| Sehr geehrter Herr Schmidt, wir sind eigentlich eine ganz glückliche und harmonische Familie, aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Ich wende mich heute wegen meines Sohnes N (6) an Sie er ist der mittlere von drei Kindern, hat noch eine Schwester (10) und einen kleinen Bruder (4). Weil ich stets von zuhause aus gearbeitet habe, war N in den ersten zwei Jahren stundenweise bei einer Tagesmutter und besucht seit seinem 2. Lebensjahr eine Kita, die Krippen und KiGa-Gruppen unter einem Dach hat (seine durchschnittliche Besuchszeit täglich ca. 9 Uhr bis 16 Uhr). Im September kommt er nun in die Schule. N ist ein sehr aufgeweckter, aber auch nachdenklicher Junge, der gerne allein spielt, aber auch in der Gruppe gut zurecht kommt. Er wächst zweisprachig auf. Kopfzerbrechen mache ich mir wegen drei Punkten, die Sie vielleicht in Beziehung setzen werden ich selbst bin mir da nicht sicher. Zum einen klagt N immer wieder über Kopfschmerzen, für die keine organische Ursache gefunden werden konnte. Seit er einmal die Woche im Schwimmverein ist, hat sich die Häufigkeit, Dauer und Intensität aber gebessert. Zum zweiten kaut N seit ca. drei Jahren an den Nägeln, und das sowohl an Händen als auch an den Füßen. Alles zureden hilft nichts, er nagt sich alles ab, bevor ich ihm mit der Schere zu nahe kommen kann er mochte das Nägelschneiden nie und hat da wohl seine Lösung gefunden Und zum dritten schreit er. Er ist cholerisch, und wenn etwas nicht klappt, schreit er gleich in den höchsten Tönen rum. Natürlich auch an meine Adresse, was mich richtig wild macht, weil ich das als gravierenden Ausdruck mangelnden Respekts mir gegenüber empfinde. Ich reagiere dann prompt falsch und werde ebenfalls laut, was es nicht leichter macht, ihm meine Wertvorstellungen in dieser Frage zu vermitteln. Nach einer hässlichen Szene heute morgen (N kam meiner mehrmaligen Aufforderung nicht nach, sich anzuziehen, weil er lieber etwas fertigbauen wollte. Nach mehrmaligem Einsturz der hektisch aufgebauten Konstruktion folgte der erste Wutanfall, der sich dann bei mir weiter entlud. Ich wurde sehr wütend, packte ihn und verbat mir diese Art des Umgangs mit mir, er ging beleidigt und ohne Gruß mit seinem Vater aus dem Haus) probiere ich nun einmal externen Rat haben Sie einen für mich? Mit freundlichen Grüßen |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief!
Sie ahnen sicher schon selbst, dass ich darauf aufmerksam machen
werde, dass es Ihr lieber N bisher in seiner Familie -jedenfalls
aus seiner subjektiven Sicht- nicht so ganz einfach angetroffen
haben könnte. So als "Sandwich-Kind" zwischen zwei
Geschwistern, von Anfang an mit Zweitmutter und dann noch genau
bei Ankunft des jüngeren Bruders ab in die Kita. Aus seiner
Sicht alles recht stressig und eigentlich unglaublich unverschämt.
Und das Schlimmste: wenn man dann seinen Stress mal rauslässt,
erntet man keineswegs Verständnis, Gelassenheit und besondere
liebevolle Zuwendung. Nein, stattdessen Gebrüll, autoritäre
Zurechtweisung und Respekteinforderung (was immer das sein mag)!
Seien Sie ehrlich: Wenn Sie Kopfschmerzen hätten, traurig sind, sich vernachlässigt fühlen und vor heftigstem Hunger nach Liebe vor Wut platzen: Wollen Sie dann Ungeduld und Geschrei nach sogenanntem Respekt erleben?
Genau wie Sie
glaubt das nicht Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt