| Hallo Herr Schmidt, mit großem Interesse durchstöberte ich Ihre hilfreichen Tipps, vielen Dank für die Veröffentlichung.. allerdings war ich auf der Suche, ob ich nicht einen Ratschlag finde, wie/ob ich mit meinen Eltern reden sollte. Ich bin 42 Jahre, habe zwei Töchter 17 und 18 Jahre, bin seit 1991, dann nach Scheidung 1994 wieder mit dem gleichen Mann verheiratet, lebe aber seit 1997 getrennt u. a. da mein Mann gewalttätig war und ich Angst hatte, dass auch meine Kinder unter dieser Beziehung zu sehr leiden würden. Der biologische Vater meiner Töchter ist gleich nach der Geburt der zweiten Tochter in die USA verzogen und hat keinerlei Kontaktinteresse. So fühlten sich meine Eltern, (M:70, V:68)nachdem ich zwischenzeitlich immer mal wieder gut "meinen Weg" gehen konnte, verantwortlich, mir wegen der Kinder, unter die Arme zu greifen. Zeitweise ist meine finanzielle Lage sehr prikär und so haben sie oft mit Geld/Einkäufen, Sachen für die Kinder, geholfen, mein Vater aber auch oft mit handwerklicher Hilfe - mein Mann (wir stehen nach seiner Therapie in Kontakt) verläßt sich sehr auf dessen Hilfe für mich, bzw. wenn ich ihn frage, dann ist ihm Bohren zu laut, Heben zu schwer usw. Mittlerweile sind meine Eltern beide Rentner, haben zumindest im Winter viel Zeit, (Sommergrundstück) so dass mein Vater sehr oft unangemeldet bei uns auftaucht, (wir wohnen im gleichen Wohngebiet - ich bin seit mehr als einem Jahr arbeitsuchend, mangels Kindesunterhalt bis zum 18. Geb. meiner Großen erhielt ich wirtsch. Hilfe vom Jugendamt), nur um etwas zu erzählen, obwohl ich sooft gesagt habe, dass ein Anruf gereicht hätte, bzw. dass er vorher Bescheid gibt... das sieht er nicht ein, er müsse spazieren gehen, will mir kurz was vorbeibringen usw., er kommt dann auch nicht zum Hinsetzen, sondern bleibt im Flur stehen und erzählt. Wenn ich ihm sage, dass er wenigstens vorher an der Wohnungstür klingeln soll, vergisst er dies nach 3 - 4 Malen und steht plötzlich wieder im Flur oder es stehen Mitbringsel in der Wohnung, die er während unserer abwesenheit abgestellt hat. Das ist uns allen unangenehm. Er überspielt das und tut, als ob nichts wäre. Bei schlimmer Erkrankung meiner Mutter rief er mich zuerst an damit ich helfen komme , weint selber ist total hilflos, hat tw. nicht mal den Notruf getätigt, Tja, offen über Probleme haben wir nie geredet und ich fürchte, dass er "eingeschnappt" ist, wenn ich ihm "Schlüsselentzug" androhe, bzw. habe ich meinen Schlüssel innen stecken lassen, hab ihn dann auch öfter nicht klingeln gehört - dann war er angepiekst. Als ich ihm nachdem ich meine Mutter im Krankenhaus gut versorgt wusste, sagte, dass er als einzig Anwesender in solchen Fällen die Ruhe und Übersicht über seine Handlungen behalten müsste, spielte er sein Verhalten gleich wieder runter. Er hat allerdings auch zu hohen Blutdruck und ist dann wirklich zu aufgeregt?... Das zweite Problem und meine große Sorge ist aber die Gesundheit meiner Mutter. Sie ist schon immer, aber seit ihrer Berentung und nach Rauchstop stark adipös und ihr Leben scheint nur noch aus Essen und Kochen zu bestehen. Ich glaub Essen war schon immer sehr sehr wichtig für sie, das hat jetzt aber noch zugenommen oder fällt auf, weil sie nicht mehr mit ihrer Arbeit als Krankenschwester ausgelastet ist..Falls sie irgendwohin fahren, erfahre ich als erstes, in welchem Restaurant sie waren, was es dort gab, sie schafft es immer, das Essen zu thematisieren- alle rollen schon die Augen und ich denke, sie bekommt es auch mit, stellt sich dem aber nicht, möchte auch keine Ratschläge annehmen. Vor zwei Jahren, als ich meine Sorgen wegen ihrer Gesundheit zur Sprache brachte, sagte sie mir, dass sie gerne abnehmen würde, aber nicht weiß wie - ich riet ihr zur Ernährungsberatung, - lehnt sie ab - da ich nicht die von ihr gewünschten Pillen beschaffen wollte und auch eine Diät nicht für sinnvoll erachte, da sie m. M. nach generell etwas ändern muss. Meine dringende Bitte die Ärztin zu wechseln, die sie zwar mit immer neuen Pillen vollstopft und ihr sogar von einer Diabetikerberatung abgeraten! hat, negiert sie - ihr krankheitsgewinn weiter zu essen, sich nicht zu bewegen scheint effektiv zu sein. Meine Schwester (44)ebenfalls in der Nähe wohnend, fühlt sich damit auch überfordert, mein Bruder (38) hat kaum Kontakt mit uns allen. Ich selbst habe es mehrmals versucht, d. h. meine Töchter ernähren sich seit einigen Jahren vegetarisch, das war für uns eine erfrischende Wende im Haushalt, aber für sie unvorstellbar, es reicht soweit, dass sie die Kinder "berummsen" will, mit Kartoffelsuppe auf Fleischbrühe usw., mein Mann isst kein Schweinefleisch, da wird schon mal was in den Gulasch "gemogelt", das merke er ja gar nicht usw - endlose Diskussionen, jedesmal lange Gesichter bei Essenseinladungen, obwohl sie wirklich lecker kochen kann, weil man nicht weiß, ob sie wieder "schummelt" oder weil wir lieber gleich absagen. Geburtstage werden drei Tage essensmäßig vorbereitet, so dass man ein Dorf damit versorgen könnte.. mehrmals haben wir versucht vorher abzusprechen, dass bitte e i n lecker Gericht reicht, Kürzlich gab es mehrere körperliche Zusammenbrüche meiner Mutter, mit Krankenhauseinlieferung usw. Ihre Folgerung aus allem, sie muss ruhen, ich vermute, ernsthafte Ratschläge von Ärzten, falls es diese gab, hat sie mit Überhören oder Trotz beantwortet, also noch weniger Bewegung (ich denke mal max. 1 h pro Woche an der frischen Luft) und bei Kühlschrank"sichtung" sah ich wieder nur Schinken, Wurst etc.... also helfen auch Gespräche mit meinem Vater darüber nicht, (der zwar die Problematik sieht, aber auch auf regelmäßigem und gehaltreichem Essen besteht - also wohl auch keine Stütze hinsichtlich einer Änderung ist) er meint, er würde beim Einkauf mit ihr aufpassen, kann scheinbar die Einkäufe doch nicht auf gesunde Ernährung "kontrollieren"; bekommt meine Mutti nur selten zum Laufen raus (sie ist dann immer sehr stur bis beide streiten oder er eben alleine geht)- sie hat Gelenkschmerzen, Drehschwindel, Soll ich nun zusehen, wie meine Mutti sich zu Tode ißt oder weiterhin auf Streit, denn ein Gespräch wird das nicht, bauen, oder ist das Einmischung? - so, wie ich ja das Benehmen meiner Eltern bei mir - zumindest seit ich wieder zu Hause bin, empfinde.... Sollte ich mich weitergehend beraten lassen? Ich stelle fest, dass ich selbst so recht und schlecht mit meinem Leben zurecht komme und mich stark belastet fühle durch das "Benehmen" meiner Eltern und die Sorge um sie. Mit besten Grüßen E |
Liebe E,
vielen Dank für Ihren Brief!
Sie berichten zunächst über Ihre eigene Familie und über
Probleme in Ihren bisherigen Partnerwahlen: Ihr erster Mann, der
Vater Ihrer Kinder, verschwand ins Ausland und verhält sich
gegenüber seinen Töchtern verantwortungslos. Ihr zweiter Mann
wurde gewalttätig, Sie sind von ihm geschieden, lebten dann aber
wieder einige Jahre mit ihm zusammen, sind danach aber wieder von
ihm getrennt und stehen nun aber nach "seiner Therapie"
mit ihm in Kontakt, nennen ihn zwar Ihren "Mann",
erwähnen dann aber, dass er offenbar faul ist und sich auf
seinen ehemaligen Schwiegervater verlässt, sich also auch
ziemlich verantwortungslos verhält. Dann kommen Sie nahtlos auf
Ihren Vater und Ihre Mutter zu sprechen, worüber Sie
anschließend viel schreiben.
Ich habe den Eindruck, als hingen Ihre persönlichen Probleme mit
Ihren Männern (bzw. den "Vätern" Ihrer Töchter)
zusammen mit Ihrer ungelösten und schwierigen Beziehung zu Ihren
Eltern. Einerseits scheint Ihr Vater Sie noch wie ein
unselbständiges Kind zu behandeln, andererseits verhalten Sie
sich in seinen Augen wahrscheinlich auch so hilfsbedürftig und
unerwachsen (Ihre Partnerprobleme, Jugendamt, finanziell
abhängig etc., und auch dass Sie ihm Ihren Wohnungsschlüssel
gegeben haben), dass er denkt, er müsse sie entsprechend
"betreuen".
Auf der anderen Seite behandeln wiederum Sie Ihre Mutter wie ein unselbständiges Kind, bzw. Ihre Mutter verhält sich entsprechend, dass Sie sie so behandeln zu müssen glauben. Ihre Vater-Tochter-Beziehung ist insofern ein Spiegelbild Ihrer Mutter-Tochter-Beziehung: Immer benimmt sich der eine wie ein Kind, und der andere glaubt dann, sich für das Kind verantwortlich fühlen zu müssen. Auch Ihre Männer haben sich ja bisher nicht sehr erwachsen benommen. Irgendwie scheint das in Ihrer Familie ein Problem zu sein, dass die Leute sich wie Kinder benehmen und nicht so recht selbständig und selbstverantwortlich geworden sind.
Ich finde schon, dass Sie sich weitergehend beraten lassen sollten, um dies alles noch einmal für Sie zu durchleuchten und Ihre persönlich problematische Rolle in Ihrem Familiensystem besser zu verstehen und zu verbessern.
Dipl.-Psych. Hans-reinhard Schmidt