Hallo,   ich komme heute auf Sie zu, da ich z.Zt. nicht weiß, ob ich ein Problem habe oder meine Tochter. Meine älteste Tochter ist 3 Jahre und 4 Monate alt und wir haben eine weitere Tochter im Alter von 4 Monaten. Bis zur Geburt der zweiten Tochter machte meine "Große" keine großen Anstalten auf die Toilette zu gehen, schon gar nicht für das große Geschäft. Da haben wir auch nicht weiter gedrängelt, obwohl ich mir schon Gedanken gemacht habe, da ja die anderen Kinder im Alter meiner großen Tochter angeblich trocken sind. Inzwischen ist mir schon klar, dass sich bei diesem Thema die Eltern auch in die eigene Tasche lügen. Als die jüngste Tochter 2 Monate war, hatten wir das Gefühl, dass unsere Große zu Hause unterfordert ist und nicht mehr weiß, was sie noch alles machen soll. Also haben wir sie in einem Kindergarten angemeldet. Es handelt sich dabei um eine kleine Einrichtung von ca. 16 Kindern- 3 Vormittage die Woche. Sie ist dann auch voller Euphorie die ersten Wochen dorthin gegangen und fing auf einmal an, Bescheid zu sagen, wenn sie pischern musste, machte selten, aber immerhin das große Geschäft in den Topf und sogar morgens war die Windel oft trocken.   Z.Zt. ist irgendwie alles rückläufig. Kindergarten ist nicht mehr so toll. Meistens steht sie am Rand. Die Erzieherin sagt, sie macht es sich selbst schwer. Ich werde von meiner Tochter immer wieder gefragt, ob ich sie auch wieder abhole, was ich ihr auch dann versichere. Dann erzählt sie , sie will alleine und nicht mit den anderen Kinder spielen. Desweiteren klappt das Bescheid sagen so gut wie gar nicht mehr, das große Geschäft wird nur- sogar mit Ankündigung- in die Hose gemacht. Weder Ignorieren noch Schimpfen hilft.Sie sagt dann oft, sie sei ein Baby. Manchmal habe ich auch das Gefühl, sie will mich provozieren, was ihr leider immer öfter gelingt. Sie hat sowieso einen sehr starken Willen und ist ziemlich in der Trotzphase. Zu ihrer Schwester ist sie lieb, sagt ihr auch manchmal, dass sie sie lieb hat- ich merke aber, wie eifersüchtig sie eigentlich ist. Wir versuchen unserer Großen viel Aufmerksamkeit zu schenken, die sie aber auch schon immer sehr gefordert hat und gewohnt war . So lange Rede, kurzer Sinn- ist es schon bedenklich, dass die Geschäfte in die Hose gehen - vor allem auch das große- oder braucht sie einfach etwas länger? Vielleicht unterschätzen wir auch die veränderte Situation: Baby und Kindergarten?? Ich merke bloß, dass ich mit dem Problem immer mehr Probleme bekomme und habe einfach Angst, dass wir irgendetwas falsch machen und ggfs. die Sache nicht in den Begriff bekommen. Ich wäre dankbar, wenn Sie mir Auskunft geben und mir aus meiner Unsicherheit heraushelfen können. Heute haben wir gerade beschlossen, dass Thema bei unserer Tochter gar nicht mehr anzuschneiden und wieder ständig Windeln anzuziehen.  Vielen Dank für Ihre Antwort im voraus. 

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Machen Sie sich bitte keine solch übertriebenen Sorgen. Ihre Tochter verarbeitet gerade ihr Geschwisterproblem. Die Ankunft der kleinen Schwester erfordert von ihr eine große psychsoziale Umstellung und Anpassung. Einerseits liebt sie das Baby, andererseits hasst sie es und will selbst an seine Stelle treten, weil sie in Sorge ist, sonst abgemeldet und abgeschoben zu sein. Die Sache mit dem Kindergarten hat sie wohl als Beweis dafür betrachtet.
Mein Rat: Behandeln Sie Ihre Tochter altersgemäß. Das bedeutet, seien Sie nicht zu ängstlich und legen Sie Wert darauf, dass sie jetzt sauber wird, aber tun sie das auf fröhlich-unbeschwerte und positiv-aufbauende Weise. Zeigen Sie sich ihr gegenüber also nicht ängstlich-besorgt-vorwurfsvoll. Windeln sollte man nun möglichst einvernehmlich (!) "absetzen". Das Baby braucht noch welche, nicht aber die "großen" Leute (wie Sie als Eltern ja auch). Und in den Kindergarten geht sie natürlich auch weiter, aber sie soll sich immer auf etwas freuen dürfen, was dann mittags passiert, wenn sie heimkommt (ein Lieblingsessen, eine Geschichte, ein Spielplatzbesuch oder so in dieser Art irgendwas, was ihr Freude macht. Und beziehen Sie sie in die Babypflege ein, lassen Sie sie beim Windeln helfen oder beim Fläschchen-Zubereiten und -geben, etc. Singen Sie mit ihr gemeinsam dem Baby ein Lied vor, usw. Kurz: Helfen Sie Ihrer Tochter, sich auf die Seite der "Großen" zu schlagen, nicht auf die Seite des Babies. Dann wird sie wie von selbst sauber, eben so, wie die Großen!

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt