Sehr geehrter Herr Schmidt,
wir haben ein kleines Problem mit unserer Tochter, die jetzt 10
Jahre alt ist und offensichtlich anfängt, zu pubertieren. Sie
ist
körperlich sehr weit entwickelt und dazu etwas korpulent. Sie
war
schon bisher erheblich schwieriger zu nehmen, als mein Sohn, der
jetzt 16 Jahre alt ist. Nun leidet sie unter erheblichen und für
die
gesamte Familie sehr belastenden Stimmungsschwankungen, von
Minute zu Minute. Wenn ich mit ihr spreche habe ich den
Eindruck, dass sie mir gar nicht zuhört. Sie verabredet sich
nicht
mit Freundinnen und schickt Mädchen, die mit ihr
spielen wollen, weg. Auf der anderen Seite erwartet sie von uns,
dass wir sie "unterhalten". Sie nörgelt und jammert
viel. Außerdem
stört sie ihr langsam sich entwickelnder Busen.
Manchmal gehen mir dabei schon die Nerven durch. Ich weiß
teilweise nicht, wie ich reagieren soll. Mir ist schon klar, dass
sie
sich in einer schwierigen Phase ihres Lebens befindet und wir
sprechen auch darüber. Ihr Verhalten ist allerdings für mich
äußerst schwer zu akzeptieren, da ich Angst habe, den Kontakt
zu
ihr zu verlieren.
Für Hilfe wäre ich sehr dankbar.
Liebe Frau,
Ihre Tochter scheint durch die
hereinbrechende hormonelle körperliche Veränderung sehr
verunsichert und unglücklich zu sein. Es kommt ja auch recht
früh (obwohl körperlich nicht unnormal früh), aber doch wohl
seelisch zu früh. Als Nesthäkchen der Familie fühlt sie sich
noch gar nicht vorbereitet, auf einmal eine junge Frau zu werden.
Sie flüchtet sich lieber zurück in die Rolle des Nesthäkchens,
das klein, abhängig und anspruchsvoll umsorgt (verwöhnt)
sein möchte. Hatten Sie immer schon gewisse Probleme mit dieser
Rolle Ihrer Tochter? Ich denke daran, dass sie sagen, sie sei
schon immer "schwieriger zu nehmen" gewesen. Warum ist
sie zu korpulent? Das hat oft auch seelische Gründe. Wurde sie
im positiven Sinne "verwöhnt" (das soll heißen: als
etwas ganz Einzigartiges geliebt) oder wurde sie im negativen
Sinne "verwöhnt" (das soll heißen: als Dummerchen
geringgeschätzt, aber dann aus Schuldgefühl verhätschelt)?
Darüber sollten Sie als Eltern sorgfältig nachdenken,
vielleicht auch gemeinsam mit einem Fachmann/einer Fachfrau Ihrer
regionalen Erziehungs- und Familienberatungsstelle. Ansonsten
sollten Sie jetzt kein weiteres Drama aus allem machen, über
vieles spielerisch hinweggehen, eine "Engelsgeduld"
aufbringen und mit der Familie überlegen, was Sie z.B. am
Wochenende machen könnten, damit Sie miteinander mal wieder
richtig Spaß haben. Vielleicht will Ihre Tochter dazu auch eine
Freundin einladen? Es sollte Ihr Ziel sein, Ihre Tochter dabei
entscheiden zu lassen und etwas zu machen, was sie aufheitert und
zum Lachen bringt. Wenn man fröhlich miteinander ist, erscheint
das größte Problem (obwohl Sie es ja ein "kleines"
Problem nennen!) viel, viel kleiner. Oft verschwindet es dann
ganz, und wenn Zeit ins Land zieht, erst recht.
Viele Grüße, Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt