nicht abstellen. In den letzten Wochen hatte ich großen Ärger mit meinem Vater der gleichzeitig mein Vermieter war.
Es wurde wieder schlimmer, wieder lag ich flach und brach fast zusammen. Ich mußte wieder die Dosierung der
Cortisontabletten erhöhen welche auch starke Nebenwirkungen mit sich führen, wie Depressionen usw. Ich brach den Kontakt
zu meinem Vater ab, zog vor 4 wochen um, mit meinem Sohn, meinem Verlobten und einem Freund, um endlich ein neues
Leben zu beginnen und endlich was zu erreichen. Für meine Familie war und bin ich eh nur ein schwarzes Schaf, jemand der
weder gut in der Schule war noch etwas erreicht hat im Leben. Ich habe meinen Sohn bekommen als ich 18 war, okay das war
vielleicht zu früh, ich konnte mich aber mit dem Gedanken nicht abfinden ein Kind umzubringen. Ich habe somit auch keine
abgeschlossene Berufsausbildung. deshalb möchte ich auch endlich etwas erreichen in meinem Leben und mich selbstständig
machen. Auch wenn ich immer die Angst habe muß irgendwann durch diese Krankheit Invalid geschrieben zu werden, bin
ich fest entschlossen meinen Traum wahr zu machen. Mein Problem ist nur das ich nicht mehr weiter weiß was die
Erziehung meines Sohnes angeht. Mir wurde bestätigt das er vieles mit Absicht macht. Um mal einige Beispiele zu nennen:
Er weigert sich zu schlafen, er kämpft regelrecht gegen die Müdigkeit an, springt im Bett umher, spielt, schreit, zerstört
sein neues Zimmer. Fragt man ihn dann warum er das macht weiß er es nicht. Ich habe schon alles probiert immer und immer
wieder, es bringt nix. Läßt man ihn auch nur 1e sek. aus den Augen hat er schon wieder etwas angestellt. Er schmiert
Zahnpasta überall hin, ärgert die Katzen (hätte vor einiger Zeit der einen Katze fast das Bein gebrochen), nimmt alles
in Mund was rumsteht, wirklich alles, faßt alles an was er nicht anfassen soll, das ganze ist untelegt mit einem hinter-
hältigen Blick, eine Mischung aus frechem Grinsen und bösem Schauen. Er lügt mich an, wenn er ins Bett geht steht er
5 min später wieder da und sagt er muß mal auf Toilette, das gleiche wieder 10 min später und das zieht sich hin bis
teilweise nachts um 12.00 Uhr. Aber dafür ist er auch um spätestens 6.00 uhr wieder auf. Er hat dann den ganzen Tag
schlechte Laune, meckert rum, nervt und ist mit nichts zufrieden. Erst sagt er er möchte Kakao und dann lieber Saft,
nur um mal ein kleines Beispiel zu nennen. Das zieht sich über den ganzen Tag hin. Mittagsschlaf gibt es nicht, obwohl
man genau merkt das er total übermüdet ist. er sagt er wolle kein schönes Zimmer, macht alles kaputt.
Allein spielen will/kann er nicht, den ganzen Tag geht es Mama mama mama, ich will dies ich will das.
Wenn man dann was sagt fängt er an zu schreien, zu bocken und man bekommt Sachen an den Kopf
geworfen die einen umhauen. Wie, ich will dich nicht sehen, hau ab, du bist doof usw. Heute hatte er sich in einem kurzen
unbeaufsichtigtem Moment, die Kakaodose geschnappt und den Kakao überall verteilt wo es nur ging. Ich stellte ihn zur Rede
was das sollte, er sagte nichts, daraufhin brachte ich ihn in sein Zimmer und sagte ihm das er sich überlegen solle warum
er das getan hat, eine halbe stunde bekam ich keine Antwort, ich fragte ihn mehrmals bis er mir antwortete:"Weil ich Dich
nicht leiden kann". Das tat weh. Ich weiß nicht mehr was ich noch machen soll, was ist die richtige Erziehungsmethode,
gibt es überhaupt eine? Er hat stehts das Letzte Wort, hört nicht zu wenn ich ihm etwas erkläre. Ich habe schon viele
Leute gefragt was sie tun würden, wobei die Meinungen wie immer auseinandergehen. Im Kindergarten wurde mir geraten einen
Psychologen aufzusuchen, andere sagen wieder das solle ich besser nicht tun. Der eine sagt laß ihn machen ist nur eine
Phase, die anderen sagen konsequente strenge Erziehung. Ich weiß nicht was richtig ist und langsam habe ich das Gefühl das
es mir über den Kopf wächst. Ich bin nur noch ein nervliches Wrack und mittlerweile bringt mich jede Kleinigkeit auf die
Palme. Was ich dann auch ohne es zu wollen an anderen auslasse. Bitte helfen sie mir, ich weiß das das alles ziemlich viel
ist und sicher auch nicht leicht zu verstehen aber ich weiß nicht wie ich es sonst schreiben soll.
Was ich hier geschrieben habe ist noch nicht alles, allerdings könnte ich wohl auch gleich einen Roman schreiben um
Ihnen alles zu schildern oder ihnen mein Tagebuch schicken. Ich habe momentan auch leider nicht die Kraft dazu hier noch
mehr preiszugeben, denn ich denke mal das mich jetz schon kaum jemand versteht. aber ich mußte das einfach mal loswerden.
Trotzdem danke für Ihre Bemühungen.
 
Vielen Dank schonmal im Vorraus für ihre evtl. Hilfe.

Mit freundlichen Grüßen M.

Liebe M.,
vielen Dank für Ihren anschaulichen Brief. Ich glaube, es kommen zwei Dinge unglücklich zusammen: einmal die wirklich schlimme medizinische Vorgeschichte Ihres Sohnes, bei der Ihr Sohn und auch Sie viel Leid erleben mussten. Wahrscheinlich hat Ihr Sohn durch die skandalösen ärztlichen Fehler einen leichten zentralnervösen Schaden davongetragen, der ihn zu einem schwierigen und entwicklungsgestörten Kind gemacht hat. Sind Sie mit ihm in guter kinderpsychiatrischer Behandlung? Ein Kind wie Ihres braucht eine liebevoll-konsequente und starke Erziehungsperson, es braucht klare Regeln und teils recht strenge Disziplinierung. Nur eine "Phase" ist es sicher nicht bei Ihrem Sohn. Manchmal brauchen Kinder wie Ihr Sohn auch eine geeignete medikamentöse Begleitbehandlung (z.B. Ritalin oder Medikinet; fragen Sie das den erfahrenen Kinderarzt).
Zum Anderen kommt Ihre eigene Geschichte hinzu, und da sind Sie ja auch sehr belastet, nicht nur gesundheitlich, sondern auch in Ihren Familienbeziehungen (Streit mit dem Vater, mit 18 ein wohl nichteheliches Kind, keine Berufsausbildung...).
Ich glaube, das ist alles etwas zu viel für Sie. Sie können die Belastungen wohl nicht mehr alleine tragen. Sie brauchen konkrete alltägliche Entlastung. Ich empfehle Ihnen, zu Ihrem Jugendamt zu gehen, dort alles ausführlich einer Sozialarbeiterin zu erzählen und nach einer geeigneten Hilfe zu fragen. So wäre z.B. eine sozialpädagogische Familienhilfe sinnvoll: eine Fachkraft, die mehrmals wöchentlich zu Ihnen nach Hause kommt und Ihnen hilft, z.B. Ihnen den Sohn mal abnimmt, so dass Sie "frei" haben und sich auch einmal um sich selbst kümmern können. Oder eine Tagesmutter oder eine heilpädagogische Tagespflege für Ihren Sohn. Wenn er mit 6 in die Schule kommt, wird sich die Frage der geeigneten Schulform stellen. Die Regelschule ist dann vielleicht nicht geeignet für Ihren verhaltensgestörten Sohn. Vielleicht ist dann eine Förderschule oder eine heilpädagogische Einrichtung geeigneter. Sie sollten rechtzeitig zu einem Schulpsychologischen Dienst oder einer Erziehungsberatungsstelle gehen, um sich in diesen Fragen beraten zu lassen. Ihr Sohn muss dann testpsychologisch untersucht werden (das macht ihm Spaß), um seine Begabung bzw. Behinderung abschätzen zu können, damit er dann schulisch optimal gefördert werden kann.
Für Sie selbst ist ganz wichtig, dass Sie sich auch um Ihre eigene weitere persönliche Entwicklung und Lebensplanung kümmern. Machen Sie Ihre Berufsausbildung zu Ende, gehen Sie stundenweise arbeiten, kümmern Sie sich um Ihr eigenes Wohlbefinden. Aber dazu kommen Sie nur, wenn Sie sich bei Ihrem Sohn entlasten lassen und "Hilfstruppen" übers Jugendamt hinzu holen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt