Hallo Hr.Schmidt
Wir haben mit unserer Tochter 11 Jahre ein Einschlafproblem.

sie geht meistens gegen 20.30 Uhr ins Bett,um dann noch ein wenig zu lesen
und dann macht sie das Licht aus.Es ist ihr eigener Wunsch das Licht so früh
aus zu machen,da sie große Panik davor am nächsten Tag nicht ausgeschlafen zu
sein.Sie muss morgens um 6.00 Uhr auf stehen.Sie braucht fast jeden Abend
mindestens 2 Std. um einzuschlafen.Die Angst davor nicht einschlafen zu
können ist bei Ihr schon fast eine Phobie.Sie hält sich peinlich genau an
die Uhrzeit und wird wahnsinnig wenn es bedingt durch Freizeit mal etwas
später wird.sie kommt jeden Abend bis zu 4x aus ihrem Zimmer und wird dabei
immer verzweifelter,denn wir können ihr auch nicht so helfen.Angebote wie zum
Beispiel Entspannung probiert sie aus,aber hält sich nicht dran mit dem
Argument"das hilft ja doch nichts "

Im letzten Jahr ist sie aufs Gymnasium gewechselt und hat jetzt einen weiten
Schulweg und eigentlich keine Freunde mehr mit denen sie am Nachmittag etwas
unternehmen kann.sie ist also jeden Mittag zuhause und möchte sich nicht
einem Vereinen oder ähnlichem anschliessen mit der Begründung " ich möchte
Zeit zum Spielen haben oder Allein geh ich da nicht hin"
Es ist ein schrecklicher Kreislauf und ich fühle mich nicht in der Lage ein
Lösung für dieses Problem zu finden.
Sie ist sonst immer unproblematisch gewesen.Man merkt aber zunehmend dass sie
sich separiert und  in ihre Höhle verkriecht, aber ich weiß nicht warum?
Vielleicht können sie mir weiterhelfen.
Freue mich auf Antwort.
T.

Liebe T. (ich gehe mal davon aus, dass Sie die Mutter sind; wenn nicht, fühlen Sie sich bitte als Vater ebenso angesprochen),

vielen Dank für Ihren Brief! Sie haben recht, Ihre kleine Tochter scheint sich selbst etwas zu überfordern. Sicher nimmt sie den Wechsel aufs Gymnasium sehr ernst (ist sie die Einzige in der Familie, die das Gymnasium besucht? Kinder im Gymnasium, deren Eltern nicht auf dem Gymnasium waren, fühlen sich manchmal einem besonderen Erwartungsdruck ihrer ängstlich-besorgten Eltern ausgesetzt und haben stärkere Angst, die Eltern zu enttäuschen).

Sie sollten Ihrer Tochter zunächst einmal erklären, dass sich kein Mensch zwingen kann, müde zu sein. Das tut sie aber dauernd und ist dann natürlich verzweifelt, weil es eben nicht funktionieren kann. Jeder Mensch schläft nur dann ein, wenn er müde ist, nicht, wenn er willentlich einschlafen soll, ohne müde zu sein. Also: Aufhören, sich nach der Uhrzeit zum Einschlafen zwingen zu wollen! Das klappt nicht und macht total nervös, weil man ja am nächsten Tag fit sein will. Beschließen Sie deshalb einvernehmlich mit Ihrer Tochter, dass sie ab sofort nur noch dann einschlafen will, wenn sie sich wirklich müde fühlt, nicht, weil es soundso spät ist. Sie soll ganz ehrlich sagen, ob sie sich wirklich müde fühlt oder noch nicht. Wenn sie sich noch nicht müde genug fühlt, soll sie nicht versuchen, einzuschlafen. Dann soll sie geradezu versuchen, möglichst lange wach zu bleiben. Das klingt paradox, aber es ist die beste Methode, müde zu werden. Es geht nicht darum, dass sie müde sein will, sondern darum, dass sie sich echt müde fühlt. Entweder bleibt sie deshalb abends so lange ganz gemütlich bei Ihnen im Wohnzimmer, bis sie sich echt müde fühlt (auch wenn es 12 Uhr wird!), oder sie sitzen neben ihr im Kinderzimmer am Bett, lesen ihr ein Buch in Fortsetzungen jeden Abend vor, bis ihr fast die Augen zufallen. Das müssen sie einige Wochen durchhalten, bis Ihre Tochter auf diese Weise gelernt hat, dass sie ganz von selbst irgendwann so müde wird, selig einzuschlafen und am nächsten Tag fit zu sein. Allein und mit innerem Zwang kann sie das nicht schaffen. Sie verkrampft sich nur, isoliert sich, und so kann kein Mensch einschlafen.

Alles Gute und eine entspannte Nachtruhe wünscht Ihrer Tochter und Ihnen Ihr

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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