Sehr geehrter Herr Schmidt,

unser Sohn (6,5 Jahre) verweigert massiv seit ca. 1 Woche den
Schulbesuch. Die ersten 3 Schultage nach der Einschulung machte ihm
Spass
und keine offensichtlichen Probleme. Am 4. Tag wurde er in der Pause von
ihm bekannten Jungs aus der 2. Klasse so bedraengt, dass er verstoert
und weinend von einem anderen Kind in das Lehrerzimmer gebracht wurde.
An den folgenden Tagen entwickelte sich bei ihm eine solche Angst vor
der Pause, sodass er von uns (Mutter 39, Vater 42, Schwester 12) auf
bitten der Klassenlehrerin, (u.U. zu schnell) abgeholt wurde. Die
Situation wurden fast von Tag zu Tag schlimmer, trotz zeitweiliger,
wechselnder Anwesenheit (auf bitten der Lehrerin) von uns im Unterricht.
Auch die verschiedenen Tips (z.B. Mutkugel) der Familienpsychologischen
Beratungsstelle hier brachten keinen Erfolg. Am 30.8. soll ein Gespraech
mit dem Schulpsychologen, den Lehrern und uns stattfinden. Ich
befuerchte, aufgrund der unterschwelligen Andeutungen der Lehrkraefte,
dass das Ergebnis dieses Gespraeches schon fest steht: Man moechte
diesen "Fall moeglichst schnell vom Tisch bekommen", sprich "Ab in die
Vorschule". Ausserdem sei der zustaendige Schulpsychologe lt. Aussagen
von Lehrkraeften intellektuell und/oder terminlich deutlich
ueberfordert. Wir haben inzwischen ueberhaupt kein Problem mehr mit dem
Gedanken unseren Sohn in eine geeignete Vorklasse zu geben, wenn er
emotional ueberfordert ist, nur moechten wir ein moeglichst objektive
Beurteilung seiner Persoenlichkeit und keinen Schnellschuss aus
Bequemlichkeit der pensionsberechtigten Beamtenschaft. Unser Sohn ist,
glauben wir zumindest, durchaus faehig dem Unterricht zu folgen und zu
verstehen, da seine Motivation ( z. B. "Papa/Mama was heisst das da auf
dem Computer, ich will das auch lesen" = Texte bei Computerspielen
o.ae.), Feinmotorik und restliche Koerperbeherrschung, obwohl eher von
zierlichem Koerperbau, gut ist. Allerdings wissen wir auch, dass er
gewisse Problem bei der Trennung von uns, speziell meiner Frau, hat. So
ist er nicht in der Lage
alleine abends einzuschlafen oder bei den Grosseltern zu uebernachten,
obwohl er es wirklich moechte. Nur wenn es ans Einschlafen geht
verlaesst ihn der Mut und er beginnt trotz beruhigender Worte
jaemmerlich zu weinen und wir muessen ihn wieder abholen. Allerdings hat
er waehrend einer Kindergartenfreizeit und bei einer Freundin schon
auswaerts geschlafen (jeweils 1 mal). Nachdem es waehrend der ersten 2-3
Wochen im Kindergarten starke Trennungsprobleme gab, integrierte er sich
gut in die Gruppe und war dort akzeptiert und fuehlte sich
offensichtlich auch wohl (obwohl es ihm gegen Ende manchmal langweilig
war). Haben wir nicht oft genug "Trennung" geuebt??? Er ist durchaus
kein "braves" Kind und hat uns auch schon oft genug mit beeindruckenden
(Jaeh)-Zornsanfaellen ueberzogen, wenn er etwas nicht akzeptieren
wollte. Auch ist er in neuen Umgebungen, wenn erst einmal "warm
geworden", durchaus aufgeschlossen und aktiv (je nach Tageslaune). Von
unsere Tochter (12, beginnt langsam zu pubertieren) kennen wir diese
Probleme ueberhaupt nicht (sie ist aber auch eher zurueckhaltend) und
sie hatte das Glueck die Haelfte ihrer Grundschulzeit an unserem
frueheren Wohnort, eine mittleren Grossstadt, unter einfuehlsameren
paedagogischen Gegebenheiten zu verleben. Hier an der Grundschule an
unserem neuen Wohnort, einer mittelhessichen Kleinstadt, herrschen
offensichtlich noch andere Sitten (haetten wir uns im Vorfeld nur besser
informiert!). Wie koennen wir unserem Sohn aus seine Klemme aus Angst,
Wollen und wohl auch Machtspiel mit uns, ohne bleibende Schaeden zu
hinterlassen, heraus helfen? Wie bekommen wir ihn überhaupt dazu wieder
in die Schule zu gehen, ohne mit ihm Ringkämpfe zu veranstalten??
Viel Dank im Voraus
Sein sehr besorgter und sehr verstoerter Vater
P.S. Ich glaube unsere Ehe ist o.k., sowie unsere wohnliche wie
finanzielle Situation auch.

Hallo,
ich habe den gleichen Eindruck wie Sie: in der Schule Ihres Sohnes geht es offenbar nicht besonders pädagogisch-einfühlsam zu! Wenn Ihr Sohn Angst vor anderen Kindern in der Pause hat, solte doch einfach die Pausenaufsicht sich seiner etwas persönlich annehmen. Das könnte doch schon alles erleichtern. Wie sieht es aus mit der Pausenaufsicht? Hier wird in manchen Schulen nachlässig verfahren. Die Lehrer kümmern sich nicht, sondern machen selbst "Pause". Ich würde in einem Gespräch mit der Schule freundlich, aber bestimmt, darauf bestehen, dass die Pausenaufsicht sich etwas um Ihren Sohn kümmert, um ihm Sicherheit zu geben und ihm die Angst vor den möglicherweise rabiaten anderen Kindern zu nehmen, die sich manchmal sehr gern die etwas ängstlicheren Kinder herauspicken, um sie zu piesacken. Machen Sie und Ihre Frau andererseits dem Shn Mut, sich anderen Kindern entgegenzustellen, fall sie zu "frech" werden. Seien Sie nicht zu überängstlich, sondern "möbeln" ihn ruhig etwas auf, sich nichts gefallen zu lassen. Ihren Sohn wieder in die Vorschule zu geben halte ich für keine gute Idee, das wirft ihn nur wieder zurück, statt dass ihm von den Erwachsenen etwas geholfen wird, die Situation zu meistern.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

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