Hallo, ich bin seit 6 Jahren - eigentlich glücklich - verheiratet. Ich bin jetzt 30 Jahre alt, habe zwei Kinder 4 1/2 und 3 Jahre, meinen mann kenne ich schon aus dem "Sandkasten" , zusammen sind wir seit 14 Jahren. Andere Männer gab es für mich nicht. Bis jetzt. Seit einiger Zeit - ca. 1 1/2 Jahren vielleicht auch schon länger - kriselt es in meiner Ehe. Gründe gibt es eigentlich keine offensichtlichen, ich würde sagen wir haben uns auseinanderegelebt. Ich wurde schon sehr zeitig "ins kalte Wasser des Lebens" geschmissen, meine Mutter starb früh, andere Familienmitglieder gibt es nicht. In der Schule verliebte ich mich mit 16 in meinen Mann, eine Jugendliebe eben. Er flog zu hause raus und zog bei mir ein - ich hatte ein Haus geerbt.Wir machten schöne Reisen, bauten an dem Haus usw. Als ich dann mal irgendwann sagte, wir könnten heiraten, taten wir das. Irgendwann sagte ich wir könnten Kinder haben, da kam das erste und kurz darauf das zweite. Mein Mann hat eigentlich immer das getan, was ich wollte und deshalb kenne ich bei uns auch keinen Streit. Ich muß meinem Mann immer alles sagen und ihn anstoßen, damit mal etwas losgeht. Sexuell ist bzw. war es sicher wie bei allen - er wollte immer - ich nicht. Ich hätte lieber öfter mal was zum Anlehnen und Kuscheln gebraucht. Das habe ich ihm auch gesagt. Das ist bei uns auch der Unterschied - ich sage ihm was mir nicht gefällt, aber über sein Gefühlsleben  und anderes redet er nicht. Er ist eben so erzogen, ist dann die Entschuldigung. Nun ist mir auch noch im falschen Moment der richtige Mann über den Weg gelaufen. Kurzum, ich habe mich in ihn verliebt. die Geschichte geht seit einem Jahr, wir sehen uns sehr viel und es ist schon mehr als nur Verliebtsein. Er ist 15 Jahre älter als ich und tut mir sehr gut. Inzwischen habe ich mich gefühlsmäßig und vor allem auch körperlich von meinem Mann sehr gelöst. An manchen Tagen kann ich ihn kaum noch ertragen. Mein Mann hat sich vor kurzem selbstständig gemacht, Familie, Hund und Haus blieben an mir hängen, nebenbei bin auch noch voll berufstätig. Mit Liebe ist da nichts mehr, Themen unserer Konversation ist die Arbeit, Handy´s und die Kinder. Wir sehen uns wenig, er kommt spät nach Hause und schläft dann meist auf dem Sofa ein. Er nimmt auf meinen Haushalt-Kinder-Arbeit-Streß keine Rücksicht. Sicher weiß ich auch, daß man in solchen Situationen förmlich die Fehler an dem anderen sucht, aber ich weiß momentan nicht, wie es mit uns weitergeht. Eigentlich wollen wir uns trennen, um uns über unsere Gefühle im klaren zu werden. ein Leben mit dem anderen Mann kann ich mir vorstellen, obwohl ich nicht sagen kann, ob das mit den  Kindern gut geht. Momentan möchte ich auch nicht mehr mit ihm reden - meinen Mann meine ich - manchmal möchte ich nur noch meine Ruhe vor ihm. Und dann plagt mich wieder das schlechte Gewissen: eigentlich ist der er doch lieb und du nimmst ihm sein Heim und seine Kinder usw. usw. Ich denke eben 5 Minuten so und dann wieder so. Was sagt der Fachmann?

Liebe Ratlose (so nenne ich Sie mal, einverstanden?),

vielen Dank für Ihren Brief und Ihre Frage! Ich gehe einmal davon aus, dass Ihr Mann von Ihrem Partner weiß (wenn diese Annahme falsch ist, sollten Sie es mir mitteilen, dann würde ich meinen Kommentar ändern müssen). Sie schreiben, dass Ihr Mann immer gemacht habe, was Sie gesagt haben. So scheint er mit dem Umstand, dass er einen ernsthaften Rivalen hat, auch keine besonderen Probleme zu haben. Jedenfalls schreiben Sie davon nichts, so dass ich annehme, dass es keine Eifersuchtsszenen oder sonstigen Verzweiflungsausbrüche, Drohungen, Bitten, Flehen oder andere Bemühungen um Sie von seiner Seite gibt. Er schläft einfach abends auf dem Sofa ein, der Arme! Wie verstehen Sie das? Ist es ihm gleichgültig, dass Sie einen Liebhaber haben? Oder ist er sich Ihrer so sicher, dass er es einfach hinnimmt? Erlebt er Ihren Liebhaber vielleicht sogar als Entlastung? Man hat den Eindruck, dass es -wie immer!- allein Ihre Entscheidung ist, wie es weitergehen soll. Was will denn Ihr Mann??? Möglicherweise wissen Sie das genauso wenig wie ich, und darin liegt aus meiner Sicht Ihr Hauptproblem. Wenn Sie sich sicher wären, dass Ihr Mann Sie nicht mehr liebt, dann wüssten Sie, was Sie tun müssen: Sie würden ihn wohl verlassen (Sie sollten in diesem Fall längere Zeit mit den Kindern alleine leben und müssen nicht überstürzt mit Ihrem Partner auf "Familie" machen. Das ist für die eigene Selbstfindung und für die Kinder meist besser). Wenn Sie sich andererseits sicher wären, dass Ihr Mann Sie sehr liebt, wäre Ihre Entscheidung wohl auch leichter. Aber er zeigt dies ja offensichtlich nicht deutlich. So sind Sie völlig auf sich alleine gestellt mit der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Da kann ich gut verstehen, dass Sie sich schwertun!

Ich finde, Ihr Mann wäre nun an der Reihe, "Farbe" zu bekennen. Er muss mitwirken, eine Entscheidung zu treffen. Er muss für sich selbst entscheiden, wie es aus seiner Sicht weitergehen soll und was er tun sollte, um es zu erreichen. Konfrontieren Sie ihn in naher Zukunft damit, dass Sie nicht allein entscheiden wollen und können, wie es mit Ihrer Ehe und Familie weitergehen soll. Schieben Sie ihm mal die Verantwortung zu. Machen Sie ihm ganz deutlich, dass er dabei ist, Sie zu verlieren, dass es höchste Zeit für ihn ist, sich dessen bewusst zu werden und zu überlegen, ob er das will oder nicht. Wenn ja, dann soll er es Ihnen deutlich sagen und Sie freigeben. Wenn nein, muss er sich endlich aufraffen und sehr bemühen, Sie zurück zu gewinnen. Da gäbe es viel für ihn zu tun, um Ihre Ehe wieder aufzufrischen und neu zu starten.

Liebe Ratlose, der Fachmann rät Ihnen also, Ihren Mann bei seiner Verantwortung zu packen. Er soll Farbe bekennen. Sie sind nur so lange ratlos, wie er sich davor "drückt".

Viel Erfolg und alles Gute wünscht Ihnen Ihr Dipl.-.Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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