Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen.
Es geht um meine älteste Tochter Sandra (15). Ich bin
alleinerziehender Vater, verwitwet. Sandra ist ein zierliches
Mädchen, vielleicht noch etwas kindlich.
Sie ist eine gute Schülerin, macht aber leider seit ein paar Wochen
Erziehungsschwierigkeiten.Da sie schon mehrere Male kurz hintereinander zu spät nach
Hause gekommen ist und zur Begründung pampige Antworten
gegeben hat, habe ich sie mit Hausarrest übers Wochenende
bestraft. Das war an einem Freitag. Nun wollte sie an diesem
Tage noch mit ihrer 18jährigen Freundin ins Kino gehen, was ich ihr
aber auch verboten haben. Sie weinte, schrie mich an: Ich hab kein
Bock auf Hausarrest!! Ich hab kein Bock zu gehorchen!! Ich geh trotzdem!! usw.
Bei dieser Auseinandersetzung bin ich eigentlich zuerst ganz ruhig
geblieben und ihr in ganz normalem Ton gesagt, dass sie
Hausarrest habe und zu Hause zu bleiben hätte. Darauf weinte sie
und schrie weiter: Du Arschgesicht, Wichser und
solche Wörter und wollte sich die Jacke anziehen, um ihre
Freundin abzuholen. Jetzt war auch mein Geduldsfaden gerissen, ich zog sie an den
Haaren, gab ihr zwei oder drei Ohrfeigen und brachte sie auf ihr
Zimmer. Ich habe an dem Tag nicht nochmal mit ihr gesprochen.
Am anderen Morgen war sie auch nicht ansprechbar. Sie war und
ist bis heute vollkommen apathisch, geht mit voller Bekleidung
unter die Dusche, sagt ständig zu mir: Du hast mich gehauen! und
verweigert die Nahrungsaufnahme. Manchmal randaliert sie in ihrem Zimmer, und wenn ich herein
komme, legt sie sich aufs Bett als sei nichts gewesen. Es kam
auch vor, daß sie auf einmal völlig unbekleidet vor mir stand.
Deshalb an Sie, Herr Schmidt, wozu können Sie mir raten? Einen
Arztbesuch lehnt Sandra ab. Sie redet nur mir ihrem 13jährigen Bruder.
Bitte helfen Sie mir. Danke
U.

Lieber Herr U.,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Seien Sie ehrlich zu sich selbst: Sind
Sie nicht zu weit gegangen bei Ihrer Tochter? Dass sie häufiger zu
spät gekommen ist, wird doch wohl Gründe haben, wenn es denn überhaupt
der Rede wert ist bei einem 15-jährigen Mädchen. Jedenfalls haben Sie
überreagiert. Statt das verständnisvolle Gespräch mit ihr zu suchen,
haben Sie es zu einer gewalttätigen Eskalation kommen lassen. Das wird
sie Ihnen nicht so leicht verzeihen, dass Sie sie geschlagen haben,
nur weil sie zu spät kam! Überhaupt wirken Sie zu kleinlich gegenüber
der Tochter. Einer 15-Jährigen noch mit Stubenarrest und Verboten zu
kommen, ist doch fast lächerlich. Ihre Tochter wird nun bald
erwachsen, und sie will von Ihnen partnerschaftlich, nicht autoritär,
behandelt werden.
Also, langer Rede kurzer Sinn: Entschuldigen Sie sich bei Ihrer
Tochter. Aber es muss wirklich von Herzen kommen. Ich weiss ja nicht,
ob es Ihnen leid tut. Wenn nicht, können Sie sich natürlich auch nicht
überzeugend entschuldigen. Dann wird sich auch nicht viel ändern an
der Beziehungsstörung zwischen Ihrer Tochter und Ihnen.
Ich hoffe natürlich, dass es Ihnen selber weh getan hat, sie so
schlecht zu behandeln. Dann machen Sie aus Ihrem Herzen auch keine
Mördergrube und versuchen Sie, sich zu versöhnen. Denken Sie aber
nicht, das das leicht sein wird und von heute auf morgen passiert!
Seien Sie großzügiger. Haben Sie Vertrauen in Ihre Tochter.
Ihr leicht vorwurfsvoller
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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