| Hallo Hr.
Schmidt, ich bin 36 Jahre, meine Frau ist 33 Jahre. Wir sind seit 8 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder , eine Tochter mit 3 Jahren (tagsüber und nachts trocken ) und einen Sohn mit fast 6 Jahren. Unser Problem ist die nächtliche Sauberkeit unseres Sohnes. Er ist seit seinem 3. Lebensjahr tagsüber ohne Probleme trocken und kann auch sehr lange Zeiträume einhalten. Wir haben seit zwei Jahren mehrere Sachen ausprobiert. Medizinische Untersuchungen in zwei großen Kinderkliniken mit negativem Befund (organisch alles i.O. ), Melatonin für die Nacht, Klingelhose, Belohnung , diverse Kinderfachbücher zu diesem Thema. Alles ohne ersichtlichen Erfolg. Vor ca. 6 Wochen hatte er eine trockene Nacht bei seiner Oma (mit Windel durchgeschlafen und trocken ! ) in den Ferien und noch einmal vor 4 Tagen (ohne Windel seit einer Woche) einmal in der Nacht aufgewacht zur Toilette gegangen. Wir versuchen natürlich alles um unseren Sohn zu motivieren, aber wir können irgendwie nicht an diese Ausnahmen anknüpfen. Trinkmengenverringerung am Abend ( ab 17 Uhr nichts mehr ) hat ebenfalls keinen Erfolg gezeigt. Ganz im Gegenteil war beinahe ebensoviel in die Hose und das Bett gegangen wie bei normalem Trinkverhalten. So langsam fangen wir ernsthaft an , uns Sorgen zu machen, dass wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen und es evt. eine seelische Belastung in seinem Inneren ist, die zu der Situation führt. Seltsam ist nur, dass er selber versucht so gut wie er kann aufzuwachen und mitzuhelfen. Er ist natürlich frustiert wenn "es" dann nicht geklappt hat. Meine Frau sucht bereits die Schuld bei sich, weil es zwischen den Beiden öfter Streit gibt und er sehr auf seinen Papa fixiert ist. Auf der anderen Seite kann er aber auch wieder sehr lieb und folgsam sein. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Ihm, dass er seine Mutter sehr lieb hat , aber manchmal glaube ich, daß einfach zwei Seelen in Ihm leben ( "Engel / Teufel" ? ) Bei unserer Tochter ( die wir mit derselben Liebe und Strenge erziehen wie unseren Sohn ) gab es überhaupt keine Probleme. Sie hat einfach mit rund 2 3/4 Jahren angefangen in der Nacht einzuhalten oder aufzuwachen und auf die Toilette zu gehen. Wir haben unserem Sohn auch nie Vorhaltungen in Bezug auf seine Schwester gemacht aber natürlich bekommt er mit, dass sie seit ca. 3 Monaten auch nachts keine Windel mehr braucht. Können Sie uns einen Ratschlag geben ? T. |
Lieber Herr T.,
vielen Dank für Ihren Brief! Auch ich würde bei Ihrem Sohn auf
eine seelische Ursache für das nächtliche Einnässen tippen,
zumal er mit ca. 3 Jahren, als er gerade tagsüber trocken war,
ein Schwesterchen bekam und Sie die Beziehung zu seiner Mutter
als angespannt, und diejenige zu Ihnen, seinem Papa, als
"fixiert" umschreiben. Auch dass er tagsüber trocken
ist und selbst so bestrebt ist, sauber zu werden, deutet auf eine
(ihm und Ihnen noch nicht recht bewusste) seelische Ursache hin.
Dass er selbst so bestrebt ist, sauber zu werden, ist übrigens
ein sehr positives Zeichen. Über kurz oder lang (nicht sooo
lang!) wird es deshalb auch sicher alles klappen!
Die ganzen Sonderbehandlungen mit Trinkmengenverringerung abends,
Windel nachts und so weiter können Sie ruhig vergessen.
Behandeln Sie Ihren Sohn lieber so, als würde er nachts nicht
einnässen, als wäre alles ganz normal. Lassen Sie deshalb auch
die nächtliche Windel weg, weil Sie ihm zutrauen, über kurz
oder lang nachts trocken zu werden. Ihr Sohn hat längst selbst
kapiert, was angesagt ist. Was er braucht, ist Ihr
unerschütterliches Zutrauen, dass er es schafft. Wenn er eine
Windel bekommt, betrachtet er das als Misstrauensbeweis.
Ignorieren Sie sein nächtliches Einnässen vollkommen, belohnen
Sie ihn aber, wenn er nicht eingenässt hat (das muss nichts
Besonderes sein, eine von Herzen kommende Anerkennung (Ihrer
Frau?) wäre für ihn super). Damit ist natürlich vor allem Ihre
Frau gefordert, denn wahrscheinlich muss sie ja dann
verständnisvoll das Bett säubern, falls es wieder nicht
geklappt hat. Sonderbehandlungen wie Windeln oder
Trinkmengenplanungen etc. verkrampfen nur alles und erschweren
damit oft Verbesserungen ungewollt.
Ich empfehle Ihnen und Ihrer Familie aber, wenn dies in den
nächsten 6 Monaten nicht zum Erfolg führt, sicherheitshalber
Ihre nächstgelegene Erziehungsberatungsstelle zu konsultieren.
Dort könnte man fachkundig (und kostenfrei) prüfen, ob dies
alles so zutrifft, und wie man zusätzliche Abhilfe verschaffen
kann. Vielleicht muss die Beziehung Ihres Sohnes zu beiden Eltern
wieder etwas ins rechte Lot gebracht werden, vielleicht würde
auch eine Kinderspieltherapie helfen. Sie finden die Adresse
Ihrer Erziehungsberatungsstelle entweder in Ihrem Telefonbuch,
bei Ihrem Jugendamt oder unter "bke" auf dieser website
unter "Psychometrix" im Menu.
Mit den besten Wünschen, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt