Hallo liebes Beratungsteam,
ich habe ein Riesenproblem mit meinem Sohn, 7 Jahre.
Ich bin weiblich, 32 Jahre, und seit 11 Jahren verheiratet. Im Juli
letzten Jahres hab ich mich von meinem Mann getrennt. Meinen
7jährigen Sohn habe ich mitgenommen. Wir sind ca. 120 km von
unserem Ort weggezogen. Dort habe ich einen neuen Freund, mit
dem wir zusammengelebt haben.
Nach reiflicher Überlegung und auch auf Drängen meines Mannes
und meiner Eltern habe ich den Kleinen zu Schuljahresbeginn Mitte
September zu meinem Mann zurückgebracht. Es war für mich
einfach die Überlegung, dass es vielleicht doch noch mal wird und
der Kleine dann nicht 2x umziehen muß. So kann er ja weiterhin in
seine Schule gehen und hat auch seine Freunde. Meine Eltern und
auch mein Mann versprachen mir, ich könne Titzian sehen wann
ich wollte und sie würden es voll unterstützen. Aber kaum war er
wieder zurück, begann der Terror. Meine Eltern und mein Mann
weigerten sich plötzlich, dass ich den Kleinen übers Wochenende
sehen durfte. Besuchen durfte ich ihn plötzlich nur noch in
Begleitung meines Mannes. Mein neuer Freund paßt ihnen nicht
und sie setzen das Kind als Druckmittel ein, dass ich wieder
zurückgehe.
So kam es, dass ich erst nach 8 !!!! Wochen auf Drängen meiner
Anwältin den kleinen erstmals wieder sehen durfte. Selbst das
Telefonieren wurde ihm teilweise untersagt.
Ich habe nun das Sorgerecht beantragt, aber das dauert halt seine
Zeit. Plötzlich habe ich Probleme mit Titzian. Es fing damit an,
dass er nicht mehr mit mir telefonieren wollte. Und seit 6 Wochen
will er mich auch nicht mehr besuchen. Alles gute Zureden hilft
nichts. Manchmal will er nicht mal, dass ich ihn einfach mal für ein
paar Stunden besuche. Am Telefon wimmelt er mich fast immer
ab. Ich war immer für ihn da, d. h. nach 3 Jahren war ich halbtags
berufstätig und war immer für ihn da. ich habe eine außerordentlich
starke Bindung zu meinem Sohn, mußte vor 2 Jahren sogar eine
Therapie machen, weil ich eine Angstneurose hatte, dass ihm
etwas passieren könnte.
Ich werde einfach nicht mit der jetzigen Situation fertig. Ich weiß
nicht, was ich noch tun kann. Ich weiß aber von verschiedenen
Seiten, dass er im Moment total verwöhnt wird. Vor zwei Tagen hat
er sogar gesagt, ich könnte ja kommen, aber ich muß Geschenke
mitbringen.
Ich dachte schon dran, einen Kinderpsychologen aufzusuchen.
Vielleicht können Sie mir einen Rat geben, weshalb er sich so
sträubt, mich zu sehen und wie ich mich am besten verhalten soll.
Wiegesagt, ich war immer seine Bezugsperson und ich möchte
auch nicht, dass sich daran was ändert.
Vielen Dank
A.W.

Liebe A.W.,
vielen Dank für die Beschreibung Ihrer Familiensituation!
Dass Sie letztes Jahr mit Ihrem kleinen Sohn so weit vom Vater und der
übrigen Familie im Streit weggezogen sind, war ein Fehler, den Ihnen Ihr
Sohn und die übrige Familie offensichtlich sehr nachtragen. Zumal ihr
"neuer" Freund wohl der Grund gewesen ist, so weit weg zu ziehen. Dass ein
"neuer" Freund so schnell nach einer Trennung ins Spiel kommt, ist für
kleinere Kinder ein großes psychisches Problem,. mit dem sie nicht gut
umgehen können, wenn der gesamte familiäre Zusammenhang hochstrittig ist,
wie bei Ihnen. Wenn Eltern kleinerer Kinder sich trennen, sollten "neue"
Partner längere Zeit keine Rolle für die Kinder spielen. Besser ist meistens
eine Zeit des Alleinerziehens. Das macht es den Kindern viel leichter.
Leider schreiben Sie gar nichts darüber, was mit Ihrer Ehe passiert ist, so
dass Sie sich getrennt haben. Wieso sind alle so böse auf Sie? Man macht
Ihnen offenbar starke Vorwürfe. Warum? Sind diese Vorwürfe teilweise
berechtigt? Das kann ich alles nicht beurteilen, aber Sie selbst sollten
darüber ganz ehrlich nachdenken.
Wenn Sie sich von Ihrem Mann trennen wollen, dann machen Sie es Ihrem Sohn
sehr viel leichter, wenn Sie die Trennung möglichst einvernehmlich mit Ihrem
Mann und der übrigen Familie regeln. Dazu muss man sich aber Zeit und viel
Selbstdisziplin nehmen und darf keine überstürzten Handlungen begehen. Am
besten wäre es, wenn Sie sich in eine Trennungs- und Scheidungsberatung in
einer Erziehungsberatungsstelle in Ihrer Gegend begeben. Dort können Sie
sich ausführlich beraten lassen, wie Sie sich verhalten sollten, um nicht
noch mehr Schaden anzurichten und die Beziehung zu Ihrem Sohn nicht noch
mehr zu zerstören (dass Sie z.B. das alleinige Sorgerecht beantragen,
richtet doch nur noch mehr Schaden für Ihr Kind an, weil es eben eine
Kriegsstrategie ist, statt das Einvernehmen zwischen den Eltern zu suchen,
so schwer es auch erscheinen mag!).
Mein Rat: Meiden Sie alles, was alles noch schlimmer macht und die Beziehung
zu Ihrem Sohn zusätzlich belastet. Suchen Sie den Ausgleich mit Ihrem Mann
und der Familie, auch wenn Sie sich trennen wollen.
Alles Gute, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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