Sehr geehrter Herr Schmidt,  

bei meiner verzweifelten Suche nach Hilfe bin ich auch auf Ihre Seite gestoßen. Voller Hoffnung auf einen Ansatz einer Lösung für unser Problem, möchten ich Ihnen hier unsere Familiensituation schildern: Unsere Familie besteht aus meinem Mann (40), unserem Sohn (15), unseren beiden Töchtern (14 und 2) und mir (40). Wir leben in einem Einfamilienhaus mit reichlich Wohnraum. Es geht uns finanziell so gut, dass ich seit der Geburt unseres dritten Kindes nicht mehr arbeite. Unsere beiden älteren Kinder befinden sich in der Pubertät, so dass wir mit den alltäglichen Problemen, die während dieser Zeit auftreten zu "kämpfen" haben. Wir bemühen uns, dise Situationen so oft wie möglich mit Humor zu lösen. Allerdings legen wir auch Wert darauf, dass Regeln und Abmachungen eingehalten werden. Klappt das einmal nicht, erwachsen daraus logische, für die Kinder unangenehme Konsequenzen. Unser Sohn kommt mit dieser Art der Erziehung sehr gut zurecht. Das Zusammenleben mit ihm ist meistens ist sehr angenehm, das wird uns auch aus der Schule bestätigt. Auch unsere ältere Tochter hat sich mit unserer Erziehung eigentlich arrangiert, doch seit einiger Zeit kommt es immer wieder zu dramatischen Zwischenfällen.

Sie klaut sehr hohe Summen Geld, erzählt Lügengeschichten etc. Das krasseste Beispiel einer solchen Lügengeschichte hat sich vor ca. drei Monaten ereignet: Sie hat an einem uns bekannten Ort (bei Bekannten) 2500,--€ geklaut. Mit diesem Geld hat sie ohne unser Wissen eine große Party gefeiert bzw. finanziert. Sie hat sich neu eingekleidet, obwohl wir oft genug angeboten haben einmal mit ihr shoppen zu gehen. Sie hat Bekannten teure Geschenke gemacht. Das restliche Geld hat sie versucht in ihrem Zimmer zu deponieren, dabei wurde sie von ihrem Vater erwischt. Auf unsere Frage woher das Geld (1600,--€) käme, hat sie sich eine solch abenteuerliche Geschichte ausgedacht, das wir gezwungen waren zur Polizei zu gehen.Dort wurde ihre Aussage so ernst genommen, das man sogar das LKA einschaltete. Sie wurde mehrfach befragt, immer wieder vorgeladen. Ihre Aussage hatte sogar zur Folge das unbescholtenen Bekannte von ihr bei der Polizei vorgeladen wurden. Immer wieder haben wir mit ihr gesprochen, ihr Brücken geschlagen um aus dieser Misere herauszukommen. Doch sie blieb bei Ihrer Aussage. Erst als die Polizei nach intensiven Ermittlungen ihr nachweisen konnten, dass sie massiv gelogen hat, hat sie uns zu Hause erzählt, wo das Geld tatsächlich herkommt. Wir haben das Geld in ihrem Beisein zurückgebracht.

Sie musste anschließend ihre Reitbeteiligung beeenden, um ihren Teil zu dem finanziellen Schaden beizutragen. Schon damals hatten wir bereits einige Termine bei der Elternberatung hinter uns, da sie zuvor bereits ihre Grosseltern eine nicht geringe Summe gestohlen hatte. Jetzt ist es erneut zu einem Desaster gekommen. Unsere Tochter hat sich ohne unser Wissen ein Pferd gekauft. Uns hat sie erzählt, sie hätte das Pferd geschenkt bekommen und die Stallmiete sei auch schon für Jahre im voraus bezahlt. Natürlich hat uns das misstrauisch gemacht und unsere Nachforschungen haben dann leider ergeben, dass wir schon wieder belogen wurden. Sie hat für dieses Pferd 750,--€ bezahlt und hätte jeden Monat ca. 200,-- Stallmiete bezahlen müssen. Wir wissen nicht woher dieses Geld schon wieder kommt. Ihre Aussage, dass Geld noch vom letzten Diebstahl gehabt zu haben, ist absolut unglaubwürdig. Wir haben jetzt unsere termine bei der Erziehungsberatung vorverlegt, in zwei Wochen haben wir einen Termin bei einem Familientherapeuten.

Wir sind verzweifelt, wir lieben unsere Tochter und versuchen ihr immer wieder zu helfen. Doch sie erkennt unsere Bemühungen nicht. Sie wirft uns vor sie loswerden zu wollen, da sich nach der letzten Aktion das Jugensamt mit eingeschaltet hat. Was sollen wir tun ? Sie selber hat keine plausible Erklärung für ihr Verhalten. Unseren verdacht, dass es etwas mit unserem Nachzügler zu tun hat, weist sie weit von sich. Sie sagt, dass sie nicht widerstehen konnte, als sie die viele Geld gesehen hat. Das sie Lügengeschichten über ihr Leben erzählt, weist sie weit von sich. Die Anderen würden dieses Geschichten über sie verbreiten. Es tut uns in der Seele weh, zu sehen, wie sie sich immer tiefer reinreitet.

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Sie schildern die wirklich ziemlich drastischen Aktionen Ihrer Tochter auf eine Weise, dass man als Berater zunächst völlig ratlos reagiert: Das Familienleben so optimal, und dennoch dieses plakative Verhalten der Tochter: Wie kann das sein?

Aber: Sie verstecken Ihren Erziehungsstil elegant hinter folgenden Umschreibungen: "Allerdings legen wir auch Wert darauf, dass Regeln und Abmachungen eingehalten werden. Klappt das einmal nicht, erwachsen daraus logische, für die Kinder unangenehme Konsequenzen. Unser Sohn kommt mit dieser Art der Erziehung sehr gut zurecht. Das Zusammenleben mit ihm ist meistens ist sehr angenehm, das wird uns auch aus der Schule bestätigt. Auch unsere ältere Tochter hat sich mit unserer Erziehung eigentlich arrangiert..."

Ich vermute, Ihre Tochter protestiert auf drastische Weise gegen das, was Sie mit "dieser Art der Erziehung" andeuten. Könnte das sein? In Ihrer Familientherapie wird das sicher zur Sprache kommen. Ansonsten schreiben Sie mir einfach noch einmal und führen aus, was "diese Art der Erziehung" praktisch bedeutet, ja? Erst dann könnte ich das bis jetzt etwas skurril erscheinende Verhalten Ihrer pubertierenden Tochter wahrscheinlich deuten.

Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt