Sehr geehrter Herr Schmidt,
ich hätte gerne Ihren Rat!
Der Grund meines Schreibens: Unser Sohn T. (6,5 Jahre)
Aktuelle Situation:
Ich bin 35j. männlich und verheiratet. Wir haben neben unserem Sohn T
noch eine 3,5 jährige Tochter D.

Während der ersten Lebensjahre unseres Sohnes hat es eine Menge
Auseinandersetzungen zwischen meiner Frau und mir gegeben. Meist ging es
um T. und zwar darum, dass ich das Empfinden hatten, das meine Frau Ihm
zuviele Verbote ausgespricht und zuviel mit Ihm schimpft. Meine Frau
wiederum behauptete dass sie der Meinung sei es gebe klare Richtlinien
an die sich das zweijährige Kind zu halten habe. Wenn sie also sagte:
T.: nein du gehst nicht an den Fernseher, erwartete sie auch sogleich,
dass T. dies dann auch befolgen müsste.

Ich dachte da eher...lass es Ihn ausprobieren, und wenn meine Frau das
nicht haben wollte, sollte sie ihn dort wegnehmen!...D.h. sie hat geredet, hinterher auch geschrien...und ich habe
vorgeschlagen zu handeln, d.h. ihn dort einfach wegzunehmen.

Daraus resultierende Auseinandersetzung wurden vor dem Kind abgehalten
(was ich nicht wollte, aber sie ignorierte den Wunsch) und haben nie zu
einem gemeinsamen Nenner geführt, sondern vielmehr in gegenseitigen
Vorwürfen geendet.

Da ich im Regelfall für das Verhalten unseres Sohnes Partei ergriffen
habe, bin ich heute auch eher die Bezugsperson als meine Frau es ist.

Allmählich zerrüttete die Ehe durch die fortdauernden Streitigkeiten um
das Kind und nebenbei um andere, sagen wir einfach Lapalien. Vor zwei
Jahren reichte ich die Scheidung ein von der er auch erfuhr (meine Frau
sagte ihm ich habe eine andere Frau kennengelernt!). Jedoch fanden wir
wieder zueinander und vertehen uns seitdem recht gut. Wir stellen aber
oft fest, dass unser Sohn T. oft der Grund für Streitigkeiten ist bzw.
er diese Streitigkeite manchmal sogar provoziert, wenn auch unbewusst
denke ich.

Seit ca. 3-4 Jahren also haben wir immer wieder Probleme bei der
Erziehung unseres Sohnes. Er ignoriert Dinge die wir Ihm sagen, setzt
sich über Verbote hinweg, nimmt Dinge aus dem Kindergarten mit die ihm
nicht gehören und spielt den einen Partner gegen den Anderen aus.

Er gibt sich im allgemeinen sehr vorlaut, allerdings nur in ihm
vertrauten Umgebungen, reagiert aber extrem zurückhaltend/schüchtern in
Situationen die neu für ihn sind, wie beispielsweise neulich, als er
eine Prüfung im Sport ablegen sollte. Dies ging so weit, dass er Zeter
und Mordio schrie um sich vor der Prüfung ja nicht umziehen zu müssen!
Kein Elternteil hatte ihn zum Gelingen der Prüfung in irgendeiner Form
unter Druck gesetzt.

Er sagt zudem bewusst Unwahrheiten und insbesondere Heute ereignete sich
Folgendes:

Wir kamen von einem Besuch mit den Kindern bei Oma und Opa nach Hause.
Die Kinder gingen in Ihre Zimmer, als er plötzlich rief dass seine
Schwester D. Rollsplit durch Ihr Zimmer geschleudert habe. Ich ging in
das Zimmer und stellte auch fest dass im ganzen Zimmer verteilt
Rollsplit lag. Ich schimpfte kurz mit Ihr und saugte das Zimmer
anschliessend. Danach bereitete ich den Kindern noch Abendessen und
schickte darauf auf Ihre Zimmer damit sie noch ein wenig spielen konnten
bevor es in das Bett gehen sollte.

Ich setzte mich noch zu den Kindern um Ihnen eine gute Nacht Geschichte
vorzulesen, als mir die Idee kam einmal die Hosentaschen nach evtl. noch
weiterem Rollsplit abzusuchen. Dabei stellte ich fest, dass er den
Rollsplit in seinen Taschen hatte und auf Nachfragen (er fragte ob wir
mit Ihm schimpfen würden, was ich verneinte) gab er zu, dass er es war.
Auf das WARUM sagte er, er hätte nicht gewusst wo er den Rollsplit hätte
hinlegen sollen. Ich sagte kein Wort und schickte Ihn zu Strafe auf sein
Zimmer, in dem er sofort schlafen sollte. Betonte dabei aber auch, er
solle ja nocht mehr aufstehen sonst gäbe es ein Donnerwetter. Keine 5
minuten später kontrolliere ich sein Zimmer und er sitz quietschvergnügt
an seinem Schreibtisch und hat die Schreibtischlampe an und beschäftigt
sich. (Dies ist nicht der erste Fall in dem er sich über unsere
Anweisungen hinweggesetzt hat!!)

Ohne einen besseren Rat zu haben, hat er daraufhin einige Klapse auf den
Po erhalten und ich habe ein fürchterliches Donnerwetter losgelassen. So
langsam habe ich das Gefühl, dass er auf keine Regeln/Gebote/Verbote
mehr reagiert und befürchte einfach das Schlimmste wenn er eingeschult
wird.

Was ist zu tun? Ich/wir und auch die Grosseltern wissen nicht mehr was
das Beste für unser Kind ist. Wir lieben ihn sehr!

Vielen Dank für Ihre Meinung.

Lieber Familienvater,

vielen Dank für die ausführliche Schilderung Ihrer Familiensituation! Ich glaube, Ihr Sohn stand längere Zeit im Zentrum eines Eheproblems, das Sie und Ihre Frau hatten und (verdeckt) womöglich noch haben. Disharmonien und Eheschwierigkeiten von Eltern äußern sich oft in Streitereien in der Kindererziehung. Nicht die Kindererziehung oder gar der Sohn selbst sind also das Problem, sondern die Disharmonien zwischen den Ehepartnern (Sie nennen es "Lappalien"). Das führt zu einer inkonsequenten und strittigen Kindererziehung, die dann Verhaltensschwierigkeiten beim Kind bewirken, unter denen Ihr Sohn (und Sie als Eltern) nun leiden. Oft haben Eltern mit schwierigen Kindern die Überzeugung, dass ihre Ehe in Ordnung ist, nur das Kind sei so schwierig. In Wirklichkeit ist das Kind aber wegen der (verdeckten und chronischen) Eheschwierigkeiten erst so schwierig geworden. Man konzentriert sich nun nur noch auf das schwierige Kind und kann so die Eheschwierigkeiten vergessen. Ich empfehle Ihnen und Ihrer Frau eine Familientherapie in einer Erziehungsberatungsstelle in Ihrer Wohngegend. Sehen Sie auf dieser website bei "PsychoMetriX" nach, klicken Sie unten links auf "bke" und suchen Sie dort die nächstgelegene Beratungsstelle aus. Dort sollten Sie im Rahmen einer ausführlichen (und kostenfreien) Beratung überprüfen, ob meine Vermutungen zutreffen oder ob es andere Ursachen gibt. Alles Gute dabei wünscht Ihnen und Ihrer Familie Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Zurück