| Hallo, Lange habe ich im Internet gesucht und bin nun endlich fündig geworden. Ich finde es klasse, dass Sie diese Beratung kostenlos durchführen, bin gern bereit, diesen Text dafür anonym veröffentlichen zu lassen. Meine (Ex)Freundin ist der Meinung, dass unsere Belange keinen etwas angehen. Leider weiß ich nicht mehr weiter, brauche Hilfe. Deshalb vertraue ich auf Ihre Schweigepflicht und auf die versprochene Anonymität. Ich habe meine Freundin (die ich hier einmal als K. bezeichnen möchte) im Oktober letzten Jahres kennengelernt. Bei mir hat es irgendwie sofort gefunkt, bei ihr hat es dann doch eher länger gedauert. Sie hatte starke Probleme, sich zu öffnen, zu vertrauen. Also mußte ich sehr geduldig sein und ihr meine Verliebtheit sehr langsam zeigen. Überwindung hat es mich komischerweise nie gekostet, obwohl ich eher ein schüchterner Mensch bin. Erst etwa im März waren K. und ich endlich zusammen. Von da an begann für mich der Traum von einem Leben. Ich war glücklich und konnte diese Zeit nicht genug auskosten. Wir schrieben uns gegenseitig Liebesbriefe, dachten uns viele kleine Liebesbeweise aus. Manchmal schlichen sich kleine Probleme ein, die wir aber soweit in Gesprächen in den Griff bekamen. Schließlich gehören ja Meinungsverschiedenheiten dazu. Auch konnte ich sie stets so akzeptieren, wie sie ist, auch wenn mich sicher maches gestört hat. Im großen und ganzen hatten wir also eine traumhafte Zeit. Übrigens verstand ich mich auch mit ihren Eltern gut, sie vertrug sich sehr gut mit meinen. Auch sexuell lief es sehr gut (obwohl sie auch hier sehr lange brauchte, sich zu öffnen). Im Sommer machten wir dann eine kleine Städtereise über zwei Tage ins Ausland. Es war wieder sehr schön mit ihr, auch wenn es wieder einmal kriselte. Nichts ernstes. Als wir wieder zu Hause waren fuhr sie zu ihren Eltern. Ich werde unser nächstes Telefongespräch niemals in meinem Leben vergessen: Plötzlich sagte sie, sie überlege gerade, ob es denn noch so mit uns weitergehen könne, ob wir nicht zu verschieden wären. Ich muß dazu sagen, dass wir sehr wohl Gemeinsamkeiten haben, auch wenn ich finde, dass gerade die Unterschiede eine Beziehung bereichern. Sie hatte schon fast über meinen Kopf hinweg entschieden und ließ sich nur mit viel Bitten davon überzeugen, dass wir noch einmal persönlich miteinander reden. Das Gespräch verlief nicht besonders glücklich. Sie hatte schon ihren Entschluss gefasst, ohne mich mit einzukalkulieren. Schließlich konnte ich sie noch überreden, noch einmal darüber nachzudenken, mehr war nicht möglich. Dann machte ich einen großen Fehler. Ich verlor die Geduld. Ich rief sie schon am nächsten Tag an (ich wollte ihr ursprünglich mehrere Wochen Zeit geben) und verlor zu allem Überfluss auch noch die Fassung, sah rot, schrie sie an, warf ihr viel an den Kopf. Das gab ihr den natürlich den Rest und sie entschied sich entgültig gegen mich. Ich fiel in das berühmte bodenlose Loch. Ich konnte nichts mehr essen, spielte ein paarmal mit dem Gedanken an Selbstmord, den ich aber gleich wieder verwarf, weil ich immernoch ein wenig Hoffnung hatte, dass alles wieder gut werde. K. erzählte mir von ähnlichem Verhalten und sagte mir, dass sie mich immernoch liebe - genau das verlieh mir eben diese Hoffnung. Sie sagt das heute noch zu mir. Und noch etwas: immer, wenn in unserer Beziehung Probleme auftauchten, die sie nicht in der Lage war, zu bewältigen (auch wenn ich ihr 100mal bestätigte, dass das für mich nichts Schlimmes war), fing sie an, sich zu schneiden, zu verletzen, zumeist an den Armen oder Beinen, zweimal auch im Gesicht. Das quälte mich schon in unserer Beziehung, da ich um sie große Angst hatte, Angst, dass sie sich irgendwann noch schlimmeres antun könnte. Auch sie störte es, dass sie so etwas tat, fand sich aber damit ab, weil sie meinte, dass sie es nicht ändern könne. Nach der Trennung schnitt sie sich dann ziemlich oft, jetzt scheint es langsam aufzuhören. Im folgenden kam ich mir fast so vor wie ihr persönlicher Psychologe. In zahllosen langen Telefongesprächen und vielen gemeinsamen Abenden erzählte sie mir ein paar Einzelheiten aus ihrer Kindheit oder sie gab mir einen Tipp und ließ mich dann recherchieren. Auch berichtete sie mir (endlich) über ihre Beweggründe (erst vorgestern kamen wieder ein paar neue dazu). Sie zählte mir die Dinge auf, die sie an mir nicht akzeptieren konnte und deshalb dachte, dass wir einfach zu verschieden sind. Es waren Dinge, die sie entweder nur noch nicht mit mir erlebt hat oder berechtigte Dinge, die ich auch selbst erkannt und schon selbst begonnen hatte, sie zu verändern. Sie sagte mir, dass sie Schluss gemacht hatte, weil sie Angst davor hat, dass ich sie wegen eines unserer Probleme irgendwann verlassen könnte. "Und dann trenne ich mich lieber jetzt, bevor es noch zu spät dafür ist." Ich habe das als Bindungs- bzw. Trennungsangst diagnostiziert, liege ich da richtig? Andererseits sagte sie mir letzens, sie wäre gegangen, weil sie meinte, mich nicht genug zu lieben, mich nicht so "wie ich sie liebe" zu lieben. Sie meinte damit, dass ich inzwischen bereit war, alles zu akzeptieren (und das tue ich heute noch) und sie eben nicht in der Lage war, meine Macken und Tücken zu akzeptieren, "sie mich nicht verbiegen wollte". Momentan sagt sie, sie hätte sich damit abgefunden, was mich sehr schmerzt. Sie schlug mir Freundschaft vor, die ich ihr natürlich nicht abschlagen konnte, da ich es nicht ertragen kann, sie gar nicht mehr zu sehen (auch wenn dies eigentlich nicht möglich ist, da wir geschäftlich viel miteinander zu tun haben). Selbst in den noch relativ kurzen Abständen zwischen unseren Treffen empfinde ich eine tiefe Sehnsucht. Ich liebe sie immernoch von ganzem Herzen, bin einfach nicht in der Lage, loszulassen. Ich träume immernoch von ihr, kann manchmal überhaupt nichts tun, einfach nur daliegen, nachdenken, nichtsmachen. Wiederum mache ich mich genau damit besonders fertig, denn so kann ich auch besonders gut über meine Lage nachdenken. Ich finde keine Ablenkung in meiner Arbeit oder beim Weggehen mit Freunden, sie ist einfach immer da. Ich kann es immernoch nicht begreifen und verhalte mich auch dementsprechend ihr gegenüber. Und obwohl sie mir gesagt hat, dass sie sich damit abgefunden hat und mich zwar immernoch liebt, es aber eine andere Liebe sei - die Liebe unter Freunden, verhält sie sich noch so, als wäre sie in einer Beziehung. Andere sind für sie erst einmal passé, sie berührt mich immernoch voller Liebe, umarmt mich, wie sich nie Freunde umarmen würden oder küsst mich (zwar nicht auf den Mund, aber dafür auf meines Erachtens viel intimere Bereiche). Wenn sie betrunken ist, geht sie am liebsten Arm in Arm mit mir. Und ich weiß nicht so richtig, was ich tun soll. Durch ihr Verhalten hege ich immernoch ein Fünkchen Hoffnung. Gleichzeitig quält sie mich damit. Wenn ich allein bin, bin ich seelisch tief unten, wenn wir uns treffen erlebe ich ungeahnte Höhenflüge - zumindest bis zudem Augenblick, in dem wir wieder einmal über unsere (nein, korrigiere) meine Gefühle sprechen. Hören will sie das nicht, es schmerzt sie, kann nicht ertragen, was ich zu sagen habe, obwohl ich eigentlich nur verstehen will. Also muss ich mich jetzt auch noch verstellen, muss ich so tun, als wäre ich wirklich nur ein Freund?? Andererseits führen solche Gespräche meist dazu, dass sie sich (endlich) zu öffnen beginnt, mir mal wirklich offen erzählt, was sie belastet. Und da bin ich wohl der Einzige, der das geschafft hat, denn nicht einmal ihren Eltern kann sie so richtig vertrauen. Momentan hat sie nicht gerade viel Selbstvertrauen, sagt von sich, dass sie schlecht sei, ihr ganzes Umfeld nur verletzen kann, beruflich schlecht abschneidet, macht ihr Können richtig nieder. Dann habe ich die Chance, sie wenigstens ein Stückchen aufzubauen - und fühle mich glücklich, ihr geholfen zu haben. Mein eigentliches Problem ist es, loszulassen. Ich weiß einfach nicht wie. In einem Moment in unserer Beziehung habe ich erkannt, dass sie genau die Richtige für mich ist, dass ich mir keine andere Frau vorstellen kann. Das kam aus heiterem Himmel und will einfach nicht wieder weggehen. Moralisch denke ich, werde ich nie in der Lage sein, eine Beziehung mit jemand anderen einzugehen, würde mich immer so fühlen, als betrüge ich K. Ich weiß, dass man immer sagt: "Das geht vorbei, irgendwann" - und so lang sind wir ja noch nicht auseinander. Aber ich hatte nach Beziehungen vor K. immer das Gefühl, dass es vorbei geht, auch wenn mir der Verstand momentan etwas anderes vorgaukelte. Leider habe ich dieses Gefühl dieses Mal nicht. Bin ich von ihr abhängig geworden? Die andere Frage wäre, ob es nicht in irgend einer Form eine Möglichkeit gibt, wieder zu ihr und sie zu mir zu finden. Sofern ich nicht dafür etwas aufgeben muss, das ich nicht kann, würde ich alles tun - auch zwanzig Jahre warten (so naiv das klingt und so schmerzlich das wird). Oder vielleicht kann ich ihr wenigstens helfen, dass sie mit einem anderen Partner nicht die gleichen Probleme bekommt, dass sie wenigstens mit ihm glücklich werden kann. Zu guter Letzt noch die sicherlich für Sie etwas schockierenden Zahlen: K. ist 22 Jahre alt, ich bin 24. Wir kennen uns jetzt ein knappes Jahr, waren ziemlich genau ein halbes Jahr zusammen und sind jetzt etwa einen Monat voneinander getrennt. Es muß für Sie ziemlich lächerlich klingen, zumal wir Dinge durchgemacht haben, wie ich finde, die Paare in fünf oder zehn Jahren vielleicht durchmachen. Das war jetzt sehr ausführlich, obwohl ich immernoch längst nicht alles relevante untergebracht habe. Ich hoffe, Sie haben die Mail trotzdem gelesen und können mir einige Tipps geben. Ich stehe Ihnen natürlich auch noch gern zur Verfügung, sollte etwas unklar sein oder Sie mehr Informationen brauchen. Ich danke Ihnen im Vorraus und hoffe auf Ihre Hilfe. Mit freundlichen Grüßen M |
Lieber M.,
vielen Dank für Ihren schönen Brief! Er handelt von den beiden
Königskindern, die nicht zueinander fanden, denn das Wasser war
viel zu tief...
Aber zurück zur Wirklichkeit: Ich glaube, Ihre geheimnisvolle
Freundin hat ein seelisches Beziehungsproblem, das in ihrer
Familie oder Kindheit wurzelt. Das schließe ich aus dem
"Schneiden", was meistens ein ernstes seelischs Problem
ausdrückt, und daraus, dass ihr der enge Kontakt mit Ihnen Angst
macht und sie deshalb auf "freundschaftliche" Distanz
zu Ihnen gehen muss. So bitter es für Sie sein mag: Sie müssen
sich mittelfristig entscheiden, ob Sie der einfühlsame
Psychologe oder der ernsthafte und alltagstaugliche Partner für
Ihre Freundin sein möchten. Ich kann gut verstehen, dass die
geheimnisvoll zögernde und zurückhaltende Art Ihrer Freundin
für Sie (und für viele Männer) einen besonderen Anreiz
darstellt, sie zu erobern und zu gewinnen. Eine Frau zu gewinnen,
die scheu und gehemmt ist, verschafft dem Mann ein besonderes
Erfolgserlebnis und verspricht ihm eine besonders treue und
unkomplizierte Frau. So gut, so romantisch. Aber bei Ihrer
Freundin kommt wohl leider ein tiefersitzendes seelisches
Beziehungsproblem hinzu.
Das sollten Sie
einfach ganz klar wissen. Wenn Sie dies wissen, hilft es Ihnen,
die Eigenarten Ihrer Freundin einzuordnen. Mit Ihnen hat alles
dann jeweils gar nicht viel zu tun. Einfühlsame Männer wie Sie
sind für solch gehemmte und etwas verstörte Frauen ja wie ein
Geschenk des Himmels, machen aber natürlich erst einmal
besonders Beziehungs-Angst. Wie Sie sich dann mittelfristig
orientieren, bleibt allein Ihnen überlassen. Ob Sie 20 Jahre
warten oder ob Sie morgen schon Schluss machen, das entscheiden
Sie ganz allein. Vielleicht können Sie Ihre Freundin überreden,
eine Psychotherapie zu machen? Das könnte ihr dabei helfen, ihre
frühkindlichen seelischen Verletzungen zu überwinden.
Alles Gute, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt