Sehr geehrte Herr Schmidt,

folgende Frage habe ich: Zeigt dieser Junge Auffälligkeiten, die behandelt
werden sollten?

Marcel, (7,5 Jahre), 1 Schwester (10). Leben bei der Mutter, der Vater ist
seit 1,5 Jahren von der Familie getrennt (auf Wunsch der Gattin). Soziales
Umfeld: EFH in einer mittleren Wohngegend, Mutter ist nicht regelmäßig
berufstätig, geht jedoch sehr häufig als Promoterin oder Messehostess
arbeiten. Das bedeutet, die Kinder werden - hauptsächlich - von einer Tante
(ca. 67) betreut. Hier herrscht ein "Kasernenton" und absolute Diktatur.
Wenn nicht die Tante die Aufsicht hat, dann sind es die Großeltern, oder
"irgendwer" oder die Kinder bleiben auch schon mal alleine im Haus.

Wenn Marcel spielt und rangelt, wird aus dem Spaß innerhalb von Minuten
Ernst. Meist so sehr, daß es Tränen gibt. Er boxt, kneift, haut und tritt -
egal wohin und wie stark! Ich selber (45) habe gelegentlich Bedenken, mit
ihm zu toben, da es schon einige blaue Flecken für mich gegeben hat. Es
besteht auch kaum Möglichkeit, ihm näher zu kommen. Gelegentlich kuschelt er
an den Besuchswochenenden (alle 14 Tage) mit seinem Vater. Aber auch nur
sehr selten.

Er ist im Sommer 2000 eingeschult worden (* im Dezember), da im Jahr davor
von einer Einschulung abgeraten wurde.

Fürsorge anderen Kindern / Erwachsnen gegenüber zeigt er nicht. Z.B. schubst
er eine 6-jährige ins Schwimmbecken, obwohl wir ihn ca. 15 Minuten vorher
darauf hingewiesen haben, daß sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Kopf
nicht unter Wasser darf. Die Androhung der Strafe, daß er im
Wiederholungsfalle . egal wem gegenüber - nicht mehr in Wasser darf,
fruchtete nicht. Ca. 30 Minuten später kam seine Schwester weinend und
berichtete, er würde sie in den Hals kneifen und würgen, wenn sie im Wasser
sei. Als ich ihn darauf hin Schwimmverbot erteilte und mit ihm reden wollte
(warum und wieso) gab er keinerlei Antwort. Auf die wiederholte Frage, ob er
mich verstehe, nickte er lediglich.

Bei einem Urlaub auf dem Bauerhof warf er mit Steinen auf die Tiere und die
mitspielenden Kinder.
Nachbarskinder berichten, daß sie vom Spielplatz weglaufen, "weil Marcel
wieder auf alles draufhaut, was sich bewegt..."

Wenn es ihm nicht gelingt, eine Pizza zu schneiden, ein Ei zu öffnen, steht
er kurz vor dem "Ausrasten". Ebenso, wenn er ein Brettspiel zu verlieren
scheint. Andere Möglichkeit, er ärgert alle anderen um sich herum, indem er
stört, Spielfiguren falsch bewegt etc..

Herr Schmidt, ich kann hier nur eine Shortversion von dem wiedergeben, was
diesen Jungen ausmacht. Es ist nicht möglich, mit ihm dieses Verhalten zu
diskutieren. Ein Warum oder Weshalb zu erfahren. Er antwortet nur aus der
Angst heraus, es könnte eine körperliche Strafe folgen (1x geschehen =
Klapps auf den Po durch den Vater).

Ich habe dieses Thema mit dem Vater besprochen. Er sieht schon einen
gewissen Handlungsbedarf, ist aber der Meinung: "Was soll ich machen, wenn
ich sie nur von Freitagabend bis Sonntagabend habe...???"

Problem: Die Eltern reden so gut wie nicht mehr miteinander und wenn eine
Therapie notwendig sein sollte, muß die Mutter die diversen Termine
wahrnehmen.

Meines Erachtens, hat dieses Kind ein RECHT auf Hilfe!

Bitte geben Sie mir / uns einen Rat, was zu tun ist.

Vielen Dank, mit freundlichem Gruß

Hallo sehr geehrte Frau oder Herr,
vielen Dank für Ihre Anfrage! Dieser Junge zeigt Verhaltensauffälligkeiten, die auf jeden Fall behandelt werden müssen! Er scheint sehr viel Hass in sich zu tragen, woher und warum, kann ich allerdings nur vermuten: Der schwelende Dauerstreit zwischen seinen Eltern könnte ihn sehr belasten. Vielleicht gibt er sich unbewusst sogar die Schuld daran. Vielleicht will er unbewusst und aus Liebe und Mitleid mit seinem ausgestoßenen Vater seine übrige Familie und Umwelt bestrafen. Vielleicht will er beim vater leben ohne die Mutter zu verletzen. Auf jeden Fall muss ihm geholfen werden, und zwar am Unkompliziertesten in Ihrer regionalen Erziehungs- und Familienberatungsstelle (beim Jugendamt erfragen). Geschiedene Eltern müssen ganz allgemein "Eltern" bleiben, d.h. sie müssen bei allen die Kinder betreffenden Belangen in freundlich-wohlwollendem Kontakt bleiben, auch wenn ihre Paarbeziehung beendet ist. Sonst können die Kinder die Scheidung oder Trennung nicht seelisch verkraften und zeigen Verhaltensstörungen. Empfehlen Sie doch bitte beiden Eltern, möglichst gemeinsam die Beratungsstelle anzulaufen, dem Jungen zuliebe, um sich dort beraten zu lassen, wie sie Eltern bleiben können trotz Trennung.
Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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