| Hallo Herr
Schmidt, ich habe ein Problem und weiß nicht mehr wie ich mich verhalten soll. Ich habe meine Frau mit 17 kennen gelernt, sie war damals 15 Jahre alt.1978 haben wir geheiratet und 1980 unseren ersten Sohn bekommen. Im gleichen Jahr haben wir gebaut und haben dort zwei Jahre später unseren 2. Sohn bekommen. Unser gemeinsames Leben war in der ersten Zeit recht schwierig. Zunächst war da ihr Vater der mich nicht akzeptierte und das auch heute nur gezwungenermaßen macht. Und nach dem Hausbau kamen massive finanzielle Probleme dazu. Wir hatten uns einfach total übernommen. Trotz dieser Schwierigkeiten hat es nie Streit zwischen uns gegeben abgesehen von wirklichen Kleinigkeiten. Das waren auch weniger Streitereien sondern ich würde es eher als darüber reden und eine gemeinsame Lösung finden bezeichnen. Glücklicherweise habe ich damals meinen Job gewechselt und inzwischen eine recht erfolgreiche Laufbahn hinter mir. Als die Kinder so 5 bis 6 Jahre alt waren ging es uns finanziell recht passabel. Es war eine sehr schöne Zeit die wir dann erlebten, wir beide hatten uns, hatten 2 Kinder mit denen wir zufrieden sein konnten, konnten jedes Jahr in Urlaub fahren, waren also eine glückliche Familie wie man sie sich eine so vorstellt ( das war jedenfalls mein Gefühl). Die Kinder wurden älter, gingen mehr ihre eigenen Wege und meine Frau und ich nutzten dies und gingen verstärkt unseren Interessen nach. Wir machten regelmäßig Radtouren und begannen vor 5 Jahren mit dem Tanzen was wir auch bis heute noch beibehalten haben. Daneben habe ich noch das Fliegenfischen als Hobby und Renate zwei Frauengruppen mit denen sie sich regelmässig trifft (Kegelverein u. Kniffelverein) und mit denen sie ein- oder zweimal im Jahr auf Kegeltour fährt. Man sollte also meinen eine recht ausgewogene gemeinsame aber auch individuelle Interessenverteilung. Das war soweit die Schilderung unseres Werdegangs, aber nun kommt unser Problem. Seit 5/6 Jahren geht es mit unserer Ehe bergab, zunächst eher schleichend, auch mal wieder mit Besserungen, aber seit den letzten Wochen im freien Fall. In der ersten Zeit fielen so "Kleinigkeiten" auf wie dass der Gute-Nacht-Kuss nicht mehr so regelmässig war, beim Spazierengehen das "Händchenhalten" wegfiel , sie sich öfter mit ihren Frauengruppen traf. Es ist mir zunächst alles gar nicht so aufgefallen, jedoch heute, im nachhinein bemerke ich doch, dass es mir auch damals nicht gefiel, aber ich habe es wohl verdrängt oder einfach nicht bemerken wollen. Jedenfalls haben wir uns nach und nach regelrecht auseinander gelebt. Ich hatte letztendlich das Gefühl, dass ihre Frauenclubs für sie wichtiger waren als ich. Wenn sie oder auch wir beide mit ihnen zusammen waren blühte sie regelrecht auf war lustig und ausgelassen, allerdings kam es dann auch vor dass sie mir meine Fehler vorwarf und das in einer für mich immer unschöner werdenden Art und Weise. In der Gesellschaft von fast nur geschiedenen bzw. getrennt lebenden Frauen hatte ich keine Chance mich irgendwie zu rechtfertigen. Also zog ich mich mehr und mehr von solchen Treffen zurück. Zudem baute sich ein regelrechter Hass gegen diese Gruppen bei mir auf. Gar nicht gegen einzelne Personen, ich verstehe mich eigentlich mit allen noch recht gut, jedoch wenn sie als Gruppe auftreten. Gingen wir beide alleine raus bekam ich das Gefühl als würde sie nur mitkommen weil ich sie gezwungen hätte. In den letzten Wochen, nach meinem Fischerurlaub Ende Mai wurde es dann ganz extrem. Wenn ich nach Hause kam ging sie, entweder traf sie sich mit einer ihrer Freundinnen, oder Arbeitskollegen oder fuhr alleine zum shoppen, auf jeden Fall ging sie mir aus dem Weg, das war nicht mehr zu übersehen. Auch unser sexuelles Zusammenleben ist im gleichen Masse bergab gegangen. Anfänglich hab ich es damit abgetan, dass Frauen eben nicht so oft möchten wie Männer, nach und nach schlief Ihre Initiative jedoch ganz ein. Wenn wir zusammen schliefen war es nur noch aufgrund meines Wollens. Bis gestern konnte ich Renate auch noch immer dazu bewegen dass sie Spass dabei hatte. Ich, und sie ebenso glauben auch nicht, dass darin irgendein Problem liegt, sie sagt auch heute noch ich sei ein fantastischer Liebhaber. Aber ich fühlte mich mehr und mehr schlechter und wurde dass Gefühl nicht mehr los, dass es eben nur noch Sex ist und mit Liebe und Zuneigung immer weniger zu tun hat. Gestern Abend nun wehrte sie ab. Und auf meine Frage Warum war Ihre Antwort, weiss ich nicht. Jedenfalls war es wohl bei mir der Tropfen, der zum Überlaufen noch fehlte. Ich fragte sie ob wir nicht über eine Trennung nachdenken sollten. Das schlimme ist, ich will es gar nicht. Aber es kam auf diese Art endlich mal ein Gespräch über unsere Probleme zustande. Sie sagte mir , dass sie sich trennen wolle, noch nicht endgültig, sondern um sich selbst zu finden und festzustellen ob sie mich noch liebt, momentan wisse sie es nicht mehr. Als Gründe führte sie meinen Alkoholkonsum aber auch die Tatsache an, dass sie noch nie in ihrem Leben für sich selbst entscheiden konnte. Mit dem Alkohol hat sie vollkommen recht. Bis vor einem Jahr waren 6 bis 7 Flaschen Bier mehrmalsl in der Woche keine Seltenheit bei mir. Seit letzten Herbst hab ich dieses dann jedoch auf max. 2 eingeschränkt. Auch den zweiten Grund kann ich verstehen, mein Schwiegervater wie auch meine Mutter versuchen sich oft in unsere Ehe einzumischen und ihr ein schlechtes Gewissen einzureden, ob es nun um ihr Verhalten als Mutter oder auch Ehefrau geht. Ich bin der Meinung ich habe sie nicht versucht zu bevormunden, es kann jedoch sein, dass ich es unbewusst doch tue. Nach diesem 4stündigen Gespräch und nachdem wir uns weinend in den Armen gelegen haben hab ich sie gebeten nicht auszuziehen, da ich die Befürchtung habe, dass wir dann nie wieder zusammen kommen werden und die Trennung dann irgendwann endgültig ist. Ich habe ihr den Vorschlag gemacht zwar zusammen zu wohnen jedoch jeden seinen eigenen Weg gehen zu lassen und unseren geplanten gemeinsamen Urlaub getrennt an verschiedenen Orten zu verbringen um mal ein wenig Abstand zu gewinnen. Aber was wird aus dieser Situation ? Leben wir uns nicht noch mehr auseinander . Ich habe einfach Angst um unsere Ehe, denn ich liebe meine Frau nach wie vor und will sie auf keinen Fall verlieren, aber wie soll ich mich verhalten? Soll ich wirklich meinen eigenen Weg gehen und sie den Ihren oder soll ich mich vielleicht doch wieder mehr um sie bemühen und sie damit vielleicht wieder einengen? Es wäre schön wenn Sie mir bei dieser Entscheidung helfen könnten. Ich stehe wahrscheinlich vor der Entscheidung meines/unseres Lebens und weis nicht was ich machen soll. Viele Grüsse Willi |
Lieber Willi,
vielen Dank für die ausführliche und differenzierte Schilderung
Ihrer
Ehesituation! Sie und Ihre Frau befinden sich in einer
familiären
Entwicklungsphase, in der es sehr oft zu den von Ihnen
beschriebenen
Neuorientierungen und Verunsicherungen kommt. Die Kinder sind
erwachsen und
verlassen langsam die Famile, das Ehepaar bleibt allein zurück
und muss sich
neu orientieren. Dies ist oft die Zeit, in der eine
Zwischenbilanz des
Lebens gezogen wird, in der überlegt wird, wie die Zukunft
aussehen soll, in
der man nochmal zu neuen Ufern aufbrechen möchte, bevor man
"alt" geworden
ist. Manchmal hat das den Charakter einer Torschlusspanik. Man
hat viele
Jahre für den Partner und die Kinder gelebt, nun möchte man
noch einmal an
sich selbst denken und bekommt Angst, etwas versäumt zu haben.
Bei Ihnen
beiden wird dies wohl noch dadurch verstärkt, dass Sie sich sehr
jung
aneinander gebunden haben und beide füreinander wahrscheinlich
die einzigen
Liebespartner im Leben bisher waren.
Wenn Sie dies alles vor dem Hintergrund Ihrer bisherigen Ehe
einkalkulieren,
müssen Sie sich aus meiner Sicht der Dinge nicht allzu große
Sorgen um Ihre
Ehe machen. Es ist in keiner Weise alles zu Ende mit Ihnen
beiden! So, wie
Sie alles beschreiben, erlebe ich Sie als einen feinfühligen und
guten
Ehemann und Lebens- (und Liebes)partner. Sie haben Ihrer Frau
deutlich
gezeigt, dass Sie sie lieben und nicht verlieren wollen. Das
weiss sie mit
Sicherheit. Aber sie braucht nun wahrscheinlich eine Zeit der
Freiheit und
Selbstfindung, wie sie ja selbst zum Ausdruck brachte. Und Sie
sollten dafür
Verständnis haben, ohne befürchten zu müssen, dass sie Sie
wirklich
verlässt.
Nach so vielen erfolgreichen Ehejahren, die Sie beide mit Ihren
Söhnen
gemeistert haben, nach so manchen Schwierigkeiten (z.B. Ihr
Schwiegervater!), die Sie gemeinsam überwunden haben, und
nachdem Sie zwei
Söhne groß gezogen haben, braucht Ihre Frau für ihre
Persönlichkeitsentwicklung eine Zeit der "langen
Leine", eine gewisse
Auszeit von der Ehe. Sie wird die Beziehung zu Ihnen nicht
leichtfertig
aufgeben, davon bin ich eigentlich überzeugt. Je mehr liebevolle
Geduld und
Vertrauen Sie jetzt in Ihre Frau setzen, je weniger Sie sie jetzt
bedrängen
und je mehr und je unaufdringlicher Sie ihr jetzt zeigen, dass
Sie sie
lieben, um so sicherer wird es sein, dass Sie sich beide auf
einer neuen
Basis wiederfinden werden.
Das wünscht Ihnen und Ihrer Frau sehr
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt